Letzte Änderung: 09.03.2017 um 21:05:54 ● Erstveröffentlichung: 01.06.2016 ● Autor: Muħammad Ibn Maimoun
Erläuterungen: {erh.} = „Erhaben und herrlich gepriesen sei Gott“ / (s.) = „Segen und Friede sei mit dem Propheten“

Der Kommentar

Was zu kurz erscheint, um einen eigenen Artikel daraus zu machen, aber auch zu nützlich, um in Vergessenheit zu geraten, sollte dann doch wenigstens in eine sich stetig fortsetzende Kommentarsammlung aufgenommen werden - darum dieses Auffangnetz für Gedanken, die ich nur ungern zurück in das Nebulöse des Unterbewussten entweichen lasse.

Der Aufrufer im Restaurant (01. Juni 2016)

Darüber jammern, wie schwer es uns im Aufruf (dawah) zur Religion Gottes hierzulande gemacht und der Aufruf zur Wahrheit gegenüber den Aufrufen zur Unwahrheit benachteiligt werde, kann man so viel, wie der Tag lang ist. Nicht nur verglichen mit der Situation in Mekka vor der Auswanderung des Gesandten Gottes  aber bieten sich hier in Westeuropa dem Aufruf zum Wege Gottes nach wie vor geradezu unglaubliche Möglichkeiten. In diesem modernen, ruhigen und renommierten Restaurant kann prinzipiell jeder Meinungsträger relativ gleichberechtigt dinieren. Was aber passiert wohl mit einem Gast im Karnevalskostüm, der an seinem Tisch die Blicke auf sich zieht, weil er wie ein Wahnsinniger das Essen in großen Klumpen hinunterschlingt, quer durch den Raum nach der Bedienung ruft und sich zwischendurch auch noch lautstark über sie beschwert, vielleicht auch noch hörbar herumrülpst?

Das Fehlen der Ernstzunehmenden (04. Juni 2016)

Die Aussage, dass jemand, der die Religion der Ergebung (islâm) ablehnt und so stirbt, der unaufhörlichen Peinigung im Feuer anheimgegeben wird, mag sich für viele Ohren primitiv anhören. Der Eindruck der Primitivität wird aber insbesondere durch die derzeitigen Überbringer dieser Aussagen zementiert, wenn nicht gar (mit-)verursacht. Es fehlt der westlichen Gesellschaft schlichtweg an intellektuell, charakterlich, sprachlich und stilistisch ernstzunehmenden Dialogpartnern, die ihr solche Lehren nachvollziehbar und gedanklich anregend begründen.

Wir bezeugen mit unserer shahâdah, dass Mohammed  der Gesandte Gottes ist. Man beachte das Wort „bezeugen“. Sinn und Zweck einer Bezeugung ist in der Regel, anderen Menschen, die sich (noch) nicht selbst, d.h. durch die eigene Begutachtung von Beweisen oder durch eigene Beobachtung, vom Wahrheitsgehalt der bezeugten Aussage überzeugen können, zu erleichtern, diese dennoch wenigstens vorläufig zu akzeptieren. Man bringt also die eigene Person als Argument ein. Nichts anderes tun Zeugen vor Gericht. Wie will man aber der Funktion der Bezeugung gerecht werden, wenn man keine überzeugende Persönlichkeit besitzt?

Freilich wird einiges getan, um solche Leute nicht zu Wort kommen zu lassen. Heutzutage ist dies aber eher eine schwache Entschuldigung, und es ist davon auszugehen, dass auf unserer Seite zu wenig dafür getan wird, solche Persönlichkeiten und Institutionen und sich selbst als eben solche hervorzubringen und sie auf die Bühne zu bringen.

Wann man sich nackt fühlt (09. Juni 2016)

Eine Gruppe Einheimischer geht neben mir ins Wasser. Sie spielen im kniehohen Meer. Die Frauen mit langen Kleidern samt Kopftuch. Sogar die Kinder tragen T-Shirts. Die Männer sind wahrscheinlich in der Moschee. Auf einmal komme ich mir nackt vor in meinen Shorts. Ich ziehe mich an und schlurfe über die Insel.

