Letzte Änderung: 17.11.2017 um 18:16:49 ● Erstveröffentlichung: 09.08.2016 ● Autor: Muħammad Ibn Maimoun
Erläuterungen: {erh.} = „Erhaben und herrlich gepriesen sei Gott“ / (s.) = „Segen und Friede sei mit dem Propheten“

Die Weisheiten und Effekte der herabgebrachten Normen

Häufig wird nach dem Sinn der im Sendschreiben Gottes und in der Lehre seines Propheten enthaltenen Direktiven und sakrosankten Verbote gefragt. Nicht jedem ist dieser ersichtlich. Diese hier nur begonnene und auf allmähliche Erweiterung ausgelegte Sammlung bietet hierzu Aufklärung oder zeigt wenigstens die positiven Effekte der jeweiligen Norm auf.

Die Warum-Frage scheint bei vielen rituellen Handlungen und herabgesandten Regelungen offengelassen zu sein, und wenn mal ein Gelehrter in einem seiner Bücher eine Antwort auf eine solche Warum-Frage gibt, ist es oft nicht mehr als sein persönlicher Versuch, den jeweiligen Sinn zu erblicken.

Man könnte nun eine weitere Warumfrage stellen, in gewissem Sinne ist es die „größte“ der offenen Warum-Fragen, nämlich: Warum hat Gott  bei den Regelungen scheinbar so viele Warum-Fragen offengelassen?  Auch die Antwort hierauf mag ebenfalls als persönliche, denkerische Eigenbemühung betrachtet werden - jemand aber, der die Schrift Gottes und ihre Werte gut kennt, wird sie ganz sicher äußerst naheliegend finden, besonders angesichts der Sure 2:219, in welcher uns im Zusammenhang mit dem Wein- und Glückspielverbot mitgeteilt wird: Derart macht Gott euch die Zeichen deutlich, auf dass ihr nachdenken möget.

Die Antwort lautet offenbar, dass unser Schöpfer  will, dass wir selbst, Gelehrte und Nicht-Gelehrte, über Sein Gesetz und den Usus Seines Gesandten (s) nachdenken, unseren Geist üben und weiterentwickeln, und diesen daran gewöhnen, sich den Willen und die Weisheit Gottes zum Gegenstand zu machen.  Darum sei natürlich jeder ermutigt, sich durchaus eigene Gedanken zu den verschiedenen Regelungen zu machen. Bei einem solchen Nachdenken kann man eigentlich kaum etwas falsch machen, solange man nicht zu stark dazu tendiert, die eigenen Gedanken als der Weisheit letzten Schluss anzusehen, oder versäumt, nach den Antworten auf die Warum-Frage (idealerweise zuerst) in der Offenbarung zu suchen. Auch ein Austausch mit anderen Geschwistern, die den Wert solchen Nachdenkens nicht verkennen, kann sich sicherlich zusätzlich als fruchtbar erweisen.

Ein besonderes Anliegen dieser Schrift ist derweil, nicht nur eine Hilfestellung hierzu zu bieten, sondern auch, vorschnellen Behauptungen zu begegnen, ein Teil der großen Normen habe zur Offenbarungszeit zwar einen Sinn und Zweck gehabt, sei aber in der heutigen Zeit obsolet geworden, da der von der jeweiligen Norm herbeigeführte Nutzen oder abgewendete Schaden nun durch die moderne Entwicklung neutralisiert worden sei.

Diesem lässt sich sowohl im Einzelnen, wie im Verlauf dieser Schrift, begegnen, als auch im Allgemeinen. Letzteres will sagen, dass es keine Garantie dafür gibt, dass die angesichts des Alters der Menschheit erst seit extrem kurzer Zeit existierenden modernen Errungenschaften auch nach weiteren hundert Jahren, geschweige denn in alle Ewigkeit, erhalten bleiben. Da der Ehrwürdige Koran das letzte offenbarte Sendschreiben Gottes und Mohammed  der letzte Gesandte Gottes ist, darf auch unter Annahme der Tatsächlichkeit der behaupteten Neutralisierung das offenbarte Normensystem nicht in Vergessenheit geraten, indem es „außer Gebrauch“ gerät, wenn sich die Menschheit bei einer Wiederkehr der alten Bedingungen noch daran erinnern soll. - Darüber hinaus ist die Umsetzung der göttlichen Direktiven, gleich welcher Art diese sein mögen, immer insofern sinnvoll, als diese eine Form des Gottesdienstes ist, für den die Menschheit erschaffen wurde. Für Gottesdienste ist es aber geradezu essentiell, dass sie nicht in erster Linie eines irdischen Nutzens wegen erbracht werden.

