Das Wahrheitsgebot des Koran

In einem Aufsatz auf der Webseite eines eifernden lutherischen Missionars werden u.a. die folgenden Behauptungen aufgestellt, wobei die vielen vergleichsweise nebensächlichen Unwahrheiten und Fehler, deren Widerlegung den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, hier leider übersprungen werden müssen:

„In Sure 3, 54 heißt es, Allah ist der "beste Listenschmied“ oder Ränkeschmied, Täuscher. Wenn Allah will, dann kann und wird er jeden Menschen überlisten. "Listig-sein" meint, gut täuschen und sich verstellen können, jemandem falsche Tatsachen vorspiegeln, Irrtum erzeugen. [...] Wenn Allah nun der "Listenreiche" ist, der insbesondere immer wieder die Feinde des Islam überlistet, dann werden und sollen ihm seine Anhänger entsprechend nacheifern. [...] Im Krieg sind List, Täuschung und Lüge zulässig. Muslime leben aber in einem ständigen Kampf mit den Ungläubigen, entweder im offenen oder im verdeckten. Deshalb sind Lüge, Wort- und Vertragsbruch und Betrug gegenüber Ungläubigen nicht verwerflich, keine Sünde, sondern zulässige bewundernswürdige List eines Muslims im Kampf gegen die Ungläubigen. [...] Die Zulässigkeit von Taqiyya wird abgeleitet aus den Suren 3, 28.29; 6, 119; 40, 28 und ganz konkret aus den Hadithe der Sunna. [...] Die ethisch und religiös gerechtfertigte Möglichkeit von Taqiyya lässt immer Misstrauen und Zweifel aufkommen und macht ein echtes Vertrauen gegenüber Muslimen fast unmöglich. Nur die verbliebene Resterkenntnis von Gut und Böse können einen Muslim davon abhalten, gegenüber Nicht-Muslimen unentwegt zu lügen.“

Der plumpen Taktik dieser Ausführungen liegt in zweierlei Hinsicht ein unlauteres Vorgehen zugrunde: Zum Einen liegt hier der Fall einer sogenannten Immunisierungsstrategie vor, d.h. die eigenen Argumente, so haltlos sie sein mögen, „immunisiert“ der Autor, indem er im Vorfeld denjenigen, die ihnen am ehesten etwas entgegnen werden wollen, von vorneherein Unglaubwürdigkeit nachzuweisen vorgibt. Zum Anderen erhebt er zu manipulativen Zwecken seine eigene galoppierende Phantasie zum Maßstab der Interpretation der Schrift Gottes.

Wie dem auch sei - auch bei diesem Thema ist kein ethischer Fehler im Ehrwürdigen Koran feststellbar, denn:

  • Die Anbringung des Wortes „Täuscher“ im Zusammenhang mit Sure 3:54 ist selbst ein Täuschungsversuch des missionarischen Autors.1 Das in dem Vers vorkommende ausschlaggebende Wort makr wird weiter unten erklärt.
  • Die an Gott glauben, sind nicht Seine „Anhänger“ zu nennen, sondern Seine Knechte. Ebenso eifern sie Ihm nicht nach, was fragwürdig wäre, da Er (erh.) kein Mensch ist, sondern Sie lieben, was Er liebt, fügen sich Seinem Willen und haben den besten Seiner Knechte zum Vorbild, Mohammed (s). - Nichtsdestotrotz gehört im Koran (4:84, 4:122, 6:146) gerade die alle andere Wahrhaftigkeit übertreffende Wahrhaftigkeit zu den Attributen Gottes, zu dessen hoheitlichen Namen die Wahrheit  gehört.
  • Dass in einem realen Krieg gegen einen militärischen Aggressor es zulässig oder gar geboten sein kann, diesen taktisch irrezuführen, um sein Böses abzuwenden, kann aus Vernunftgründen kein Gegenstand von Beanstandungen sein. Der missionarische Autor stellt sich aber vor, dass sich ein Muslim permanent im Kampf mit allen Nichtmuslimen sehe (jetzt spricht er von „Kampf“ statt „Krieg“). In welchem „Modus“ sich nun jeder einzelne Mensch sieht, werden wir kaum sagen können, wohl aber, dass dies von der koranischen Lehre nicht gedeckt ist: s. Suren 2:192, 2:193, 8:38, 8:61 u.a. (s. auch: Der angebliche Schwertvers)
  • Wort- und Vertragsbruch sind auch im Krieg strikt verboten. Wenn zu den essentiellen Bedingungen eines Vertrags gehört, dass keine Seite gegen die andere militärisch vorgeht und keinen militärischen Feind gegen sie unterstützt, und dennoch die Gegenseite diese Grenzen übertritt, kann selbstverständlich nicht gefordert werden, sich weiterhin an einen hierdurch nicht mehr existierenden Vertrag zu halten. (s. Suren 5:1-2, 8:4, 8:7, 8:12-13)
  • Den erwähnten Koranstellen (3:28-29; 6:119; 40:28) lässt sich keine Erlaubnis der Lüge entnehmen:

    • Sich ein solches in Sure 3:28-29 einzubilden, ist zwar nicht unmöglich, aber offensichtlich so weit hergeholt, dass sich die Diskussion hierüber erübrigt.
    • Sure 6:119 hat der Autor wohl so gelesen, dass dieser Stelle zufolge alles, was verboten sei, im Notfall erlaubt sei. Jedoch:

      • Der Vers bezieht sich auf Speisevorschriften (wohl als Anspielung auf 2:173, 5:3, 16:115).
      • Auch wenn man den betreffenden Versteil auf mehr als nur die Speisevorschriften beziehbar sehen möchte: Von Erbarmer (erh.) zu denken, Er würde den Menschen bestrafen für etwas, woran kein Weg vorbeiführte, ist eine extrem unethische Einstellung.
    • Sure 40:28 teilt mit, dass eine historische Person zur Zeit Mose (s) ihre Gläubigkeit zunächst verheimlichte. Von einer Lüge oder gar einer Erlaubnis dazu steht dort nichts.
  • Das Wahrheitsprinzip gehört zu den Fundamenten der koranischen Lehre, und dies ist schon bei einer oberflächlichen Lektüre des Koran kaum übersehbar (Suren 2:10, 3:61, 8:77, 9:119, 16:39, 16:105, 29:3, 39:33). Dass der missionarische Autor dies übergeht, bedeutet, dass er entweder ohne ausreichendes Wissen von der Schrift Gottes über diese redet, oder dass er sich selbst nicht gerne an Wahrhaftigkeitsgebote hält.
1 Ironischerweise finden sich in der Bibel (je nach Übersetzung) Stellen, die Gott als täuschend, listig, verblendend oder irreführend zu beschreiben scheinen: Wenn aber unser Evangelium doch verdeckt ist, so ist es nur bei denen verdeckt, die verloren gehen, den Ungläubigen, bei denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, damit sie den Lichtglanz des Evangeliums von der Herrlichkeit des Christus, der Gottes Bild ist, nicht sehen. (2. Korinther 4,3-4) - Stutzt und staunt! Seid verblendet und erblindet! Sie sind betrunken, doch nicht vom Wein; sie taumeln, doch nicht vom Rauschtrank. Denn der HERR hat einen Geist tiefen Schlafs über euch ausgegossen, ja, verschlossen hat er eure Augen; die Propheten und eure Häupter, die Seher, hat er verhüllt. (Jesaja 29,9-10) - Darum gürtet euch Sacktuch um, klagt und jammert! Denn die Glut des Zornes des HERRN hat sich nicht von uns abgewandt. Und es wird geschehen an jenem Tag, spricht der HERR, da wird das Herz des Königs und das Herz der Obersten vergehen. Und die Priester werden sich entsetzen und die Propheten erstarrt sein. Da sprach ich: Ach, Herr, HERR! Fürwahr, bitter getäuscht hast du dieses Volk und Jerusalem, als du sprachst: Ihr werdet Frieden haben! - und nun dringt uns das Schwert bis an die Seele. (Jeremia 4,10) - Den Propheten Hiob lässt die Bibel sagen: Wenn ihr wirklich gegen mich großtun und mir meine Schande vorhalten wollt, so erkennt denn, dass Gott mich irregeführt und sein Fangseil um mich gezogen hat. (Hiob 5-6) - Paulus, dem viele Christen auf der Basis ihres Glaubens tatsächlich nacheifern, zumal er als Apostel und erster Lehrer nach Jesus angesehen wird, sagt laut 2. Korinther 12,16: Doch es sei: Ich habe euch nicht belastet; weil ich aber schlau bin, habe ich euch mit List gefangen. (Elberfelder Übersetzung; ähnlich auch viele andere Übersetzungen. Die Lutherbibel meint, den Satz als bloße Frage übersetzen zu können.)

Gottes Heiligkeit und das Schmieden von Ränken

Wenn Gott heilig ist und nur Gutes will, wie kommt es, dass Er als Ränkeschmied bezeichnet wird (3:54, 8:30)? Ist dies nicht eine unheilige und zudem menschliche Eigenschaft?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Die zu einem gewissen Grad mangelhafte Übersetzung „Ränke“ steht für das im Koran verwendete Wort makr. Dieses bezeichnet die Einleitung eines vor dem Gegner verborgenen Vorgangs, der in eine von ihm unerwartete Schädigung seiner selbst oder seines Werks mündet, oder in etwas, das ihm allgemein zuwider ist.1 Nun ist den Gegnern des Guten das Gute zweifellos zuwider, weshalb der makr, an dessen Ende die vollständige Verdrängung des Bösen durch das Gute steht, etwas ist, das in vollkommenem Einklang mit der Heiligkeit Gottes steht.
  • Der Widerspruch ist daher nur scheinbar und rührt daher, dass man makr mit Bösem assoziiert, weil dem von Menschen ausgeübten makr oft eine böswillige Absicht zugrunde liegt. Gerade dieser Hintergrund ist der Erhabenheit des Gotteswortes zuträglich, verleiht er der vorliegenden koranischen Ausdrucksweise doch eine feine ironische Note.
  • Das makr-Lexem meint im klassischen Arabisch keine Eigenschaft im Sinne eines Charakters, sondern eine Handlung unter dem Aspekt ihres Ziels. Sicherlich ist diese, vom Menschen ausgeübt, häufig von menschlichen Eigenschaften oder Zuständen wie Rachedurst und Eifer begleitet, was jedoch für die Definition von makr nicht wesentlich und in Bezug auf Gott natürlich ausgeschlossen ist.
  • Das Wort makr kommt als Bezeichnung für eine Handlung Gottes im Koran ausschließlich explizit im Angesicht des makr der Gegner der Wahrheit vor, weshalb die Auslegung dieser Redeweise Gottes von Sich Selbst durch die Exegeten als ironische Rhetorik, die nicht als wörtliche Zuschreibung eines göttlichen Attributs zu verstehen sei, sehr plausibel ist.
1 Nicht perfekt, aber näher kommend als „Ränke“ dürfte die Übersetzung „planvolles Vorgehen gegen“ sein.


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