Eine interessante Erfahrung des zeit.de-Autors Georg Cadeggianini auf den Malediven... Sie ist unscheinbar und doch beachtenswert, ob im Zusammenhang mit der Adamsgeschichte des Ehrwürdigen Koran, für die Debatte um die islamischen Bedeckungsvorschriften oder in allgemein anthropologischen Betrachtungen.

Freiwilligkeit (14. Juni 2016)

Wir sollten wirklich aufhören, von „freiwilligen“ Gebeten zu sprechen. Oder gibt es in der Religion Gottes etwa irgendein Gebet, zu dem der Ergebene gezwungen wird? Somit sind alle Gottesdienste freiwillig, nur sind einige verpflichtend und andere unverpflichtend, man kann zu letzteren auch „wählbar“, „semiregulär“ (zu zeitabhängigen sunnah-Gebeten) oder vielleicht „eigeninitiativ“ sagen, oder, um den Terminus nâfilah wörtlich zu übersetzen: „zusätzlich“.


Wie nah sind wir dem totalen Frieden? (26. Juli 2016)

Die provokanten Ergebnisse der Untersuchungen von Prof. Steven Pinker (Amnesty-Bericht), nämlich dass an prozentualen Zahlen gemessen die Welt insgesamt friedlicher und gewaltloser geworden sei als früher, kann ich durchaus nachvollziehen. Seine Interpretation der Ergebnisse hinsichtlich der Erklärung für das Phänomen halte ich derweil zwar nicht für völlig abwegig, aber doch nicht wirklich ausreichend: So haben zum Beispiel demokratische Regierungen dafür gesorgt, dass sich Menschen nicht mehr wahllos die Köpfe einschlagen. Der Aufstieg des Handels führte dazu, dass Menschen lebendig mehr wert waren als tot, denn mit Leichen macht man keine guten Geschäfte. Sobald Menschen anfangen zu handeln, ist es plötzlich billiger, Dinge zu kaufen als zu stehlen. Auch die Alphabetisierung hat beim Rückgang der Gewalt eine Rolle gespielt. Wenn wir Romane und Zeitungen lesen, lernen wir, uns in andere Menschen hineinzuversetzen und für fremdes Leid empfänglich zu werden. Und der Aufschwung von Bildung und Wissenschaft führte wiederum dazu, dass wir Gewalt – so wie Hunger oder Krankheit – als ein Problem begreifen konnten, das wir lösen wollen. Mindestens ebenso wichtig, wenn nicht gar der Hauptgrund, dürfte die Tatsache sein, dass das Abschreckungspotential der modernen Rüstung viel höher ist als jemals zuvor (wobei diese Abschreckung vor dem Ausbrechen von Bürgerkriegen offenbar zu fehlen scheint, wohl da das einfache Volk die u.a. langfristigen Folgen des Einsatzes moderner Waffen unterschätzt). Dies erinnert mich an die Aussage des Ewigen  in Seinem Sendschreiben, derzufolge die Erde verdorben wäre, wäre es nicht so, dass Er die einen Menschen durch die anderen abhielte.

Unter Anderem gerade deswegen darf man meines Erachtens mehrere Dinge trotz der an sich als vergleichsweise positiv oder zumindest interessant zu wertenden Feststellungen Pinkers nicht vergessen:

Die Grundlage der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit des Gottesknechtes (24. August 2016)

Der rechtschaffene Knecht Gottes eignet sich die Wesensarten der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit nicht deswegen an, weil er der barmherzigen und gerechten Gottheit  ähneln möchte, sondern weil er weiß, dass ein wahrhaft barmherziger Schöpfer barmherziges Handeln und ein wahrhaft gerechter Schöpfer gerechtes Handeln liebt und von seinen Knechten fordert. Und des Gottesknechtes all sein Denken und Handeln bestimmende Liebe zu Gott  lässt ihn wünschen, dass sich diese Eigenschaften Gottes so sehr und breit und bald wie möglich in der Realität manifestieren. Seine Liebe ist so gewaltig, dass dieser Wunsch wiederum so stark ist, dass er sich selbst ungefragt zum Werkzeug der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes zu machen bestrebt ist, um diese den Geschöpfen so bald wie möglich zukommen zu lassen.

