Gibt es am Jüngsten Tag noch Freundschaft?

Wie kann es einerseits heißen: „Freunde werden an jenem Tage einer des anderen Feind sein, außer den Gottesfürchtigen“ 1, so dass zumindest unter den Rechtschaffenen am Jüngsten Tag Freundschaft zu herrschen scheint, und andererseits Freundschaft scheinbar komplett verneint wird: „Ihr Gläubigen! Gebt Spenden von dem, was wir euch (an Gut) beschert haben, bevor ein Tag kommt, an dem es weder Handel noch Freundschaft noch Fürsprache gibt! Die Ungläubigen sind die (wahren) Ungerechten.“ 2 Gibt es am Jüngsten Tag nun Freundschaft oder nicht?

Vorab: Es geht in beiden Versen nicht um irgendeine Freundschaft, sondern um „innige Freundschaft“ (chullah). Nichtsdestotrotz ist hiermit kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Der erste Vers (43:67) sagt, dass die Gottesfürchtigen, die im Diesseits innige Freunde waren, am jenem Tag keine Feinde sein werden. Dass sie keine Feinde sein werden, bedeutet nicht unbedingt, dass sie an jenem Tage noch „innige Freunde“ sein werden. Wie denn auch, denn jeder versucht seine eigene Haut zu retten und so mancher läuft sogar vor seiner Mutter und seinen Kindern weg, die etwas von seinen guten Taten bekommen möchten (Sure 80:34 ff.).
  • Selbst wenn wir davon ausgehen könnten, dass es zwischen dem Schlagen der Stunde und dem Eintritt ins Paradies noch innige Freundschaft gibt, müssten wir berücksichtigen, dass der Jüngste Tag aus mehreren Tagen besteht (mehr dazu hier) und der zweite Vers (2:254) womöglich nur einen dieser Tage meint.
1 Sure 43:67
2 Sure 2:254

Hat Mohammed (s) seinen Herrn gesehen?

Die Suren 53:1-18 und 81:15-29 scheinen dies zu bejahen, wohingegen 6:102-103 und 42:51 zu verneinen scheinen.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

In den beiden erstgenannten Koranstellen geht es um Gabriel, nicht um Gott. Dies geht an den entsprechenden Stellen selbst relativ klar hervor, besonders wenn man zuerst Sure 81 und danach Sure 53 liest.

Verschiedene Wartezeiten für Witwen und Geschiedene

Es gibt verschiedene Wartezeiten für Witwen und geschiedene Frauen, bevor sie wieder heiraten dürfen.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Ein Teil der Weisheiten der göttlichen Bestimmungen lässt sich sofort erkennen, für andere ist ausgiebiges Nachdenken nötig, wiederum andere Weisheiten mögen allein in Gottes Wissen verbleiben oder sind schlicht Ausdruck für eine der wichtigsten Wahrheiten, nämlich: Da Gott Gott ist, kann Er bestimmen, was Er will (siehe auch Sure 5:1). Angebliche Widersprüche zwischen Gesetzgebungen sind ohnehin von vorneherein irrelevant: Siehe hier (klicken)
  • Die Weisheit für die längere Wartezeit bei Witwen ist wahrscheinlich u.a. psychologischer bzw. sozialpsychologischer Natur. Da die Psychologie des Menschen sehr komplex ist, wären für eine detaillierte Untersuchung dieser Weisheit umfangreiche Studien notwendig. Die Untersuchung selbst ist jedoch angesichts des ersten Punktes nicht notwendig.

Heirat und Mindestalter

Gibt es im Koran nicht widersprüchliche Angaben zum Heiratsmindestalter?

Antwort:

Die Angabe eines konkreten Mindestalters als Zahl ist im ganzen Koran nicht zu finden. Die Angabe der Pubertät als Mindestalter zum Heiraten ist kein Widerspruch zur Regelung von Scheidungen, in denen die Geschiedene noch nie die Menstruation hatte (65:4), da dies in seltenen Fällen auch bei älteren Frauen vorkommt und der Vers die Scheidung auch widerrechtlicher Ehen regeln wollen könnte. Doch nicht einmal die Pubertät ist in dem betreffenden Vers (4:6) explizit erwähnt, sondern allgemein die Heiratsfähigkeit. So ist es den Menschen überlassen, diese Grenze herauszufinden.

Christinnen: Heiraten erlaubt oder verboten?

Eine Beigesellerin zu heiraten ist im Koran verboten, eine Christin zu heiraten jedoch erlaubt. Dennoch wird den Christen an anderer Stelle Beigesellung vorgeworfen.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Es gibt auch nicht-beigesellende Christen (z.B. Zeugen Jehovas).
  • Der koranische Ausdruck al-mushrikîn ist im Koran reserviert für Polytheisten in der Art der Götzendiener auf der damaligen Arabischen Halbinsel. Monotheisten, deren Glaube lediglich Beimischungen von Polytheismus beinhaltet, werden damit im Koran nicht bezeichnet.
  • Angebliche Widersprüche zwischen Gesetzgebungen sind ohnehin irrelevant: Siehe hier (klicken)

Wieviele Gärten gibt es im Paradies?

Mal ist im Koran von „Paradies“, mal von „Paradiesen“ die Rede.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

Es spricht nichts dagegen, eine große Anzahl von (evtl. zusammenhängenden) Paradiesen unter dem Namen „Paradies“ zusammenzufassen. Auch der deutsche Schwarzwald besteht u.a. aus einer großen Anzahl von Wäldern, so wie ein Land aus mehreren Ländern bestehen kann.

Wieviele Gruppen am Jüngsten Tag?

Sure 56 erwähnt drei Gruppen, die am Jüngsten Tag beurteilt werden, andere Suren (z.B. Sure 90 oder 99) erwähnen nur zwei.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

Eine der beiden Gruppen besteht aus zwei Untergruppen (die Geretteten und die besonders Rechtschaffenen) oder es sind einfach drei Gruppen, von denen eine nicht überall erwähnt wird, aber auch nirgends explizit ausgeschlossen wird.

Wieviele Todesengel?

Mal ist von „dem Todesengel“ (32:11) im Singular die Rede, mal von „den Engeln“ im Plural, welche die Seelen entnehmen. Im 39:42 wiederum ist es Gott, der die Seelen entnimmt, und von einem Engel oder Engeln ist nicht mehr die Rede.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Ein Engel kann mehrere Helfer haben.
  • Auch ohne Helfer ist der Plural sinnvoll, wenn jedem Versterbenden ein anderer Todesengel zugeteilt wird. Letzteres geht wegen des Relativpronomens alladhî aus der wörtlichen Übersetzung von Sure 32:11 gut hervor: Abberufen wird euch derjenige Todesengel, der mit euch betraut wurde.
  • Dadurch, dass die Engel nur auf Befehl ihres Herrn {s.w.t.} und sogar ausschließlich mit Seiner Kraft handeln, passt es mindestens ebenso gut, Gott anstelle der Engel als den eigentlichen Wirkenden zu erwähnen, solange die Existenz von Todesengeln nicht allgemein ausgeschlossen wird.

Woraus wurde der Mensch erschaffen?

Mal sagt der Koran, der Mensch sei aus Flüssigkeit erschaffen worden, mal aus Lehm, mal aus einem Blutklümpchen (oder Anhängsel), mal aus einem kaumasseartigen Klümpchen. Sagt er nicht auch an einer Stelle, er sei aus Nichts erschaffen worden (19:67) und verneint genau dies an einer anderen Stelle (52:35)?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Der Mensch ist aus Lehm erschaffen worden, da der erste Mensch aus Lehm erschaffen wurde. Aus Flüssigkeit wird er bei bzw. nach dem Fortpflanzungsakt der Eltern jedes Menschen erschaffen. Das Anhängsel und das Klümpchen sind Embryonalstadien.
  • Nirgendwo gebraucht der Koran die Formulierung, der Mensch sei „aus Nichts erschaffen“, als sei das Nichts eine Substanz, oder als habe seine Entwicklung nicht in Vorsubstanzen seinen Anfang genommen. Das ist nämlich dasjenige, was 52:35 verneint. Es verneint nicht den Vers 19:67, der lediglich daran erinnert, dass der Vorsubstanz eine Phase vorausging, in welcher sie noch nicht existierte. Man beachte seine Formulierung, in welcher der Ausdruck „aus nichts“ nicht vorkommt: Ich erschuf dich bereits zuvor, obwohl du nichts gewesen warst.

Sure 109: Beten „Ungläubige“ Gott nicht an?

