Letzte Änderung: 26.03.2016 um 00:38:25 ● Erstveröffentlichung: 20.12.2016 ● Autor: Muħammad Ibn Maimoun
Erläuterungen: {erh.} = „Erhaben und herrlich gepriesen sei Gott“ / (s.) = „Segen und Friede sei mit dem Propheten“

Wo sind Gog und Magog?

Eins ist hinsichtlich dieses Volkes sicher, und Judentum, Christentum und Islam sind sich weitgehend einig: Gog und Magog sind Menschen, die sich in der „Endzeit“ massenhaft und in rasender Geschwindigkeit über die Erde ausbreiten und sie in beispielloser Weise verwüsten. Kann man sie schon jetzt lokalisieren?

Bevor wir uns mit der Frage beschäftigen, wer Gog und Magog sind und wo sie sich befinden, sollten wir uns zunächst darüber klar werden, inwiefern dies überhaupt sinnvoll und keine Zeitverschwendung ist. Immerhin gelten mehrere Prophetenaussprüche als authentisch, aus denen hervorzugehen scheint, dass sich der Ausbruch Gogs und Magogs erst nach dem Auftauchen des Antichristen und nach dessen Besiegung durch den zurückgekehrten Jesus Christus  ereignen wird. Solange diese beiden Zeichen nicht eingetroffen sind, scheint man sich also beruhigt zurücklehnen zu können. Dies ganz abgesehen davon, dass die Erfüllung von Gott inspirierter Prophezeiungen nicht verhindert werden und somit auch eine Identifikation und Lokalisierung des Volkes nicht zur Verhinderung seines Ausbruchs führen können.

Bei den Aussprüchen handelt es sich um:

  1. einen langen, auf Nauwas b. Samaan zurückgeführten Hadith 
  2. einen auf Hudhaifa zurückgeführten Hadith, der Hadith 1 ähnelt
  3. einen auf Abdullah b. Masuud zurückgeführten Hadith, demzufolge Jesus selbst in der Nacht der Nachtfahrt (isrâ°) jene zukünftigen Abläufe schilderte
  4. Hudhaifas Hadith mit der Aufzählung der zehn Zeichen.

Sich auf diese Überlieferungen hinsichtlich der Reihenfolge der Ereignisse zu verlassen, dürfte jedoch zumindest leicht bedenklich sein. Hadith 1 steht zwar im Saħîħ-Werk Muslims. Dennoch werfen hadithwissenschaftlich betrachtet seine Überliefererkette und sein Inhalt Fragen auf.1 Hadith 2 und 3 sind umstritten.2 Hadith 4 ist leicht anzusehen, dass er keine chronologische Reihenfolge beabsichtigt.

Hingegen existiert eine Überlieferung, über deren Authenzität sich Buchari, Muslim und andere Hadithgelehrte - anders als bei den Hadithen 1 bis 3 -  einig sind, und deren Implikationen der obigen Reihenfolge zu widersprechen scheinen:

Zaynab b. Jahsh berichtete, dass der Prophet, Gottes fürsorglicher Segen und Frieden mögen auf ihm ruhen, [eines Tages] aus seinem Schlaf mit rotem Gesicht erwachte [, zu ihr erschrocken hereinkam] und sagte: Keine Gottheit außer Gott! Wehe den Arabern vor einem Übel, dass schon nahe ist - von dem Wall Gogs und Magogs ist heute schon so viel geöffnet worden! Dabei fügte er Daumen und Zeigefinger zu einem Kreis zusammen. Sie sagte: „Gesandter Gottes, werden wir denn zugrunde gehen, auch wenn sich Rechtschaffene unter und befinden?“ Er antwortete: Ja, wenn die Schlechtigkeit sehr zugenommen hat.

Zu betroffen und erschrocken wirkt der Gesandte Gottes  hier, und zu sehr betont er die Nähe des „Übels“, in dessen Zusammenhang er Gog und Magog erwähnt, als dass die durch die anderen Hadithe implizierte Ferne ihres Ausbruchs plausibel erscheinen könnte. Besonders deutlich wird dieses Spannungsverhältnis angesichts der dem Propheten in Hadith 1 zugeschriebenen verharmlosenden Attitüde bezüglich des Antichristen (andernorts als größte Gefahr bzw. Versuchung aller Zeiten dargestellt), obwohl sein Erscheinen den obigen Hadithen nach noch näher bevorsteht als der Ausbruch Gogs und Magogs.