Wer jemanden nicht liebt, wird womöglich schlecht von ihm denken, und zu solch einem schlechten Denken gehört, jener wertschätze Barmherzigkeit oder Gerechtigkeit nicht. Der rechtschaffene Knecht liebt Gott  hingegen so sehr, dass er als naturgemäßes Resultat dieser Liebe gut von Ihm  denkt und folglich fest daran glaubt, dass Gott die Barmherzigkeit und die Gerechtigkeit liebt. Und da ein Liebender das liebt, was der Geliebte liebt, liebt auch er Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Und niemand liebt Barmherzigkeit und Gerechtigkeit aufrichtig, ohne sich zu mühen, barmherzig und gerecht zu sein.

Wissen und Glauben (29. August 2016)

Heutzutage, besonders im westlichen Kulturkreis, ist es üblich, Glauben scharf vom Wissen zu trennen, als zwei unvereinbare Konzepte. In ein und derselben Person könne ein Gegenstand des Glaubens nie Gegenstand des Wissens sein, und umgekehrt.

Dass dies aber eine weltanschaulich bedingte Fehleinschätzung ist und Glauben und Wissen sich in Wirklichkeit keineswegs widersprechen, hat u.a. damit zu tun, dass der Mensch von Natur aus nicht nur ein potentiell rationales, sondern zugleich ein potentiell irrationales Wesen ist.

Durchaus muss an gewonnenes Wissen unter Umständen zusätzlich geglaubt werden. Die Frage, wozu ein solches Glauben, wo doch ein Zweifel an als solches erwiesenes Wissen irrational wäre, findet ihre Antwort eben darin, dass der Mensch als durch psychologische Faktoren beeinflussbares Wesen stets von Irrationalität bedroht ist. Glauben an Gewusstes ist hier also die Bemühung um den Selbstschutz und im Extremfall der Kampf gegen das Absinken ins Irrationale.

Dawkins - na, so ein Zufall aber auch! (08. September 2016)

Vielleicht gehört es zu dem, was man gemeinhin als Zufall bezeichnet, dennoch finde ich es interessant: Gerade schrieb ich an einem philosophischen Sketch (für mich persönlich, als denkerische Methode) mit einer an Richard Dawkins angelehnten Figur als Hauptperson der Geschichte, in der es 1.) hauptsächlich um Moral und ethisches Urteilsvermögen geht, 2.) damit beginnt, dass die Hauptperson von Alpträumen geplagt wird und 3.) an einer Stelle eine gewisse Geisteskrankheit aufblitzen lässt, da entdecke ich, nachdem der größte Teil der Geschichte geschrieben war, ohne nach der Thematik oder nach etwas mit Dawkins Zusammenhängendem zu suchen, ein stern.de-Interview mit diesem geradezu missionarisch predigenden Atheisten. Der Link kam mir auf Twitter in meiner Timeline „zugeflogen“, da bemerke ich beim Lesen, dass im Interview u.a. ziemlich genau die eben genannten Aspekte angesprochen werden: Moral und Dawkins' absurde nächtliche Träume, und das Interview trägt den ihn zitierenden Titel: „Jede Nacht werde ich vorübergehend geisteskrank“!