Behauptet Sure 109 nicht, der Gott Mohammeds werde von den Andersgläubigen nicht angebetet, obwohl bekannt ist, dass Juden, Christen und sogar die Götzendiener der damaligen arabischen Halbinsel eine Gottheit namens „Allâh“ anerkannten?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Die Rede in der Sure richtet sich an die Entkennenden, d.h. diejenigen, welche die Anerkennung der Wahrheit bewusst ablehnen oder in erhebliche Undankbarkeit verfallen sind. Deren Anbetung Gottes ist eher ein Lippenbekenntnis, während das, was sie in Wirklichkeit anbeten, ihre Neigungen, ihre Gelüste, das Geld, sonstige materielle Werte oder andere Dinge sind.
  • Es lässt sich nachweisen, dass der Koran das Verb abada („anbeten“, „in Knechtsein verehren“) in Bezug auf Gott semantisch bewusst neu auffüllt/spezifiziert, implizierend, dass eine beigesellerische Anbetung Gottes nicht als Anbetung Gottes anerkannt wird (2:172, 16:114, 41:37, 106:3).1
  • Diese Sure selbst lässt sich als Mitteilung verstehen, dass die Anbetung Gottes durch Götzendiener nicht als Anbetung anerkannt wird.
  • Die Aufsässigkeit der Entkennenden führt auch den herkömmlichen Begriff der Anbetung ad absurdum. Man kann dies damit vergleichen, dass ein Soldat die Uniform der einen Armee trägt und ihre Hymne zu singen pflegt, jedoch in Wirklichkeit auf der Seite der gegnerischen Armee kämpft. Diesen kann man unmöglich einen Anhänger der ersten Armee nennen oder von ihm als jemanden reden, welcher der ersten Armee wirklich dient.
  • Wenn weder das Wort „alle“ noch äquivalente Spezifikationen eingesetzt werden, genügt es bekanntlich, mit einem grammatisch bestimmten Plural-Wort (hier: al-kâfirûn) die Mehrheit oder gar nur die typischen Repräsentanten der betreffenden Gruppe zu meinen. Nun besteht die Mehrheit der Entkennenden noch heute aus (mindestens de facto) beigesellenden Menschen, z.B. werden bei den Christen Jesus und Maria beigesellt. Beigesellung führt über kurz oder lang zur Vernachlässigung der regelmäßigen direkten Anbetung Gottes.
1 Eine Parallele dazu ist Sure 2:272, wo als wahres Spenden nur dasjenige anerkannt wird, das im Trachten nach dem Angesicht Gottes geschieht, und dies so formuliert wird, als sei alles andere kein Spenden: Und ihr spendet nur im Trachten nach dem Angesicht Gottes.

Wie fremd war „Allâh“ den arabischen Götzendienern?

Aus den einen Koranstellen geht hervor, dass die mekkanischen Gegner Mohammeds an Allâh als Schöpfer des Universums glaubten, an einer anderen Stelle heißt es jedoch, die Muslime sollten nicht die Gottheiten der Götzendiener beleidigen, damit diese als Reaktion Allâh nicht beleidigen (Sure 6:108). Würde dies nicht bedeuten, dass den Mekkanern eine Gottheit namens Allâh in Wirklichkeit fremd war?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Die Verwirrung ist nicht die des Koran, sondern die der Götzendiener. Dass Gott der Schöpfer des Universums ist, geben sie nur widerwillig zu. Die Bezugnahme auf Gott (allâh) war Bestandteil ihres kulturellen Erbes, wurde jedoch von vielen nicht ernsthaft gepflegt. Die Sympathie zum Glauben an Ihn war unterschiedlich ausgeprägt.
  • Als Propagandamittel redeten damalige Mekkaner sich und anderen ein, Mohammed (s) bete eine völlig fremde Gottheit an und führten als Argument an, dass der Koran Ihn mit dem unbekannten Namen ar-raħmân („der Erbarmer“) bezeichne (siehe Suren 13:30, 25:60). Vermutlich hätten sie daher Gott nie unter Seinem arabischen Namen allâh beleidigt, wohl aber unter dem Namen ar-raħmân.
  • Eine spätere vollständige Lossagung Einiger von Gott, als Trotzreaktion auf den langen Aufruf Mohammeds (s) zu Seiner Vereinzigung, ist problemlos denkbar. Dazu passt, dass das Beleidigungsverbot in Sure 6 steht, einer der später offenbarten unter den mekkanischen Suren.

Woher kommt das Übel?

An der einen Stelle heißt es: Wenn ihnen eine Vortrefflichkeit geschieht, sagen sie: Dies ist von Gott her. - Wenn ihnen ein Übel geschieht, sagen sie: Dies ist von dir her. - Sag: Beides ist von Gott her. Doch an anderer Stelle heißt es: Geschieht dir eine Vortrefflichkeit, ist sie von Gott. Und geschieht dir ein Übel, ist es von deiner Seele. An dritter Stelle lesen wir, der Prophet Hiob habe gesagt: Mein Herr, der Satan hat mich mit Mühsal und Pein berührt. Woher bzw. von wem kommt denn nun das Übel, von Gott, von einem selbst oder vom Satan?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Die ersten beiden angeblich widersprüchlichen Verse kommen in der betreffenden Sure direkt hintereinander (4:78-79). Es ist also unmöglich, dass der Verfasser einen derart ins Auge fallenden scheinbaren Widerspruch übersehen hat. Dies lässt keinen anderen Schluss zu, als dass hier überhaupt kein Widerspruch vorliegt, sondern der Verfasser einen Sinn zugrundelegt, der dem Kritiker offensichtlich verborgen ist.
  • Man beachte, dass die beiden Verse keine der zur Diskussion stehenden „von“-Quellen explizit leugnet, und dass wenn X von A ist, dies nicht ausschließt, dass X mittelbar oder unter einem anderen Aspekt zugleich von B ist. Da es Gott ist, der die Fähigkeiten verleiht, und auch Er es ist, der alle Bewegungen erschafft, ist auch etwas, das jemandem von einem Menschen geschenkt wird, von Gott. Gleichzeitig lässt sich sagen, dass es von jenem Menschen ist, zumal er der „Weg“ ist, den die Gabe genommen hat.
  • Im Original des ersten Verses wird für beide „von ... her“-Ausdrücke der Ausdruck min €indi benutzt, jedoch im Original des zweiten Verses für beide „von“-Ausdrücke jeweils die bloße Präposition min. So kann keinerlei Widerspruch vorliegen, wenn auf diese Weise der erste Vers über die Ursache von Glück und Unglück spricht und der zweite Vers dagegen von Verdankung und Schuld. Wenn nämlich einem Menschen Gutes geschieht, ist Gott der Verursacher (erster Vers), und es ist Ihm zu verdanken, wiewohl der Empfänger es nicht verdient hat (zweiter Vers). Geschieht dem Menschen ein Übel, ist Gott ebenfalls der Verursacher (erster Vers), jedoch verursachte Er sie in Anbetracht einer Sünde, die der Seele des Empfängers anhaftet, mit dem Zweck, diese zu reinigen oder zu strafen (zweiter Vers).
  • Der dritte Vers zitiert einen Menschen (Hiob), so dass, wenn hier ein Fehler vorliegen sollte, dieser nicht derjenige des Korans wäre, sondern derjenige des zitierten Menschen. Eventuell drückt sich darin aus, wie stark das Leiden Hiobs gewachsen war.
  • Hiob sagt mit keinem Wort, der Satan sei der Verursacher der Krankheit. Eher wird Hiob schlicht die zahlreichen Einflüsterungen und Versuche des Satans, ihn durch die Krankheit zur Unzufriedenheit zu bewegen, als belastend empfunden haben.
  • Die Taten des Satans werden von Gott nicht an sich gutgeheißen, sind aber dennoch von Ihm erschaffen, um die Knechte zu prüfen und das Gute über das Schlechte zu echtem Sieg und echter Ehre zu führen.

Woher kommt das Übel? (II)

In Sure 3:165 wird ein spezifisches Unglück als „von euren Seelen her“-kommend dargestellt, d.h. von den Anhängern Mohammeds her, die eine Niederlage in der Schlacht von Uhud erlitten. Es wird dabei der Ausdruck min €indi benutzt. Ist nicht spätestens dies ein Widerspruch zu Sure 4:78? Entkräftet 3:165 nicht außerdem eines der vorigen Argumente, indem die Stelle den Ausdruck min €indi für den Hinweis auf Schuld statt Urheberschaft benutzt?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Sure 4:78 leugnet nirgends explizit, dass ein Geschöpf eine (wenn auch eigenkraftlose und nur wegen der Art seiner raumzeitlichen Eingebettetheit so nennbare) Ursache für etwas sein kann. Sondern sie richtet sich gegen die mit einer destruktiven Strategie der Kritik am Gesandten (s) verbundene implizite Behauptung, es gebe etwas, das nicht von Gott als absolutem Urheber in die Existenz gebracht worden sei. Die absolute Urheberschaft Gottes wird wiederum von Sure 3:165 nicht in Frage gestellt.
  • Das von 3:165 referenzierte Unglück wird dort nirgends eindeutig mit vergangener Schuld bzw. früheren Sünden der Betroffenen begründet. Historisch betrachtet hatten sie den negativen Ausgang der zunächst günstig verlaufenen Schlacht tatsächlich selbst verursacht, zum Einen, da sie den Propheten (s) überredet hatten, den Aggressoren auf dem offenen Feld zu begegnen, statt seiner Ansicht zu folgen, sich in Medina zu verschanzen, und zum Anderen, da sich gegen Ende der Schlacht ein großer Teil der Leute nicht mehr an die taktischen Anweisungen des Propheten (s) hielt und aus Sorge um die Beute die Positionen verließ. - Da anfus nicht nur „Seelen“, sondern auch „selbst“ bedeutet, passt der Vers dazu: Sag: Es ist von euch selbst her
  • Es ist nichts gegen die Ansicht einzuwenden, dass 3:165 sowohl Schuld als auch Urheberschaft gemeinsam meine - dafür spricht das an 4:78 erinnernde min €indi und das an 4:79 erinnernde anfus. Außerdem ist zu beachten, dass durch die Zuwiderhandlung gegen Ende der Schlacht ja tatsächlich eine Sünde zustande kam.