Eine Möglichkeit, den Konflikt einigermaßen aufzulösen, wäre, das Erschrecken nicht direkt auf die Nähe des Ausbruchs Gogs und Magogs zu beziehen, sondern auf die mit ihr ebenfalls feststehende Nähe der Dinge, die dem Ausbruch vorausgehen und für welche die Öffnung im Wall ja ebenfalls ein Zeichen sein muss, wenn die Chronologie als dem Propheten bekannt vorausgesetzt wird. Ganz aus der Welt schafft diese Möglichkeit das Problem der laut Hadith 1 ruhigen Verhaltensweise des Propheten  allerdings nicht.

Auch ohnedies wäre eine nähere Untersuchung zu diesem Thema nicht ohne einen gewissen Nutzen. Falls sie nämlich zu einem nennenswerten Ergebnis kommt, wird dieses voraussichtlich die Verlässlichkeit der Methoden der Hadithwissenschaft untermauern oder aber wenigstens dazu beitragen, die Grenzen ihrer Verlässlichkeit genauer festlegen zu können. - Zudem lässt sie erwarten, die Setzung eines wichtiges Puzzlestücks aus der Thematik um Dhul Qarnayn und somit die Fehlerlosigkeit des Ehrwürdigen Koran weiter zu untermauern, zumal Polemiker oft behaupten, der historische Dhul Qarnayn werde von Sure 18 falsch, weil als Monotheist und nicht als Polytheist beschrieben.

Hypothesen

Bezüglich der Frage, wo Gog und Magog derzeit sind, insbesondere angesichts der Tatsache, dass der Wall des Dhul Qarnayn, hinter dem sie zurückgehalten wurden, trotz moderner Satellitentechnik noch nicht entdeckt ist, und auch keine Landfläche mit einem darin eingesperrten Volk, gibt es mehrere Hypothesen:

  1. Sie leben noch auf der Erde und wurden übersehen.
  2. Sie leben unter der Erde.
  3. Es handelt sich um die Mongolen und ähnliche Völker, die im Mittelalter Asien und Europa verwüsteten. Somit ist ihr Zeitalter bereits vorüber.
  4. Sie sind mit einem oder mehreren der heute lebenden Völker zu identifizieren, z.B. Chinesen.

Wenn man nicht nur alle Koranverse,  sondern auch alle einigermaßen authentischen Hadithe respektieren möchte, ohne auf Möglichkeit 1 und 2 zurückzugreifen, wird es schwierig. Wahrscheinlich müsste man auf die Vorstellung verzichten, dass Gog und Magog derzeit eingesperrt sind, egal ob oberhalb oder unterhalb der Erdoberfläche. Doch bei genauerem Hinsehen lässt sich keinem Koranvers und keinem unumstritten authentischen Hadith eindeutig entnehmen, dass Gog und Magog wirklich eingesperrt sind und permanent versuchen, eine Eisenmauer zu durchbrechen.3 Die folgenden Texte erweisen sich nicht als Beleg des Letzteren geeignet:

Das geringste Problem ist derweil der Wall Dhul Qarnayns, auch wenn er noch nicht als wiederentdeckt gilt. Als ein seit Jahrhunderten in einem Gebirge befindliches Konstrukt wird er von Schnee, Gletschern, Geröll und/oder pflanzlichem Bewuchs bedeckt sein und daher, zusätzlich zu seiner schwierigen Zugänglichkeit, nicht als künstliches Bauwerk auffallen. Es wäre möglicherweise sogar in Betracht zu ziehen, dass er (evtl. schon vor der Zeit Mohammeds ) teilweise oder ganz entfernt oder zerstört wurde. Dies lässt sich durch Sure 18:97 nicht ausschließen, denn dieser Vers beschreibt nur, dass Gog und Magog unfähig waren, den Wall zu überwinden (und das möglicherweise auch noch nur zu Zeiten Dhul Qarnayns, immerhin heißt es vermochten in Vergangenheitsform statt „vermögen“), und lässt zu, dass durch eine Naturkatastrophe eine vorzeitige Zerstörung erfolgt oder anderen Völkern später Techniken zur Verfügung stehen, die Mauer zu zerlegen und ihr Material für andere Zwecke zu verwenden, insbesondere in einer Zeit, in der scheinbar keine akute Gefahr mehr durch Invasionen Gogs und Magogs mehr bestand. Hiergegen lässt sich einwenden, dass 18:98 nahelege, dass der Wall in etwa bis zum Tag des Gerichts bestehen und nicht auf künstliche Weise abgetragen werde: Dies, sagte er, ist eine Barmherzigkeit von meinem Herrn. Wenn aber die Verheißung meines Herrn kommt, wird Er ihn zu Schutt werden lassen. Und die Verheißung meines Herrn ist wahr. Doch dieses Argument ist solange schwach, wie es das Wahrscheinlichste ist, dass der hier Zitierte - Dhul Qarnayn - kein Prophet war, sowie, dass er mit der Verheissung eine speziell diesen Wall betreffende meinte. Diese kann auch mit einer vor Jahrhunderten geschehenen Naturkatastrophe erfüllt worden sein, z.B. einem zum Schmelzen des Metalls führenden Vulkanausbruch, einem Erdbeben oder beidem. Nicht uninteressant in diesem Zusammenhang ist, dass in dem Gebirge, in welchem Dhul Qarnayn den Wall errichten ließ, tatsächlich eine permanente Erdbebengefahr herrscht und mehrere Vulkane existieren, wie sich in einer näheren Untersuchung zeigen lässt.