Vielleicht sollen mir diese Koinzidenzen andeuten, dass ich den Sketch doch veröffentlichen sollte... Jedenfalls weist das Interview aufschlussreiche Stellen auf. Es lässt sich ahnen, was ein wichtiger Grund für Dawkins' missionarischen Eifer und seinen Hass gegen die Schriftreligionen mit ihrer u.a. Selbstbeherrschung und Keuschheit predigenden Moral: Der in Talkshows leicht cholerisch veranlagt erscheinende Buchautor hat einfach bereits eine andere Religion, und diese verträgt sich mit den anderen Religionen nicht: Den Hedonismus. Auf die Frage, welche der christlichen sieben Todsünden die ihm liebste sei, sagt der Darwinismus-Experte, der dem Alkohol übrigens nicht ganz abgeneigt zu sein scheint: Die Lust. Ganz eindeutig die Lust. Sex bedeutet mir viel, weil es eine der großartigsten Erfahrungen im Leben ist, die auch mit den Jahren nichts von ihrem Zauber verliert.. Ob er etwas bereut? Als einziges nennt er: Nicht genug Sex!

Das Verständnis des Hedonisten von Ethik ist ebenfalls sehr aufschlussreich: Es ist schön und gut, der einzige Kriminelle in einem anständigen Gemeinwesen zu sein. Dabei geht es nicht um ein abstraktes moralisches Prinzip, sondern um handfeste Gründe, warum es vernünftig ist, moralisch zu handeln und eine gerechte Gesellschaft zu haben.

An einer Stelle wirken seine Worte auffällig wie die eines evangelikal-religiösen Sektenmitglieds und lassen spüren, dass der Mann bei weitem nicht wie er gerne behauptet, aus rationalen Motiven handelt, sondern schlicht aus einer Art Sadismus und Rage, die Vorstellungen anderer Menschen zu zerstören. Im Zusammenhang mit einer Frage nach Jesus, wenn er ihn nach dem Tod treffen würde, sagt er nämlich: Heute wäre er vermutlich Atheist. Ich würde ihm gern von Darwin erzählen und ihn davon überzeugen, dass alles, woran er glaubte, falsch ist. Auch auf die Frage, ob man als Atheist gelassen sterben könne, klingt er auf geradezu absurde Weise religiös: Als Christopher Hitchens vor einigen Jahren die Krebsdiagnose bekam, stellte er sich offen und mutig dem Tod und ließ sich in seinem Unglauben an Gott nicht beirren.

Zu guter Letzt ist Dawkins sich im Innersten scheinbar doch bewusst, dass er mit seiner ideologischen Identität keine Lebensentscheidung getroffen hat, die es ihm in einem gerechten Jenseits gut gehen lassen könnte: Wenn mir irgendwas am Tod Angst macht, dann die Vorstellung von der Ewigkeit, deshalb stelle ich mir den Tod wie eine Vollnarkose vor, nach der man nichts mehr spürt.

Paradoxe Ħaramisten (08. September 2016)

Auf den ersten Blick scheint es völlig paradox, wenn manche muslimische Jugendliche auch bei guten Beweisführungen, dass etwas entgegen der landläufigen Meinung doch nicht ħarâm ist, geradezu auf die Barrikaden gehen und mit aller Verzweifelung versuchen, das ħarâm-Urteil aufrechtzuerhalten. - Psychologisch ist genau dies jedoch bei einem Teil der Menschen zu erwarten. Die strenge Einhaltung korsettartiger und absurd realitätsferner Normen, die sich als bloße Pseudonormen entpuppt haben, vermag niemandem Respekt einzuflößen. Wenn manche deswegen aber irgendwann niemanden und auch sich selbst nicht mehr mit der Einhaltung solcher Normen beeindrucken können, bleiben befürchtungsweise für diesen Zweck nur noch Qualitäten, die außerhalb ihrer Recihweite liegen: Zum Beispiel gute Wesensart und Intelligenz.

Dummheit bestrafen? (22. September 2016)

Nicht immer regt sich in einem Mitleid, wenn ein Anhänger des gleichen Glaubens Schikanen ausgesetzt wird. Manchmal scheint es einfach das Beste für ihn/sie und andere, wenn seine/ihre Dummheit bestraft wird.

Andererseits stellt sich wiederum die Frage, ob es wirklich einen Nutzen bringt, Dummheit zu bestrafen. Es steht nämlich zu befürchten, dass, egal wie hart die Strafe ist, der Dumme, weil er eben dumm ist, nichts aus ihr lernen wird. Etwas anderes als Mitleid - nicht zuletzt auch, weil es einen selbst treffen kann - bleibt also häufig nicht übrig.