Gott befiehlt keine Schlechtigkeiten

Heißt es in Sure 7:28 nicht, dass Gott keine Schlechtigkeiten befiehlt, bzw. in 16:90, dass Er sie untersagt? Jedoch lesen wir in Sure 17:16: Und wenn Wir eine Ansiedlung zugrunde gehen lassen wollen, geben Wir ihren mit Luxus Verwöhnten einen Befehl, worauf sie in ihr freveln, der Spruch daraufhin gegen sie wahr wird und Wir sie wahrhaftig zerstören.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • In der zitierten Sure 17:16 wird nicht explizit gesagt, was den betreffenden Personen befohlen wird. Dass es der Frevel ist, entstammt der Phantasie einiger Übersetzer und Interpreten. Es fehlt das mit bi angeschlossene präpositionale Objekt von amara. Im Gegensatz dazu ist es in 7:28 vorhanden, nur dass eben dort gesagt wird, dass Gott Schlechtigkeiten nicht befiehlt. Der Befehl, der in 17:16 gegeben wird, ist anders als in 7:28 höchstwahrscheinlich ohnehin kein solcher im legislativen, sondern im schöpferischen Sinne1, d.h. ein Impuls, der in die betreffenden Personen gelegt wird, aktiv zu werden, ohne dass ihnen per Mitteilung befohlen wird, zu freveln.
  • Der Befehl in 17:16 lässt sich womöglich sogar ohne das in der Frage konstruierte Problem legislativ verstehen. Amir Zaidan übersetzt nämlich nicht unplausibel: „Und wenn Wir eine Ortschaft zugrunde richten wollen, machen Wir ihren im Luxus Schwelgenden Gebote, dann betreiben sie Fisq2 dagegen, dann wird die Bestimmung gegen sie vollstreckt, dann lassen WIR sie vernichtend zugrunde gehen.“
1 Wie z.B. auch in 30:25; 30:46; 45:12. Ebenso muss im Koran zwischen dem legislativen und dem schöpferischen Gotteswillen unterschieden werden.
2 D.h. Frevel.

Lohn für die Verkündigung?

An mehreren Stellen wird gesagt, dass Mohammed für seine Verkündigung keinen Lohn von den Menschen verlangt oder verlangen solle, und dass auch die Propheten dies nicht verlangten (6:90, 25:57, 12:104). Es wird sogar zum Kriterium für glaubwürdige Propheten erhoben (36:21). Wie kann es dann sein, dass dem Koran zufolge ein Teil der Beute aus siegreichen Schlachten „für Gott und den Gesandten“ ist (8:1, 59:7, 8:41). Ist es nicht nicht zusätzlich ein Widerspruch, wenn es in einem Vers heißt, dass er keinen Lohn verlangen solle, ausgenommen die Verwandtschaftsliebe und somit doch eine Art Lohn (42:23)?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Vom Verlangen eines Lohns kann nur die Rede sein, wenn sich der Lohn zuvor im Besitz derjenigen befindet, von denen der Lohn verlangt wird. Die Beute einer Schlacht (meist Waffen, Rüstung und Reittiere des besiegten Feindes) befindet sich vor der Aufteilung jedoch noch gar nicht im Besitz einzelner Personen.
  • Nirgendwo wird bei der Beute die Fortführung der Verkündigung von ihr abhängig gemacht. Auch unter diesem Aspekt kann von Lohn keine Rede sein.
  • Es hätte dem Fragesteller auffallen müssen, dass die Verse jedes Mal auch Gott einen Teil der Beute - sprachlich - zuteilen. Da für jeden, einschließlich des Verfassers des Koran, selbstverständlich ist, dass Gott nichts konsumiert, ist hiermit klar, dass auch dem Propheten die Beute nicht unbedingt zu seinem Privatkonsum zugeteilt wird.
  • Auch die Strukturierung der Aufzählung der „Empfänger“ ist aufschlussreich: Und wisst, dass was ihr erbeutet, ein Fünftel davon für Gott ist, und für den Gesandten, und für den Verwandten, die Waisenkinder, die Armen und den Sohn des Weges (Sura 8:41). Durch den Einsatz der Präposition „für“ entstehen drei Gruppen, deren dritte die der Konsumenten ist, denen der Prophet jedoch offensichtlich nicht zugeordnet wird. Gleich mehrere Dinge sprechen dafür, dass das li („für“) hier tatsächlich eine Rolle spielt:

    • Die dritte Gruppe nennt mehrere Empfänger, trotzdem wird das Trennungselement nicht zwischen sie gesetzt.
    • Genau dieselbe Strukturierung wird an einer weiteren Stelle und ebenfalls zum Thema Beuterecht verwendet (Sura 59:7).
    • Der Ausdruck „Gott und der[-m/-n/Seinem/-n] Gesandte[r/n]“ kommt - ungetrennt - im Koran 68 Mal vor, jedoch nur beim Thema Beuterecht wird eine Trennung mit li vorgenommen (8:41; 49:7).1

    Wenn Privatkonsum jedoch ausgeschlossen ist, lässt sich damit unter einem weiteren Gesichtspunkt nicht von „Lohn“ sprechen.
  • Würde in den Versen dem Propheten (s) Beute zu seinem Privatkonsum zugeteilt, stünde dort wohl eher „für Mohammed“ statt „für den Gesandten“. So jedoch steht nicht die Privatperson Mohammed im Vordergrund, sondern das Amt des Gesandten oder der Staat, zu dessen Aufgaben das Weitertragen der Verkündigung gehört, und der diese finanzieren muss.
  • Die historischen Umstände, in denen Sure 8 offenbart wurde, legen nahe, dass Vers 8:1 in erster Linie festlegt, wer die Verteilungshoheit über die Beute innehat, und nicht, wer sie konsumieren darf.
  • Bekanntlich lebte der Gesandte Gottes (s) in extremer Bescheidenheit und verabscheute Luxus und sogar das Tragen von Seide. Was er an materiellen Mittel hatte, investierte er fast komplett in das Fortkommen der Sache Gottes oder verteilte es unter den Bedürftigen.
  • Was Sure 42:23 anbetrifft, so liefert die Originalsyntax zusammen mit guter Kenntnis der damaligen arabischen Grammatik (die von Übersetzern leider häufig nicht genügend beachtet wird) die Antwort: Das Partikelwort illâ ist hier nicht mit „außer“ zu übersetzen, sondern mit „sondern nur“, da es an einen vollständigen Satz angehängt wurde und somit ein sogenannter istithnâ° munqaTi€ vorliegt (disjunkte Exklusion). Diese Syntax findet im Koran an sehr vielen Stellen Anwendung.2 Die korrekte Übersetzung lautet: Ich bitte euch dafür nicht um Lohn, sondern nur um Zuneigung der Verwandtschaft wegen. Auch ist durch das Wort „wegen“ () zu erahnen, dass die Zuneigung nicht für die Verkündigung, sondern eben der Verwandtschaft wegen erfolgen soll.
1 An zwei weiteren Stellen wird eine Trennung mit bi vorgenommen.

Keine Beschützer oder Helfer außer Gott

Wieso sagen die Engel in Sure 41:31 zu den Gläubigen, sie seien ihre Beschützer im Diesseits und im Jenseits, obwohl die Gläubigen bzw. die Menschen allgemein laut anderen Stellen (2:107; 29:22) außer Gott weder Beschützer noch Helfer haben? Auch an weiteren Stellen scheinen Engel oder Menschen Wächter, Helfer oder Beschützer zu sein (13:11; 50:17-18; 82:10; 4:75).

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Das verwendete Wort ist waliyy wird in der sprachlichen Praxis in verschiedenen Bedeutungen benutzt, darunter „Alliierter“, „Schutzherr“, „Schutzverbündeter“, „vertraglicher Helfer“ (insb. militärisch), „Parteigenosse“ (s. Sure 5:55-56), „Nahestehender“. Es kann auch, muss aber nicht unbedingt „Beschützer“ bedeuten, da offensichtlich (10:62) auch ein Mensch ein waliyy Gottes sein kann.
  • Das Verb ħafiża in den übrigen Versen dürfte gründlich missverstanden worden sein und wird auch leider sehr häufig missverständlich übersetzt („beschützen“). Es ist aber an den betreffenden Textstellen am Zusammenhang zu erkennen, dass nicht „beschützen“, sondern „bewachen“ bzw. „stets aus nächster Nähe beobachten“ gemeint ist. Besonders gut ist dies an Sure 42:6 und 82:10 zu erkennen.2
  • Jeder, auch Engel, kann von seiner Intention her Beschützer für jemanden sein. Dies bedeutet nicht zwingend, dass er auch im Endeffekt ein Beschützer ist.
  • Da nur Gott alleine die Wirkungen im Kosmos erschafft, ist er auch der einzige Beschützer im Sinne der Effektivität. Er kann aber Engeln oder anderen Wesen befehlen oder sie anregen, sich um den Schutz eines anderen Geschöpfes zu bemühen, worauf Er dieser Bemühung Wirkung verleiht und Selbst das Geschöpf beschützt. Die Engel oder sonstigen Wesen waren dann Beschützer im Sinne der Rolle, im Sinne der wahren Effektivität jedoch wiederum keine Beschützer. Negation und Affirmation sind hier im Fall des Menschen und des sonstigen Geschöpfes sprachlich also beide zulässig, im Falle des Schöpfers jedoch nur die Affirmation.1
1 Nicht nur für das Beschützen, sondern für alle Einflussnahmen auf die Schöpfung gilt, dass Gott von der tatsächlichen Effektivität her allein der Einflussnehmer ist und niemand anderes. Beim Bewegen eines Gegenstandes, scheinbar durch eine menschliche Hand, ist Gott {erh.} der wahre Beweger und niemand sonst. Es ist dennoch zulässig, den Menschen einen Beweger zu nennen, und zwar hinsichtlich seiner Intention und der Tatsache, dass sie und die Bewegung seiner Hand von der Bewegung des Gegenstandes begleitet wurden. Negation und Affirmation sind hier im Fall des Menschen und des sonstigen Geschöpfes sprachlich also beide zulässig, im Falles des Schöpfers jedoch nur die Affirmation.
2 Vgl. auch die Verwendung des Wortes im Sinne von „(die Tür) bewachen“ in Saħîħ Muslim, kitâbu faDâ°ili s-Saħâbah, Hadith Nr. 2403

Der einzige waliyy (Schutzverbündete)

Laut vielen Stellen ist Gott der einzige Schutzverbündete (waliyy, Plural awliyâ°). Er verbietet den Menschen sogar, sich Schutzverbündete neben Gott zu nehmen, und bringt dies mit Beigesellung (shirk), dem größten Vergehen, in Zusammenhang (4:45; 9:116; 32:4; 42:28; 18:102; 29:41; 42:6; 42:9; 45:10; 17:111). Dann jedoch werden im Koran scheinbar andere außer Gott als awliyâ° zugelassen (5:55; 9:71; 10:62).