Ausblick

Das Thema ist wirklich - zumindest für mich persönlich - sehr spannend, obwohl ich bis vor Kurzem nie vorhatte, jemals etwas Dediziertes über dieses Thema zu schreiben. Doch während meiner Arbeit an dem Artikel „Wer war Dhul Qarnayn?“ sammelten sich nebenbei Berge von Informationen im Zusammenhang mit Gog und Magog an, welche nun ihrer Sortierung sowie ihrer Aus- und Verwertung in einem eigenen Artikel harren. Dieser würde den obigen vier Hypothesen eine fünfte hinzufügen5 und zur Feststellung derjenigen unter ihnen, welche der Wahrheit am nächsten kommt, ein kritisches Ausschlussverfahren anwenden. Neben einer linguistischen und etymologischen Analyse der arabischen und der nicht-arabischen Version des Namens „Gog und Magog“ sowie exegetischen, herausragende Kommentarwerke konsultierenden Untersuchungen relevanter Stellen im Koran dürfte er sich durch Raum und Zeit auf eine Reise in verschiedene geographische Gebiete des Altertums begeben, wie z.B. das alte Persien, die antike Kaukasus- und andere Regionen, um stumme wie sprechende und schriftliche wie archäologische Zeugen zu Wort kommen zu lassen und eine Reihe von „Hinweisschildern“ wahrzunehmen, die fast alle in ungefähr die gleiche Richtung zeigen, und vieles mehr.

Das Material und das Thema sind jedoch so umfangreich, dass das Ergebnis erwartungsweise eher die Gestalt eines Buches als nur die eines Artikels haben würde. Darum stellt sich die Frage, ob nicht trotz eines Nutzens solch einer Studie dieser nicht doch in einem angesichts anderer wartender Lichtwort-Projekte unvertretbaren Verhältnis zum Aufwand stünde. Und da es zudem fraglich ist, wie hoch das Interesse der Leser an einer solchen „ehrenamtlichen“ Arbeit wäre, muss sie sich wohl in der Prioritätenliste auf einen Platz verschieben, der sich sicher nicht im Feld des oberen Drittels der Skala befindet. Dies könnte sich ändern, wenn durch die Finanzierung dieser Unternehmung soviel Kapazitäten freigeräumt werden könnten, dass sie schon jetzt in Angriff genommen werden kann. Anregungen und Vorschläge hierzu sind willkommen und können gerne per E-Mail (mail@lichtwort.de) eingereicht werden.