Die Glückbremse (14. November 2016)

Schon seit Längerem finde ich es bemerkenswert und geradezu paradox, dass es den Menschen immer besser geht, sie immer mehr und immer erstaunlichere Dinge nutzen oder besitzen, von einem zunehmenden medizinischen Fortschritt profitieren, noch vor nur 25 Jahren heute normale Möglichkeiten nicht hatten, ohne die sich jeder Westbürger in der tiefsten DDR fühlen würde, sich mit ihren Familienangehörigen rund um den Globus in Bild und Ton nonstop kostenfrei unterhalten können (früher musste man sich aus Kostengründen u.U. auf wenige Minuten im Monat beschränken) und ein Wunder nach dem anderen erleben und erlangen - und sie sich dennoch nicht besser fühlen (und das eben nicht weil die Spitze des Gefühls erreicht wäre), sondern im Großen und Ganzen konstant gleich gut oder schlecht, und viele - teils zunehmend - schlechter.

Woran liegt das? Wenn man einem von ihnen die vielen erstaunlichen Wohltaten, die er genießt, ins Gedächtnis ruft, und ihn fragt, warum er nicht froh und dankbar ist, dann kann man sich darauf gefasst machen, dass die gelangweilte Antwort lautet: „Das hat doch jeder“, oder: „Das ist doch heute Standard.“ Es mag schockieren, aber in anderen Worten sagt er in etwa nichts anderes als: „Solange andere das Gleiche auch haben und nicht ich alleine, macht es mich nicht dankbar.“

Die Ergebung ist eine Religion der Mitte, also auch zwischen Individualismus und Kollektivismus - doch eine ewige Glückbremse des Menschen ist, wie wir nun gesehen haben, eine pervertierte individualistische Haltung, und im Umkehrschluss bedeutet dies, dass, wenn das Individuum etwas mehr (und aufrichtiger!) in den Kategorien der Gemeinschaftlichkeit und Menschenverwandtschaft denken würde, es in der Lage wäre, sogar für das dankbar zu sein, was andere haben, und Freude darüber zu empfinden.

Ein Glücksturbo (13. Dezember 2016)

„Wie: Gottesfurcht? Muss ich vor Gott Angst haben?“ So oder ähnlich wurde der Befürchtung, man müsse als gottesfürchtiges Individuum ob der permanenten Furcht ein unglückliches Leben fristen, schon häufig Ausdruck verliehen. Gerne wird relativiert: „Nein, nein, das hast du völlig falsch verstanden, denn gemeint ist nur Ehrfurcht.“ Als ob begriffsgeschichtlich mit Ehrfurcht nicht ursprünglich tatsächliche Furcht gemeint gewesen sein dürfte.

Dabei ist gerade die Gottesfurcht (solange nicht völlig irrational und unreguliert) zwar nicht der allein hinreichende, aber doch einer der wichtigsten Bausteine des individuellen Glücksempfindens. Die Begründung ist relativ einfach: Jemand, der sich vor ungezügeltem Denken und Verhalten hütet, weil er Furcht vor der Gerechtigkeit Gottes hegt und dem, was an Vergeltung einhergehen kann, ist sich bewusst, das seine aktuelle Situation von Gott augenblicklich mit etwas unvorstellbar Schlimmem ersetzt werden könnte - somit ist er sich auch bewusst, so schwierig seine Lage womöglich momentan auch sein mag, dass diese vergleichsweise hervorragend ist, und er ist imstande, Freude über sie und Dankbarkeit zu empfinden. Jemand, der Furcht hegt, kann dies immerhin nur, wenn er sich der Werte, die er verlieren könnte, bewusst ist. Zugleich weiß er, dass diese seine Furcht dazu beiträgt, dem potentiellen Negativen zu entgehen, und sie schon für sich dem Wohlgefallen Gottes entspricht, was sein positives Empfinden weiter fördert. Hingegen mag der „Furchtlose“ (in Wirklichkeit nur Andersfürchtige) dieses potentielle Negative permanent ausblenden und meinen, dies beuge innerem Leiden vor, doch in Wirklichkeit birgt dies die Gefahr, seine gute aktuelle Situation nicht schätzen zu können, was wiederum oft mit Unzufriedenheit einhergehen dürfte.