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn: siehe vorigen Artikel

Was ist die Antwort der Propheten am Jüngsten Tag?

Einerseits können die Gesandten am Jüngsten Tag keine Antwort auf die Frage geben, inwieweit die Menschen im Diesseits auf ihre Verkündung reagiert hätten (5:109; 5:116-117), andererseits ist der Gesandte doch als Zeuge über die Menschen eingesetzt worden (2:143).

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

Die Gesandten antworten in einem gewissen Sinne schon: Sie sagten: Wir haben kein Wissen. Dies kann als Mitteilung über die Enormität der Ereignisse am Jüngsten Tag aufgefasst werden, wenn die Gesandten unter dem Eindruck der Geschehnisse nicht mehr in der Lage sind, Erinnerungen abzurufen. Es spricht jedoch nichts dagegen, dass dies lediglich ein vorübergehender Zustand ist und sie vorher oder nachher wieder als Zeugen dienen können.

Kein Teilhaber in der Herrschaft

Der Koran betont oft, dass Gott keinen Teilhaber an Seinem Königreich bzw. Seiner Königsherrschaft (mulk) hat. Dennoch heißt es in Sure 2:251 und anderen Stellen, Er habe David oder anderen die Königsherrschaft gegeben, und an weiteren Stellen (2:247; 3:26), Er gebe Seine Königsherrschaft / Sein Königreich, wem Er wolle.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Es ist ein Unterschied, ob man jemandem einen Gegenstand lediglich übergibt oder anvertraut, oder ob man ihn zum Eigentümer macht.
  • Wahres und absolutes Eigentum kommt nur Gott {erh.} zu. Der Besitz eines jeden Geschöpfes ist somit stets nur eine Leihgabe. Dennoch muss zwischen den Arten des Besitzes bei den Geschöpfen im Vergleich zueinander ein Unterschied gemacht werden. Sie können nämlich relatives Eigentum besitzen, d.h. es ist noch immer nur eine Leihgabe, jedoch mit der Besonderheit, dass Gott den Geschöpfen verboten hat, es sich gegenseitig zu entwenden. Das macht sie längst nicht zu Teilhabern oder Partnern Gottes an diesen Gegenständen.

Die Vervielfachung und Umwandlung von Taten

Ist mit den Vervielfachungen der guten Taten wie laut Sure 6:160 oder mit der Umwandlung von Missetaten in Vortrefflichkeiten wie laut Sure 25:70 gemeint, dass Gott den Bekehrten Werke anschreibt, die sie nie getan haben? Falls ja, wie ist das damit zu vereinen, dass Gott der Wahre ist und die Lüge verurteilt?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Es ist denkbar, dass Gott die wenigen guten Werke, die der Bekehrte bereits getan hat oder noch tun wird, viele kausale Folgen haben lässt, die ihm dann angeschrieben werden.
  • Auch ist denkbar, dass solche guten Werke detaillierter eingetragen werden, so dass sich die am Jüngsten Tag abwägbare Schriftmenge erhöht, ohne zu behaupten, er habe ein neues Werk getan. Z.B. statt nur „Er hat an dem Tag X einen Armen gespeist“:

    • „Er hat zu dem Zeitpunkt XY einen Armen gespeist.“
    • „Er hat ihn mit Proteinen versorgt.“
    • „Er hat ihn mit Kohlenhydraten versorgt.“
    • „Er hat ihn mit Salz versorgt.“
    • usw.

  • Auch ist denkbar, dass eine eingetragene vorteilhafte Erwähnung wortwörtlich neu eingetragen wird, ohne zu behaupten, die Person habe ein neues Werk getan (ähnlich einer mehrfachen Bekräftigung), z.B.:

    • „Er hat zum Zeitpunkt XY einen Armen gespeist.“
    • „Er hat ihn gespeist.“
    • „Er hat ihn gespeist.“
    • „Er hat ihn gespeist.“
    • usw.

    Etwas, was eher nach einer bloßen Bekräftigung aussieht, mag zwar nicht wie die Vervielfachung eines Werkes wirken, doch ohnehin steht in den betreffenden Versen nicht wörtlich etwas von Taten oder Werken, sondern ħasanât (Vortrefflichkeiten) und sayyi°ât (Misslichkeiten).

Lot - kein Nachkomme Abrahams

Der Prophet Lot war ein Zeitgenosse Abrahams. Nirgends im Koran wird er als Sohn oder Enkel Abrahams dargestellt (laut Bibel war er der Neffe Abrahams). Ordnet Sure 6:86 ihn aber nicht der Nachkommenschaft Abrahams zu? Dort wird auch Hiob erwähnt, der ebenfalls nicht zu seiner Nachkommenschaft gehört.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • In dem Vers werden Hiob und Lot der Nachkommenschaft Noahs zugeordnet: Und wir schenkten ihm (d.h. Abraham) Isaak und Jakob. Beide haben Wir geleitet. Noah aber hatten wir zuvor schon geleitet. Und von seiner Nachkommenschaft David, Salomo, Hiob [...] und Lot. Dies ist das grammatisch Naheliegendste, da für die Erwähnung Noahs ein neuer Satz begonnen wird und das Pronomen „seiner“ textuell näher positioniert ist als zur Erwähnung Abrahams. Rein grammatisch besteht zwar die zusätzliche Möglichkeit, die Nachkommenschaft Abraham zuzuordnen, jedoch kommt dies allenfalls im Sinne einer geistigen Nachkommenschaft in Frage, im Sinne von Sure 22:78, wo Abraham als (geistiger) Vater der Muslime bezeichnet wird.
  • Die Abstammung Hiobs ist uns nicht genau bekannt. Das apokryphe „Testament Hiobs“ ordnet ihn allerdings durchaus der Nachkommenschaft Abrahams zu, genauer gesagt der Nachkommenschaft Esaus, eines Sohnes Isaaks. Und da Lot erst zwei Verse nach der Gruppe erwähnt wird, deren Mitglieder eindeutig als Nachkommen jener gemeinten Person anzusehen sind, würde sich auch dann kein Fehler ergeben, wenn mit der Person doch Abraham gemeint sein könnte. In diesem Fall setzte Vers 85 lediglich neu an, anknüpfend an das Verb in kullan hadaynâ und/oder wa nûħan hadaynâ, nicht aber an wa min dhuriyyatihi.

Das Buch oder die Bücher?

Statt zu sagen, der jeweilige Prophet habe „ein Buch“ bekommen, heißt es oft bezüglich verschiedener Propheten, der jeweilige Prophet habe „das Buch“ bekommen, als hätten sie alle ein und dasselbe Buch offenbart bekommen, obwohl wir wissen, dass der Koran sich von früheren Offenbarungen unterscheidet.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Schon die obige Formulierung der Anmerkung liefert den Ansatz. Es ist, als hätten sie alle ein und dasselbe Buch bekommen. Dass sie es tatsächlich alle in der selben Form bekommen haben, ist damit nicht gesagt.
  • Da der Hauptinhalt ungeachtet aller Unterschiede auf sprachlicher und textorganisatorischer Ebene bei allen großen offenbarten Schriften identisch ist, ist diese rhethorische Vorgehensweise sehr treffend und ausdrucksstark. Die subtextuelle Mitteilung: Alle Offenbarungen Gottes bilden eine harmonische Einheit.
  • Eine genauere Übersetzung des Wortes kitâb ist nicht „Buch“ (sifr), sondern „Schreiben“, „Schriftstück“ oder „Schrift“. Vor diesem Hintergrund ist Sure 5:48 bezüglich der vorliegenden Fragestellung besonders erhellend: Und wir liessen zu dir mit der Wahrheit die Schrift herabkommen, eine Bestätigung dessen, was vor ihr von der Schrift da war. Alle textuellen Offenbarungen zusammen sind also „die Schrift“, und auch wenn Mohammed (s) nur der arabische Teil offenbart wurde, lässt sich davon reden, dass ihm „die Schrift offenbart“ wurde, denn verständlicherweise fungiert der arabische Koran durch seinen vollen Einsatz für das Grundanliegen aller Schrift als Stellvertreter jenes Gesamtschrifttums. Es ließ sich ja auch davon reden, dass dem Propheten (s)der Koran“ offenbart worden sei, zu einem Zeitpunkt, zu dem er wahrscheinlich noch nicht alle Suren kannte.

Welche Propheten bekamen ein Buch?