Das Fasten des Monats Ramadan

Die oft kolportierte Begründung, man solle damit das Elend der Armen und Hungernden dieser Welt nachfühlen, zählt nicht zu den Hauptgründen und ist lediglich ein begrüßenswerter Nebeneffekt des Fastens, es sei denn höchstens, als Bestandteil eines der folgenden Hauptgründe und weiteren Effekte:

Die Pilgerfahrt

Als fünfte Säule der friedvollen Ergebung (islâm) und somit der Vereinzigung (tawħîd) wird die Pilgerfahrt zweifellos der Distanzierung von irgendeinem Götzen und irgendeinem Götzendienst bzw. ihrer Zurückweisung dienen, so wie die Läuterungsabgabe eine gelebte Zurückweisung des Götzen des Geldes und Kapitals und des Götzendienstes der extremen, mitunter ideologischen unter den Formen des Kapitalismus darstellt, oder das Fasten eine gelebte Zurückweisung des Götzen der Begierde und der extremen, mitunter ideologischen Formen des Hedonismus ist.

So eignet sich die Pilgerfahrt perfekt als Distanzierung vom Götzen der Nation und Rasse (Stichwort „Herrenmensch“) und von den Götzendiensten der extremen Formen des Patriotismus, des Nationalismus und des Rassismus. Man verlässt für einige Zeit Gott zuliebe Volk und Heimat und vermischt sich während der Riten in Einheitskleidung mit Menschen der unterschiedlichsten Ethnien und Volkszugehörigkeiten, ohne sich von ihnen abzuheben. Die weißen Tücher, in die man sich kleidet, sollen nicht einmal eine Naht aufweisen, nicht einmal durch eine solche ist es möglich, sich von Ärmeren oder Angehörigen eines anderen sozialen Status abzuheben oder in der äußeren Erscheinung implizit einen Vorrang gegenüber anderen Ethnien zu beanspruchen. Es war dementsprechend die Gelegenheit der Pilgerfahrt, bei der der Gesandte Gottes  die Menschen explizit daran erinnerte, dass es keinen ethnisch bestimmten Vorrang eines Arabers gegenüber einem Nichtaraber oder umgekehrt gibt, und auch keinen bezüglich der Hautfarbe.

Der Ritus des Umrundens der Kaaba könnte diese Sinngebung auf den Gipfel treiben: Der Umrundende wird - woran die Überholtheit des Bohrschen Atommodells nichts ändert -  wie zu einem Elektron in einem Atom, oder, mehr noch, wie zu einem Planeten in einem Sonnensystem, oder, mehr noch, wie zu einem Stern in einer Galaxie. Noch weiter gesteigert wird dieser Eindruck durch das Wissen, dass sich nach einer jüngeren Entdeckung eine signifikante Mehrheit der rotierenden Galaxien wie auch die Masse der Pilgerer um die Kaaba herum gegen den Uhrzeigersinn dreht. Offenbar gleicht sich auf diese Weise der Pilgernde nicht nur seinen Mitmenschen an, sondern der gesamten Schöpfung.


Die Vorzüglichkeit des rituellen Gebets in Gemeinschaft gegenüber dem als Einzelperson

Wie man an der im rituellen Gebet zentralen Formel „Gott ist größer“ ablesen kann, gehört es zu den Zielsetzungen des Gebets, dass sich der Betende der Kleinheit alles Erschaffenen bewusst wird, und zwar einschließlich und besonders seiner eigenen Person, deren Seele sich stets in der Versuchung befindet, sich größer und wichtiger als alles andere zu machen. Dieses Bewusstsein gelingt naturgemäß in den wohlgeordneten Reihen einer großen Gruppe am besten, denn hier kommt sich die Einzelperson kleiner vor, zur Zeit der Pilgerfahrt in Mekka sogar fast wie ein Tropfen in einem Ozean.

Außerdem gereicht es Gott  umso mehr zur Ehre, je größer die Gruppe ist, die ihre Unterwerfung Ihm gegenüber ausdrückt. Die Machtwürde Gottes wird der Seele des Einzelnen hier besonders eindrücklich bewusst gemacht.

Nicht zu vergessen ist, dass im Ehrwürdigen Koran die Engel als „die sich (im Gottesdienst) Reihenden“ beschrieben werden. In diesem Lichte fühlt sich der in der Gemeinschaft Betende mit den Engeln verbunden.

Im Gemeinschaftsgebet ist zu guter Letzt die Gefahr geringer, wichtige Gebetsschritte versehentlich auszulassen oder sonstwie falsch zu beten.

Das Verbot von Unzucht und Promiskuität

Man könnte auf die Idee kommen, durch moderne Verhütungsmittel wie die Pille, sowie heutige Betreuung bietende Institutionen seien das Risiko und die sozialen, mit schweren Nachteilen für das Kind einhergehenden Komplikationen außerehelicher Schwangerschaften kaum mehr vorhanden. Das Verbot behält dennoch nach wie vor seine Wichtigkeit.





1 Die Essentialität dieses Punktes wird manchem Betrachter erst verständlich, wenn ihm bewusst wird, wofür Ehe in sozialer, in anthropologischer und in zivilisatorischer Hinsicht überhaupt da ist.