Derweil ändert all dies nichts an der Tatsache, dass die Aussage, man müsse vor Gott „Angst“ haben, in dieser Formulierung durchaus kritikwürdig ist, zeugt sie doch von einem beunruhigenden Maß an sprachlicher Inkompetenz.

Worin Chauvinismus und Rassismus wurzeln (04. Januar 2016)

Chauvinismus und Rassismus dürften mit hoher Sicherheit im Narzissmus wurzeln (oder einer in den Effekten äquivalenten Persönlichkeitsstörung). Da die Psyche des Narzissten danach strebt, sich diesen vor sich selbst als so gut wie möglich hinzustellen, sucht sie anhand der Instrumente des Intellektes, der Wahrnehmung oder was sie dafür hält, nach möglichst vielen Argumenten, welche diese persönliche Höherstellung begründen.

Was läge da näher als die Vorstellung, dass schon die Eigenschaften der Gruppe oder Kategorie, der man angehöre, die eigene Person wenigstens von einem großen Teil der Menschheit abhebten, nämlich von den anderen Gruppen und Kategorien, die es so gibt (und sei es zunächst auch nur eine andere Gruppe, solange sie groß genug ist)? Natürlich begnügt sich der Narzisst nicht mit diesem Argument, zumal es ihm zu wenig ist, nur zu einer besseren Gruppe zu gehören. Verzichten kann er auf dieses Argument aber auch nicht.

Der nächste Schritt dürfte für ihn sein, sich zu verschiedenen Gruppen - gleichwohl in begrenzter Anzahl - zu zählen, zugunsten derer er die anderen diskriminieren kann, um das eigene Individuum als einmalige Schnittmenge dieser Gruppen zeichnen zu können.

Im Dialog mit den Kindern des Satans (13. Februar 2017)

Ganz wichtig beim Dialog mit Pegidisten und Volksgötzenanbetern: Auf ihre „alternativen Fakten“ und üblichen „Argumente“ mit Gegenargumenten und formalen Entkräftungen zu antworten, hat in sich keinerlei Nutzen. Denn schon bald stellt sich heraus: Es interessiert sie nicht im Geringsten, ob das, was sie erzählen, wahr ist. Vielmehr interessiert sie nur eine einzige Sache an diesen Dingen: Dass sie stigmatisieren, provozieren und verletzen.

So gehen beim Twittern mit Pegidisten deren propagandistische Retweet-Orgien los, sobald man die kerntheologische Diskussion beiseite lässt und sich auf ihren provokanten Müll einlässt. Umgekehrt verhält sich die Filterblasenmeute erfahrungsgemäß ganz still, während man einen von ihnen geduldig zum Weg der Vereinzigung zu führen versucht.

Auch, falls man letztendlich niemanden wirklich zur Vereinzigung Gottes bringen können sollte: Wenn man sie dadurch hinhalten kann, so dass sie ihr Gift nicht oder nur noch in geringem Maße verbreiten, ist dies ein Gewinn.

Darum: Immer rechtzeitig zum wichtigen Thema umschwenken!