In Sure 6:83-88 werden viele Propheten aufgezählt, unter denen einige keine eigene Schrift offenbart bekamen, und dennoch heißt es direkt nach der Aufzählung: Jene sind die, denen wir die Schrift, die Weisheit und das Prophetentum gaben.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Es ist ein Unterschied, ob gesagt wird, dass ihnen die Schrift gegeben wurde, oder ob sie ihnen offenbart wurde. Ersteres kann auch schlicht bedeuten, dass sie ihnen gelehrt wurde. Dies ist beispielsweise sogar bei normalen Juden oder Christen der Fall, die im Koran ganz explizit bezeichnet werden als diejenigen, denen Wir die Schrift gaben oder diejenigen, denen die Schrift gegeben wurde1.
  • Dass es Propheten gab, die keine eigene Schrift offenbart bekamen, ist ohnehin wohl eine bloße Vermutung.
1 Siehe 2:101; 2:144; 2:145; 3:19; 3:20; 3:100 etc.

Wann wurde die Anbetung des goldenen Kalbs bereut?

Bereuten die Kinder Israels laut Sure 7:149-150 nicht ihre Anbetung des goldenen Kalbes nicht noch bevor Moses zurückkehrte, obwohl laut 20:91 sie vorhatten, nicht von der Anbetung abzulassen, bis Moses zurückkehrte?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Sie können die Motivation, ihr Vorhaben konsequent bis zur Rückkehr Mose zu verfolgen, kurz vor seiner Rückkehr aufgrund nicht im Detail erwähnter Umstände verloren haben. Nirgends in den genannten Versen steht, sie hätten das (angebliche) Vorhaben auch wirklich voll umgesetzt.
  • Sure 7:150 mit der Rückkehr Mose kann auch als nachgelieferter Rückblick angesehen werden, zumal der Vers nicht mit falammâ, sondern mit walammâ eingeleitet wird und dies solche Rücksprünge zulässt.

Jonas - ans Land geworfen oder nicht?

In Sure 37:145 heißt es über Jonas, als er von dem Fisch ausgespuckt und an den Strand geworfen wurde: „Dann warfen wir ihn ins Freie ('arâ°), und er war krank.“ Wie kann es sein, dass in der Übersetzung von Sure 68:49 steht: „Wäre ihm keine Gnade von seinem Herrn erwiesen worden, wäre er sicher an ein kahles Land ('arâ°) geworfen worden, und er wäre geschmäht worden“? Wurde er nun ins Freie bzw. an ein kahles Land ('arâ°) geworfen oder nicht?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn: Hier liegt ein klarer Übersetzungsfehler vor. Der Satzteil, der hier durch ein Komma abgetrennt übersetzt worden ist mit „und er wäre geschmäht worden“ ist im Original ein Zustandsnebensatz, und 'arâ° hat einen bestimmten Artikel, weshalb richtiger wäre: „... wäre er geschmäht an das kahle Land geworfen worden.“ Er ist also nicht geschmäht an das kahle Land geworfen worden. Dies heißt keineswegs, dass er überhaupt nicht an das kahle Land geworfen wurde.

Evangelium zu Lebzeiten Mose?

Spricht Gott nicht in 7:157 zu Moses über das Evangelium, obwohl dieses bekanntlich lange nach ihm dem Propheten Jesus offenbart wurde?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Nirgends steht dort explizit, dass Gott {erh.} die Worte zu Moses (s) sprach oder sie ihn hören ließ. Die oratio recta nach Mose Bittgebet kann auch schlicht die von Gott {erh.} gefasste, zeitlose Entscheidung dazu repräsentieren.
  • Geht man dennoch davon aus, dass die Rede Teil eines Dialogs zwischen Gott und Moses ist, lässt sich die Erwähnung des Evangeliums als Signal auffassen, dass der Dialog bereits vorher zu Ende war, nämlich mit dem Schluss des Verses 156. Dass Vers 157 mit seinem Beginn als Relativsatz syntaktisch dazugehörig wirkt, lässt sich als Zeichen dafür auffassen, dass die zu Moses gesprochenen Worte auch in der Gegenwart noch Gültigkeit haben. Dies ist eine aus anderen Stellen bekannte, typisch koranische rhethorische Vorgehensweise (vgl. 20:52 ff., 7:44-45, 7:50-51, 11:18 ff., 16:27 ff.).
  • Warum sollte Gott Moses nicht mitteilen, was Er in Zukunft anderen Propheten offenbaren wird und dann darüber mit ihm sprechen? Zwar steht scheinbar die Gegenwartsform in den sie bei sich in Thora und Evangelium geschrieben finden, doch diese ist im Arabischen auch geeignet, die Zukunft zu referenzieren.1 Die Weglassung der Futurpartikel ist hier besonders passend, da die Kinder Israels zwar nicht das Evangelium, aber die zugleich erwähnte Thora schon damals besaßen.
  • Der betreffende Satzteil ist auch als die wörtliche Rede unterbrechende Parenthese auffassbar.
1 Vgl. Suren 12:45, 12:47-49, 55:35

Buch links oder hinter dem Rücken?

Mal heißt es, die Unrechttäter würden am Jüngsten Tag das Buch ihrer Taten in ihre linke Hand bekommen, mal hinter ihren Rücken.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn die linke Hand kann sich bei der Übergabe des Buches hinter dem Rücken befinden.

Ungehorsamkeit eines Engels?

Wenn Engel Gott nie ungehorsam sein können, wie kann es denn heißen, dass sich auf den Befehl Gottes „die Engel vor Adam niederwarfen, außer Iblis“ (2:34)?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Iblis war einerseits dem Wesen nach keiner der Engel, andererseits gehörte er dem Aufenthalt oder Status nach zu ihnen.
  • Zusätzlich liefert die Originalsyntax zusammen mit guter Kenntnis der damaligen arabischen Grammatik (die leider vielen Übersetzern abgeht) die Antwort: Das Partikelwort illâ ist hier nicht mit „außer“ zu übersetzen, sondern mit „wohingegen“, da hier eine disjunkte Exklusion vom Typus IV c vorliegt.1 Die korrekte Übersetzung lautet: Und als wir zu den Engeln sagten: Stirnt vor Adam nieder - worauf sie niederstirnten, wohingegen Iblis sich weigerte.
  • Einige sind/waren der Meinung, dass Daimonien (jinn) eine besondere Unterart der Engel gewesen seien, die in einer Art Ausnahme als einzige Engel die Fähigkeit zum Ungehorsam gehabt hätten.

Satan: Engel oder Daimonium?

Mal scheint Satan ein Engel zu sein, mal ein Jinn.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

Dies wurde schon beantwortet in: „Ungehorsamkeit eines Engels?“ Und in: „Iblîs: Dämon oder Engel?

Die einzige Antwort oder doch zwei verschiedene?

Über den Propheten Lot heißt es an der einen Stelle: „Da war die Antwort seines Volkes keine andere als die: Treibt sie aus eurer Stadt hinaus; denn sie sind Leute, die sich reinsprechen wollen.“ (7:82) An der anderen Stelle lesen wir: „Jedoch die Antwort seines Volkes waren nur die Worte1: Bringe Allahs Strafe über uns, wenn du die Wahrheit redest.“ (29:29)

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Die Antwort bezieht sich jeweils auf den Vorwurf Lots gegenüber seinem Volk hinsichtlich ihrer homosexuellen Praktiken und ihres Ausmaßes. Da es zur Methode der Gesandten gehört, ihre Kernaussagen gegenüber ihrem Volk oft zu wiederholen, liegt es nahe, dass in den Versen zwei ähnliche, aber getrennte Situationen referenziert werden und in jeder der beiden Situationen es vonseiten des Volkes jeweils nur eine einzige Antwort gab.
  • Falls es sich doch nur um eine einzige Situation handelt, lässt sich der Satz in 29:29 als die innere Aussage des Satzes in 7:82 auffassen, so dass nur der Satz in 7:82 zu hören war, jedoch derjenige in 29:29 gemeint war oder zumindest derjenige war, auf dessen Aussage der Satz in 7:82 im Endeffekt hinausläuft. - Dies ist schnell zu verstehen, wenn man weiß, dass Leute, die ihren Gesandten vertreiben, damit automatisch ihr baldiges Ende besiegelt haben und sie unabwendbar das irdische Strafgericht erwartet (siehe Suren 17:76-77, 8:33-34). In diesem Lichte ist ein lautstarkes „Treibt sie hinaus“, wenn es spottend für die Ohren des Propheten bestimmt ist, gleichbedeutend mit der Aussage: „Bring doch Allahs Strafe über uns, wenn du die Wahrheit redest.“
1 Im Original steht hier nicht „die Worte“, sondern „dass sie sagten“. Dies lässt zu, dass die Aussage nicht wörtlich so getätigt wurde.

Keine Homosexualität vor Lots Volk?