1 Alle auf Nauwas b. Samaan (النواس بن سمعان, gest. ca. 50 n.H.) zurückgeführten Varianten des Hadiths werden von Walid b. Muslim überliefert, so dass Letzterer die Achse aller betreffenden Überlieferketten bildet. Er ist einigermaßen umstritten - Buchari überliefert von ihm viel weniger Hadithe in seinem Hauptwerk als Muslim und nur mit größter Vorsicht, z.B. durch die anderweitige Hinzunahme einer weiteren Kette ohne ihn als Zeugen. Abu Jafar Uqayliy bewertete ihn als schwach, ähnliches ist von Abu Hatim Bastiy überliefert; Ahmad b. Hanbal stellte bei ihm „viele Fehler“ fest. Er ist bekannt für eine besonders problematische Sorte der „kosmetischen“ Bearbeitung von Überliefererketten (tadlîs), nämlich für den tadlîs at-taswiyah, d.h. bei ihm genügt es zur Akzeptanz seiner Hadithe nicht, dass er ausdrücklich sagt, jemand habe ihm etwas berichtet und wer dieser ist, sondern sein Hadith wird abgelehnt, sobald er bei irgendeinem anderen, noch so früheren Überlieferer vermeidet, ausdrücklich zu sagen, dieser habe ihn von seinem Vorgänger direkt empfangen. Genau eine solche Vermeidung ist in der vorliegenden Überlieferkette festzustellen. Darum bietet Imam Muslim eine zweite Überlieferkette als Unterstützung, ebenfalls mit der selben Basiskette von Walid b. Muslim, die sich im Basisteil nur durch das Fehlen der Vermeidung unterscheidet. Doch kann man bei dieser Kette wirklich ausschließen, dass Walid in der unterstützenden Kette die Vermeidung nur versehentlich unterlassen hat, oder dass einer der anderen Überlieferer nichts von der Problematik wusste und arglos ein „dem berichtet wurde von“ (قال حدثنا) einbaute, wo nur „von/nach“ (عن) gesagt wurde? Auch unabhängig davon stellt sich die Frage, wie man einem Überlieferer, der auf derartige Vorgehensweisen zurückgreift, die originalgetreue, rein mündliche Überlieferung solch immens langer Texte zutrauen kann. Das standardmäßige Hauptargument, die Person habe sich, von ihrer tadlîs-Praxis abgesehen, ansonsten als ehrlich erwiesen, kann allenfalls in unvollkommener Weise überzeugen. Denn wer zum „Verschönern“ von Beweismitteln neigt, wird womöglich auch zum „Verschönern“ von Texten neigen, ohne sich dabei einer Lüge bewusst zu sein. Eine bekannte Möglichkeit hierfür ist beispielsweise die nicht selten praktizierte Hinzufügung von nicht sofort als solche erkennbaren Eigenkommentaren (°idrâj), als deren Rechtfertigung in einem Zeitalter vor der Erfindung von Anführungsstrichen ein mudallis sicher glauben wird, stets anführen zu können, er habe nicht explizit gesagt, dass sie noch zum Zitat gehörten. Immerhin gibt der Hadith durchaus auch inhaltlich Anlass zu Zweifeln an seiner Authenzität. Tirmidhiy klassifiziert ihn als ħasan Şaħîħ gharîb, d.h. für ihn stellt er trotz der grob betrachtet intakten Überlieferkette unter allen ihm bekannten Überlieferungen inhaltlich eine auffällige Seltenheit dar. Diese Feststellung gesellt sich zu der ungewöhlich großen Menge an extrem märchenhaft anmutenden Details der Erzählung hinzu, in starkem Konstrast zu der typischen Tendenz hochauthentischer Hadithe zur inhaltlichen Nüchternheit. - Hinzukommt, dass der als Prophetengefährte angesehene Nauwas b. Samaan (gest. ca. 50 n.H.) nur als Kind die Prophetenzeit erlebt haben soll und ihm daher die zuverlässige unfixierte Bewahrung eines solch langen Textes über mehrere Jahre bis zum nächsten Überlieferer hinweg kaum zuzutrauen ist. Es hat einen guten Grund, dass ein Teil der frühen Hadithwissenschaftler, z.B. der Lehrer Bucharis Abu Nuaim, Hadithe von einer derartigen Länge grundsätzlich ignorierten. Das junge Alter Nauwas' zur Prophetenzeit oder, dass allgemein über diese Person wenig Sicheres bekannt ist, wird wohl der ausschlaggebende Grund dafür gewesen sein, dass Buchari in seinem Şaħîħ-Werk keinen einzigen auf ihn zurückgeführten Hadith überliefert hat.
2 Hadith 2 beinhaltet laut Ibn Kathir obskure (munkar) Elemente, Hadith 3 ist von Albâniy als schwach eingestuft worden.
3 Es gibt einen u.a. von Albaniy als authentisch angesehenen Hadith bei Tirmidhiy, Ibn Majah und Ahmad, der sich einigermaßen im Sinne eines Eingesperrtseins interpretieren lässt. Allerdings liegt nach Ibn Hajar von Askalon wegen des Überlieferers Qatadah eine tadlîs-Wahrscheinlichkeit in seiner Überliefererkette vor. Dies ist wohl der Grund, warum Tirmidhiy dem Hadith eine Authentifizierung verweigerte und ihm nur ein ħasan gharîb zugestand, also praktisch „schwach“. Es gibt zwar weitere Überliefererketten, welche die tadlîs-Wahrscheinlichkeit durch das Detail ħaddathanâ beseitigen könnten, doch ob dieses sensible Detail gesichert ist, ist wiederum aufgrund anderer problembehafteter Gewährsmänner, von denen dieses Detail abhängt, fraglich. Eine weitere Überlieferkette, auf die Ibn Hajar hinweist, gehe gar nicht bis zum Propheten  zurück (mawqûf).
4 Oder: „geöffnet wird“ - aus grammatischen Gründen lässt sich in diesem Vers das Verb als Singular auffassen, falls Gog und Magog hier nicht das Volk, sondern eine Sache sein sollte, z.B. ein Land.
5 Auffassung des Namens „Gog und Magog“ trotz der Eigennamenform als funktionale Kategorienbezeichnung statt als den Eigennamen einer konkreten Ethnie.