„Noch nicht aufgelöst“ (08. März 2017)

Offenbar sind sich auch Christen, die vorgeblich an eine vollständige Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit der Bibel glauben, des Vorkommens von schwerwiegenden Widersprüchen in ihr durchaus bewusst, sprechen aber von „noch nicht“ aufgelösten Widersprüchen (s. Chicagoer Erklärung der evangelisch-reformierten Kirche 1978). Das Auftreten von Widersprüchen in der Bibel ist für sie also deswegen kein Beweis für ihre allgemeine Unzuverlässigkeit, weil es ja sein könne, dass es Widersprüche sind, die lediglich noch nicht aufgelöst worden sind. - Selbst wenn in der Bibel kein Widerspruch zu finden wäre, dessen Auflösung ausschließbar ist, stellt sich hier allerdings die Frage: Wenn man es für möglich hält, dass sich seit über 2000 Jahren bestehende, quasi-eindeutige Disharmonien der Bibel irgendwann einmal doch als Harmonien herausstellen, müsste man es nicht fairerweise auch für möglich halten, dass sich bisher quasi-eindeutige Harmonien der Bibel irgendwann als Disharmonien herausstellen?

„Intelligent Design“ (09. März 2017)

Ein Grundfehler der institutionellen und anderer Verfechter des Intelligent Design ist, diese Theorie dezidiert als Alternative zur Evolutionstheorie ins Rennen zu schicken. Dass sie häufig nicht ernstgenommen und teils sogar bekämpft wird, um sie von dem Kanon der traditionellen Naturwissenschaften fernzuhalten, ist nichts, worüber sie sich wundern oder gar beklagen sollten. Gegen ernsthafte akademische Bemühungen im Zeichen des „Intelligent Design“ ist ja überhaupt nichts einzuwenden. Es muss jedoch begriffen werden, dass Naturwissenschaften klären wollen, wie Natur funktioniert, per definitionem ist ihre Spielregel und ihr Ziel, soviel Natur wie möglich ausschließlich mit Natur zu erklären. „Intelligent Design“ kann bei diesem Spiel überhaupt nicht mitspielen, da dieser Forschungsrichtung der gegenteilige Zweck zugrundeliegt, nämlich soviel Natur wie möglich ausschließlich ohne Natur zu erkären. Dieser Zweck ist durchaus legitim und hat seine wissenschaftliche, nicht aber seine naturwissenschaftliche Berechtigung, zumal durch ihn, egal wie beweiskräftig „Intelligent Design“ sein mag, nicht das Geringste Neue zur Erhellung der Funktionsweise der Natur beigetragen wird.

Darum sollten ID-Apologeten aufhören, ID in den Biologieunterricht zu zwingen zu versuchen und es für etwas auszugeben, was es nicht ist, sondern sich für diese Forschungsrichtung nach einem wissenschaftlichen Biotop umsehen, in das sie hineinpasst und als wissenschaftliche Bemühung gewürdigt werden kann, besonders die Philosophie oder Theologie, in denen sie einen eigenen Forschungszweig darstellen kann. Andernfalls müssen die Verfechter des „Intelligent Design“ sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie selbst zur Degradierung theistischer Wissenschaft beitragen, weil sie offenbar der Theologie - genau wie ihre Kritiker - nicht zutrauen, theistische Wissenschaft überzeugend zu vermitteln, und zwar so wenig, dass sie verbissen versuchen, Aspekte theistischer Wissenschaft in das Deckmäntelchen der Naturwissenschaften zu kleiden.

Ist Gesichtsverschleierung eine Art Telefonat? (27. März 2017)

Eigentlich sollte man meinen, dass es offensichtlich ist, dass Gesichtsverschleierung eine die Interaktion und Kommunikation erschwerende, einschränkende oder behindernde Anormalität ist. In diesem Zusammenhang haben niqâb-Liebhaber in letzter Zeit ein neues Argument gefunden: Beim Telefonieren sei es ja auch normal, den Gesprächspartner nicht zu sehen.

Hört sich im ersten Moment einleuchtend an. Was die Person, die das Argument erfunden hat, jedoch vergisst: Gemessen am Normalzustand, der in der Unhörbarkeit aufgrund der geographischen Entfernung liegt, erhöhen Telefongespräche die (hier akustische) Wahrnehmbarkeit, während die Gesichtsverschleierung gemessen am Normalzustand, der in der visuellen Erkennbarkeit beim Präsenzdialog liegt, die Wahrnehmbarkeit verringert.