Die Suren 7:80 und 29:28 scheinen zu behaupten, dass vor dem Volk Lots nie ein Wesen homosexuelle Handlungen praktiziert habe, obwohl doch heutzutage bekannt ist, dass es solche vereinzelt sogar im Tierreich gibt und somit lange vor jenem Volk existiert haben müssen.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Der Ausdruck mâ sabaqakum bihâ min °aħad kann zwar übersetzt werden mit: „Niemand ist euch darin vorausgegangen“. Doch sabaqa bedeutet nicht nur „vorausgehen/zuvorkommen“, sondern auch „besiegen“ und „stärker sein als“1, so dass auch die folgende Übersetzung möglich ist: „Niemand war darin stärker (d.h. schlimmer) als ihr“. Hiermit bezöge sich die Aussage nicht nur auf die Handlung an sich, sondern auch auf das Ausmaß.
  • Der unerreichte Frevel waren in 7:80-81 offenbar nicht nur die homosexuellen Handlungen Einiger, sondern zusätzlich der widernatürliche geschlossene Verzicht wohl aller Angesprochenen auf den intimen Verkehr mit den weiblichen Mitgliedern des Volkes (26:166) und sogar die Ausweitung der homosexuellen Kontakte auf andere Lebewesen außer Menschen (26:165; Benutzung von dhukrân und €âlamîn). Auch in 29:28-29 gesellen sich andere Dinge hinzu, wie z.B. Wegelagerei. Letzteres könnte darauf hindeuten, dass es homosexuelle Vergewaltigungen waren, die den unerreichten Frevel darstellten.
  • Der beispiellose Frevel wird in den betreffenden Versen fâħishah genannt, d.h. eine „obszöne Abscheulichkeit“. Es ist aus Vernunftgründen jedoch davon auszugehen, dass eine Handlung nur dann eine „obszöne Abscheulichkeit“ sein kann, wenn sie von einem verantwortungsfähigen Wesen begangen wird. Das Vorkommen derartiger Handlungen im Tierreich ist daher in diesem Zusammenhang völlig irrelevant, da es sich bei ihnen weitestgehend nicht um verantwortungsfähige Wesen handelt.
  • Dadurch, dass der an den betreffenden Stellen verwendeten Ausdruck min °aħadin min al-€âlamîn auf dem Wort °aħad aufbaut, welches in erster Linie für etwas, das eine Persönlichkeit wie der Mensch besitzt oder noch Höheres ist, gedacht ist, muss die Aussage keineswegs unbedingt irgendetwas im Tierreich bestätigen oder ausschließen.
  • Die Aussage kommt in einer wörtlichen Rede vor, die der Koran dem Propheten Lot zuordnet. Somit muss sie keine Lehre des Koran, sondern kann auch schlicht die private Überzeugung des Menschen Lot sein. Man mag dann zwar fragen, warum der Koran sie dann überhaupt erwähnt. Eine mögliche Antwort wäre aber, dass sich mit der Aussage das Ausmaß der Ausschweifungen, welches sich den Augen Lots bot, effektvoll indirekt ausdrücken lässt.
1 Diese Bedeutung scheint schon kurze Zeit nach der Offenbarung des Koran weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Kaum einem Übersetzer kommt sie an den Stellen des Koran, wo sie sich aufdrängt, in den Sinn, wie z.B. an 8:59, 29:4 oder 29:39. Auch klassische Kommentare zu diesen Beispielen lassen diese Deutungsmöglichkeit weitgehend außer Acht. Bei Tabariyy scheint sie durch die Wiedergabe mit °a€jaza (wrtl. „unfähig machen“) nur schwach durch. Doch ein guter Beleg ist der authentische Prophetenausspruch, demzufolge Gott nach der Erschaffung des Universums in eine Schrift hineingeschrieben habe: „Meine Barmherzigkeit ist stärker als mein Zorn“. Denn in der einen authentischen Version dieses Hadiths wird sabaqat, und in der anderen stattdessen erklärenderweise das eindeutige taghlibu („ist stärker als“, „besiegt“) verwendet. (Saħîħ al-Bukhâriyy, kitâb at-tawħîd, Hadith Nr. 6986 & 6969).

Zerstörte Abraham die Götzen?

Wird eine Episode der Geschichte Abrahams nicht an verschiedenen Stellen widersprüchlich wiederholt? In 21:51-59 zerstört Abraham die Götzen, worauf sein Volk ihn auf dem Scheiterhaufen verbrennen will. Er geht mit seinem Volk heftig in die Konfrontation und zerstört daraufhin die Götzen, doch in Sura 19:42-49 scheint Abraham zu verstummen, nachdem sein Vater ihm angedroht hat, ihn für die Kritik an den Götzenbildern zu steinigen. Er scheint auch sogar direkt die Gegend zu verlassen, ohne dass etwas von der Zerstörung der Götzen erwähnt wird.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn es ist für den Koran typisch, dass er eine Geschichte an verschiedenen Stellen mit unteschiedlichen Detail-Schwerpunkten wiederholt oder zur Setzung von Schwerpunkten einen Teil auslässt und an anderer Stelle „nachliefert“, so dass sich die folgende Chronologie aufstellen lässt:

Es lässt sich die folgende Chronologie aufstellen:

  1. 21:51-67
  2. 19:42-48
  3. 21:68-70
  4. 21:71-72, zeitgleich mit 19:49

Alternativ:

  1. 21:51-681
  2. 19:42-48
  3. 21:69-70
  4. 21:71-72, zeitgleich mit 19:49

Alternativ:

  1. 21:51-65
  2. 19:42-48, zeitgleich mit 21:66-672
  3. 21:68-70
  4. 21:71-72, zeitgleich mit 19:49

Alternativ:

  1. 21:51-69
  2. 19:42-48, zeitgleich mit 21:70
  3. 21:71-72, zeitgleich mit 19:49-50

Die Zerstörung der Götzen müsste somit den Ereignissen aus Sure 19 bereits vorausgegangen sein. Das Missverständnis dürfte wohl darauf beruhen, dass der Fragesteller den Dialog aus Sure 19 als bereits durch 21:52 angedeutet ansah, jedoch wäre es merkwürdig, wenn Abraham nie mehr als ein Mal in seinem Leben mit seinem Vater über die Verirrung des Götzendienstes gesprochen hätte.

1 Der Zeitsprung beim Übergang von Vers 68 zu Vers 69 ist deutlich sichtbar, so dass dazwischen der Dialog zwischen Abraham und seinem Vater aus Sure 19 stattgefunden haben kann, während sozusagen im Hintergrund der Ruf aus Vers 68 nach einer Bestrafung Abrahams über eine gewisse Zeitspanne hinweg wiederholt wurde.
2 Dies würde bedeuten, dass 21:66-67 eine Zusammenfassung der Rede Abrahams zu seinem Volk und seinem Dialog aus Sure 19 ist.

Überlebte Noahs Sohn?

Laut Sure 21:76 wird in Bezug auf Noah gesagt, „er und seine Familie“ seien vor den Fluten gerettet worden. Doch in Sure 11:42-43 lesen wir, dass sein Sohn in den Fluten umkam. Und das, obwohl im Koran zu lesen ist, die Nachkommenschaft Noahs habe überlebt (37:77). Kann außerdem in Sure 37:77 wirklich nur seine Nachkommenschaft überlebt haben, obwohl laut 11:40 auch Menschen außerhalb seiner Familie zu den Glaubenden zählten?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Solange nicht gesagt wird, seine ganze Familie habe überlebt, ist die Aussage nicht zu beanstanden. Die Forderung der Erwähnung der Ausnahmen steht bei Gruppenbezeichnungen der Forderung der Erwähnung der Ganzheit gleichberechtigt gegenüber, so dass diese beiden Forderungen sich gegenseitig aufheben.
  • Das Wort °ahl ist statt mit „Familie“ besser mit „Zugehörige“ oder „Angehörige“ zu übersetzen und weitgehend unabhängig von Blutsverwandtschaft (z.B. °ahlu l-kitâb, die der Schrift Zugehörigen). Wenn sich der Sohn vom Vater losgesagt hat, kann er natürlich kein Mitglied der °ahl des Vaters sein.
  • Die Zugehörigkeit zu Noah wird dem Sohn von Gott in Sure 11:46 abgesprochen. (Das bedeutet nicht, dass ihm die Abstammung als Sohn abgesprochen wird.)
  • Sure 11:40 sagt keineswegs, dass nur die Nachkommenschaft Noahs überlebt habe. Allenfalls lässt die Formulierung darauf schließen, dass das Überdauern der Zeiten seinen Nachkommen in besonderem Maße zukam. So können sie sich im Laufe der Jahre oder Jahrhunderte gegenüber den anderen Stämmen durchgesetzt haben oder letztere in ihnen aufgegangen sein.

Wie konnten Noah und sein Sohn sich verstehen?

Ist es nicht unrealistisch, dass Noah in 11:42-43 seinem Sohn zurufen und ihn auffordern kann, mit ihm einzusteigen, obwohl das Schiff bereits in See gestochen ist und sich zwischen „berggleichen Wellen“ befindet? Muss eine solch tosende Flut dafür nicht viel zu laut gewesen sein und die Entfernung zwischen den beiden Personen zu groß, als dass sie sich hätten verstehen können?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Trotz allem hinderte Noah nichts daran, seinen Sohn zu rufen. Es steht nichts davon, dass der Sohn die Worte des Vaters akustisch wahrnahm. Dass er sie dennoch verstand, kann auf die eventuelle Gestik des Vaters, wenn nicht auf einen besondere göttliche Fügung wie bei der Wahrnehmung der Kommunikation von Ameisen durch Salomo (27:18-19), zurückzuführen sein.
  • Auch kann der Dialog in einem kurzen Moment der Beruhigung des Meeres stattgefunden haben. Ein Hinweis darauf mag sein, dass erst nach der Schilderung des Dialogs der Satz folgt: Und es kamen die Wellen zwischen sie, worauf er zu den Ertränkten gehörte
  • Durch günstige Windverhältnisse kann die Hörbarkeit verbessert worden sein.
  • Dass die Wellen Bergen glichen, genügt nicht, um mit Gewissheit auf ihre Akustik schließen zu können. Es ist bekannt, dass auch große Wellen geräuscharm sein können.
  • Der Vers beginnt mit einem Satz in Imperfektform, an den sich mittels و ein Perfektsatz anschließt, so dass bei diesem Nachsatz mit einiger Wahrscheinlichkeit von Vorvergangenheit auszugehen ist und demnach der Ruf geschehen sein kann, bevor das Schiff in See stach. Syntaktisch unterstützt wird diese Annahme durch die fehlende Pause in einer der beiden vorherrschenden Rezitationsweisen. Vergleichbare Syntaxkonstrukte kommen auch andernorts vor, z.B. in Sure 6:130.

Pharaos Magier: Gläubige oder nicht?

Einerseits werden die Magier des Pharao in der Mosesgeschichte, nachdem sie bei der Herausforderung durch Moses unterlagen, als reuige und glaubende Muslime bezeichnet, andererseits heißt es in 10:83, niemand habe Moses geglaubt, außer einem Teil der „Nachkommenschaft seines Volkes“. Laut 66:11 hat sogar Pharaos Frau geglaubt.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Die Schilderung bricht an der Stelle ab, als die Demonstration des Wunders noch gar nicht abgeschlossen war, d.h. Moses seinen Stab nach den Magiern noch nicht hingeworfen hatte und diese ihren Glauben noch nicht bekundet hatten. An dem Beginn von 10:83 mit fa („worauf“) lässt sich sehen, dass die Einschränkung auf jenen Teil der Anhängerschaft Mose zunächst nur für die relativ kurze Zeitspanne gilt, welche direkt auf den eben genannten Moment der Abbruchs folgte, nicht jedoch alle anderen Menschen aller späteren Zeiten vom Glauben ausschließt, zumal dies nicht dazu passte, dass der Koran selbst weiß, dass später die Christen und Muslime an Moses glaubten.
  • Wer die beiden Verse, die 10:83 vorausgehen, insbesondere den Satz inna allâha sa-yubTilu-hû („Gott wird ihn [den Zauber] zunichte machen / seine Nichtigkeit bzw. Falschheit demonstrieren“) als Anspielung auf die vollständige Situation ansehen möchte, so dass diese seiner Ansicht nach wenigstens subtextuell vollständig erwähnt ist, hat zu berücksichtigen: Das Glauben der Magier ist ein Teil dieser Situation und der Demonstration, ohne welchen letztere nicht vollständig wären, sowie auch Bestandteil des °ibTâl (Verbalsubstantiv von yubTilu), der seine Vollendung ja durch die Bestätigung der Magier erfuhr. Damit würde sich die Schilderung des Verses 10:83 auf die Zeit nach der Glaubensannahme der Magier beziehen und meinen, dass direkt nach ihrer Glaubensannahme zunächst niemand außer der benannten Gruppe den Glauben annahm. (Die Glaubensannahme der Ehefrau mag sich zeitgleich mit derjenigen der Magier ereignet haben.)
  • Sowie es im Koran zahlreiche syntaktische Ellipsen gibt,1 geht der Vertreter der im letzten Punkt genannten Möglichkeit von einer Art erzählerischen Ellipse aus, wie sie im Koran durchaus vorkommt2. Die gedanklich ergänzbare Vollendung der Ellipse mag indes bis zur Tötung der Magier3 und der Ehefrau4 reichen, die in diesem Fall dem in 10:83 Geschilderten vorausgegangen sein dürfte.
  • Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass die Magier und auch jene unter den Frauen Pharaos von der Abstammung her Israeliten waren. Isisnofret, die Frau Ramses' II. und Mutter seines Thronfolgers Merenptah war nach dem Dafürhalten von Ägyptologen tatsächlich keine Ägypterin, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Semitin aus der Levante. Interessant hierbei ist, dass aus der Hadithliteratur eine Asiah bint Muzahim als Frau des Pharaos bekannt ist, der Vatersname „Muzahim“ klar semitisch zu sein scheint und sich die vollständige arabische Aussprache ihres Vornamens âsiatu sich verblüffend stark mit dem Hauptteil des Namens „Isisnofret“ in seiner original-ägyptischen Aussprache deckt: aset nofret („die schöne Thronangehörige“).
  • Es wird das Wort qawm benutzt („Leute“), was nicht unbedingt ein Volk im ethnischen Sinne meinen muss, sondern auch für die Bezeichnung einer beliebigen Anhängerschaft geeignet ist. So kann Moses (s) Anhänger gehabt haben, die eher aus politischen denn aus Glaubensgründen zu ihm hielten.
1 Vgl. Suren 12:15, 12:94, 22:25, 41:41, evtl. auch 24:10, 24:20
2 Vgl. Sure 12:10-11 oder 12:45-46.
3 Soweit tatsächlich geschehen, wird dies nur angedeutet: s. Suren 20:71-76 und 26:49-51.
4 Ebenfalls nur angedeutet: s. Sure 66:11

Ägypten: Mehrere Götter oder nicht?

An der einen Stelle (7:127) ist die Rede von mehreren „Gottheiten“ des Pharao, als habe er bzw. sein Volk an mehrere Götter geglaubt, während an anderen Stellen (26:29, 79:24) Pharao sagt, er sei die einzige Gottheit bzw. der höchste Herr seines Volkes.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Der Koran gibt an den betreffenden Stellen nicht seine eigene Meinung, sondern die eines Teils der Ägypter wieder, wie man deutlich daran sieht, dass die genannten Aussagen lediglich in Zitaten vorkommen. Dass theologische Meinungen von Menschen widersprüchlich sein können, dürfte jedem klar sein. Ein treffendes Beispiel dafür ist die nizäanische Trinitätslehre.
  • Wahrscheinlich wollte Pharao als Manifestation, Inkarnation oder Hypostase seiner Gottheiten angesehen werden.
  • Es ist denkbar, dass die theologischen Ansichten Pharaos und seiner Anhänger sich während der Geschehnisse änderten bzw. eine „Entwicklung“ unterliefen.

Die Reue kurz vor dem Tod

Einerseits heißt es, dass kurz vor dem Tod die reuevolle Bekehrung eines Menschen nicht angenommen wird, weil es dann zu spät sei (4:18), andererseits wurde laut Sure 10:92 zu Pharao kurz vor dem Ertrinken gesagt: „Heute erretten wir dich mit deinem Leib.“ Warum wurde er errettet, wenn laut dem anderen Vers die Bekehrung nicht mehr in diesem Zustand angenommen wird und außerdem an mehreren anderen Stellen erwähnt wird, dass er ertrank (28:40; 17:103; 43:55)?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Dass er mit seinem Leib vor den Fluten gerettet wurde, heißt nicht, dass er auch mit seiner Seele gerettet wurde. D.h. nur sein Leichnam wurde an den Strand gespült.
  • Selbst wenn er mit seiner Seele errettet worden wäre: Nirgendwo in Sure 10:92 steht, dass seine Bekehrung bzw. Reue angenommen wurde.

Keine Seele trägt die Last einer anderen

Der Koran sagt mehr als ein Mal, keine Seele trage die Bürde einer anderen Seele. Doch dann heißt es in Sure 29:12-13, gewisse Menschen würden die Last anderer Menschen tragen. Ebenfalls in Widerspruch dazu scheint 8:25 zu stehen.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Der Schlüssel zur Beantwortung des ersten Teils der Frage findet sich in Sure 16:25: Damit sie ihre Lasten am Tage der Auferstehung vollständig tragen, sowie etwas von den Lasten derer, die von ihnen ohne Wissen irregeführt werden. Ja, wahrhaft übel ist, was sie an Lasten mit sich schleppen. Die Last, welche der Irreführer hier trägt, ist insofern nicht die eines anderen, als sie lediglich eine wegen der Irreführung berechtigte „Kopie“ der Last des anderen ist und als solche jenem anderen letztlich nicht mehr zuzurechnen ist. Dies ist gut an dem folgenden Prophetenausspruch zu sehen: „Wer einen guten Usus in die Wege leitet, dem kommt der Lohn dafür zu, und auch der Lohn derer, die außer ihm später danach handeln, ohne dass sich von ihrem Lohn etwas verringert. Und wer einen schlechten Usus in die Wege leitet, auf dem lastet die Schuld daran, und auch die Schuld derer, die außer ihm später danach handeln, ohne dass sich von ihren Lasten etwas verringert.1 Zugleich ist die Genitivverbindung den Lasten derer, die unter dem Gesichtspunkt berechtigt, dass die Kopie eine Kopie ihrer Lasten ist. Verneinung und Affirmation sind somit zugleich und widerspruchsfrei möglich. Denn die beiden angeblich widersprüchlichen Grundaussagen sind lediglich: 1.) Niemand wird einer Sache beschuldigt, die er nicht selbst zu verantworten hat. 2.) Für das, was andere aufgrund seiner Anstiftung getan haben, ist er mitverantwortlich. - Als sprachliche Analogie mag das folgende Beispiel dienen: Wenn ein Hausbesitzer in seiner Freizeit gerne malt, sein Wohnzimmer mit drei selbstgemalten Bildern behängt und irgendwann einen Künstler bezahlt, um ein viertes Bild für sein Wohnzimmer anzufertigen, lässt sich am Ende sowohl sagen, in dem Wohnzimmer befänden sich ausschließlich Bilder des Hausbesitzers und von niemandem anderen, da alle vier ausschließlich sein Eigentum sind, als auch, dass das vierte Bild in dem Wohnzimmer eines der Bilder jenes Künstlers sei.
  • Sure 8:25 spricht nicht von einer Schuld, die am Tag der Auferstehung zu verantworten ist, sondern von einem Unglück, das nicht nur die Haupttäter des Unrechts treffen werde, sondern auch diejenigen, welche das Unrecht zulassen und es somit ebenfalls verdienen würden (falls nicht, würden sie spätestens im Jenseits den Ausgleich dafür erhalten).
1 Saħîħ Muslim, kitâb al-€ilm, Hadith Nr. 1017

Schuld an den Verbrechen der Vorfahren

Warum redet der Koran die jüdischen Zeitgenossen Mohammeds an und wirft ihnen Verbrechen vor, die ihre Vorfahren begingen?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn diese Redeweise lässt sich als berechtigte, koranspezifische rhetorische Besonderheit ansehen, welche auf diese subtile Weise einen Teil oder die Gesamtheit der folgenden möglichen Aussagen mitteilt oder dadurch begründbar ist:

  • dass die Gesinnung, aufgrund derer die Verbrechen geschehen waren, mit der Gesinnung der späteren Generation identisch ist.
  • dass sich die spätere Generation mit der früheren Generation und evtl. sogar ihren Taten völlig identifiziert.
  • dass die spätere Generation nicht nur unterlässt, sich von den Verbrechen der Vorfahren zu distanzieren, sondern auch Verbrechen begeht oder zu begehen versucht, die strukturell und von der Absicht her den Verbrechen der früheren Generation entsprechen.
  • dass die Pflicht, sich von den Verbrechen des eigenen Volkes zu distanzieren, größer ist als die Pflicht, sich von den Verbrechen Fremder zu distanzieren.1

Man beachte im übrigen den auf den Propheten (s) zurückgeführten Ausspruch: Auf den Propheten Mohammed (s) wird der Ausspruch zurückgeführt: „Wenn auf der Erde eine Verfehlung begangen wird, ist einer, der dabei ist und sie missbilligt, wie einer, der nicht dabei ist. Wer nicht dabei ist, ihr aber zustimmt, ist wie einer, der dabei ist.2

1 Die Grundlage einer solchen Verpflichtung mag darin begründet sein, dass der Mensch zur Gutheißung der Taten der Vorfahren neigt und ein bewusstes Ignorieren der Verbrechen der Vorfahren einer Förderung der Gutheißung nahekommt. Darum ist z.B. die deutsche Aufrechterhaltung der verurteilenden Erinnerung an den Holocaust von hoher Wichtigkeit. - Interessant ist auch eine Bibelstelle (Mt 23:29-37), die sich teils fast wie eine Begründung der diskutierten Vorgehensweise liest. Ihr zufolge habe Jesus (s) gesagt: „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr baut die Gräber der Propheten und schmückt die Grabmäler der Gerechten und sagt: Wären wir in den Tagen unserer Väter gewesen, so würden wir uns nicht an dem Blut der Propheten schuldig gemacht haben. So gebt ihr euch selbst Zeugnis, dass ihr Söhne derer seid, welche die Propheten ermordet haben. [...] Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind!
2 Sunan Abî Dâwûd, kitâb al-malâħim, Nr. 4345; im ungefähren Durchschnitt mittlere von den Hadithgelehrten zugestandene Authenzitätsstufe.

Der Zweck der Erschaffung des Menschen

Wofür wurden Menschen und Jinn-Wesen erschaffen, nur um Gott anzubeten (51:56), oder damit Er sich ihrer erbarme (11:119), oder (zumindest ein Teil) für die Hölle (7:179)?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Der einzige Zweck der Erschaffung von Menschen und Daimonien (bzw. ihre einzige Aufgabe) ist in der Tat, Gott anzubeten. Derweil besteht ein essentieller Teil der Anbetung Gottes darin, Seine Barmherzigkeit anzustreben bzw. zu erlangen, wenn sie nicht gar mit ihm vollständig zu identifizieren ist.
  • Gott anzubeten (oder anbeten zu dürfen), ist eine Barmherzigkeit. Der Grund dafür ist, dass Gott an die Anbetung untrennbar Belohnung geknüpft hat, oder, dass Anbetung, die ohne ein hingabevolles Wohlgefühl oder die Verringerung negativer Gefühle geschieht, nicht als Anbetung anerkannt wird, oder beides.
  • Liest man den Teil ausser wessen sich Dein Herr erbarmt - und dafür hat Er sie erschaffen in 11:119 im Kontext, erkennt man, dass er auch bedeuten kann: „... außer denjenigen, die im Gegensatz zu den uneinigen Anhängern der verschiedenen Konfessionen in den Grundwahrheiten und Anbetungsformen eine zur Wahrheit gelangte Einheit bilden, und diese Art der Barmherzigkeit anzustreben, ist ihre Aufgabe.“ Da diese Aufgabe zu erfüllen eine Anbetung Gottes ist, läge hiermit schlicht eine Spezifizierung der Aussage in 51:56 vor. Dieses Verständnis wird durch die Koranstellen unterstützt, welche die gemeinschaftliche Einheit als Barmherzigkeit bezeichnen.1
  • Der Versteil lässt sich problemlos auch so verstehen: „... außer derjenigen Gruppe, die Gott in Seine Barmherzgkeit hineinführt. Und dafür, jene Gruppe in Seine Barmherzigkeit hineinzuführen, hat Gott jene Gruppe erschaffen.“ Dass die Hineinführung in die Barmherzigkeit Gottes Seiner Anbetung entspricht, liegt durch Sure 76:29-31 nahe: Wer also will, schlage einen Weg zu seinem Herrn ein. Und ihr wollt nur, wenn Gott will. Denn Gott ist wissend, weise - Er führt in Seine Barmherzigkeit hinein, wen Er will.
  • Da der Zweckbegriff aufs Engste mit dem Begriff des Willens verknüpft ist, ist auch hier der Unterschied zwischen dem legislativen und dem kosmologischen Willen zu berücksichtigen. Dass die Anbetung Gottes die einzige Aufgabe der Menschen und Daimonien und somit ihr legislativer Zweck ist, steht nicht im Widerspruch dazu, dass der Endaufenthalt eines Teils von ihnen in Gehenna Seine kosmologische Bestimmung für sie ist. Die Anbetung kann die einzige Aufgabe einer Person sein, ohne dass sie sich zur Erfüllung dieser Aufgabe durchringt, mit anderen Worten: ohne dass ihr diese Anbetung bestimmt ist.
  • Der Ausdruck für Gehenna lässt sich als Abkürzung von „für Gehenna geeignet“ oder „für Gehenna bestimmt“ auffassen.
  • Jemandem eine positive bzw. eine negative Konsequenz für den Fall der Erfüllung bzw. Nichterfüllung zu bestimmen, ist darin, ihm eine Aufgabe zu geben, inbegriffen, da dies zu den Dingen gehört, ohne die eine Aufgabe keine Aufgabe ist. Stattdessen wäre sie nur ein Vorschlag oder eine Empfehlung. D.h. indem Gott den Daimonien und Menschen die Aufgabe der vereinzigenden Anbetung gab, bestimmte Er bereits per definitionem den Gehorsamen und den Aufsässigen für die jeweilige Konsequenz, die z.B. in Versen außerhalb von Sure 51:56 (z.B. in 7:179) lediglich konkretisiert wird.
1 42:8

Bestimmung von Urewigkeit her oder erst in der Bestimmungsnacht?

Werden erst in der Nacht der Bestimmung die Schicksale entschieden (44:3-4; 97:4) oder wusste Gott alles schon vor Beginn der Schöpfung und es stand schon vor Äonen alles auf der „wohlverwahrten Tafel“?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn es spricht nichts dagegen, dass Gott (erh.) von Urewigkeit her alles weiß und in der Nacht der Bestimmung den Engeln die für ein Jahr reichenden Befehle erteilt, durch welche die Umstände der Menschen dirigiert werden (z.B. die Abberufung der Seelen durch den Todesengel). Die Wohlverwahrte Tafel und ihre Beschriftung existierte schon zuvor, jedoch ebenfalls nicht von Urewigkeit her, sondern nur von Anbeginn.

Der Paradieswein

Wie kann Wein Teufelswerk sein (5:90), aber zu den Getränken der Paradiesbewohner gehören (47:15).

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Beim Verbot wurde die bestimmte Form verwendet (al-khamr), während der Paradieswein in unbestimmter Form steht khamr. Somit ist nur das typische berauschende Getränk, das zu gesundheitlichen Schäden und Sünden führt, etwas Schlechtes, während Paradieswein eine unbekannte Art von Wein ist, welche frei von schlechten Nebenwirkungen ist, wie im Koran verschiedenerorts sogar erwähnt wird (37:47; 56:19).
  • Wie für andere Dinge des Jenseits und der Transzendenz gilt: Würde der Paradieswein in unseren Erfahrungsbereich gelangen, würden wir uns gezwungen sehen, einen neuen Namen dafür zu erfinden, weil er letztlich doch etwas sehr anderes ist. Da er nicht in unseren Erfahrungsbereich gelangt ist, gab ihm Gott einen Namen, der von allen anderen Namen schlicht der am nächsten liegende ist und wenigstens einen oder mehrere Assoziationen mit dem unbekannten Objekt teilt. Darum der überlieferte Spruch: „Im Jenseits ist nichts wie im Diesseits, außer den Namen.“1
1 Von verschiedenen Hadithwissenschaftlern als authentisch bewerteter Ausspruch von Abdullâh Ibn Abbâs, überliefert von Bayhaqiyy u.a.

Die Bevorzugung der Menschheit

Wie passt es zusammen, dass Gott die Menschheit vor vielen anderen Geschöpfen bevorzugt hat (17:70) und dennoch die meisten Menschen Beigesellung begehen (12:106) und zu den schlimmsten Geschöpfen (98:6), sowie zu den Höllenbewohnern gehören und sogar von Anfang an dafür bestimmt wurden, (7:179), so dass sich auch nicht sagen lässt in 17:70 sei hauptsächlich die Intention Gottes gemeint, die später durch den Unglauben der Menschen aufgehoben worden sei?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Mit dem gleichen Vokabular berichtet der Koran von der Bevorzugung der Kinder Israels, und zwar gerade im Kontext der Erwähnung von Sünden, die sie begingen (2:47, 2:122). Bevorzugung ist also schlicht die Verleihung von Vorzügen gegenüber anderen Völkern oder Geschöpfen ungeachtet anderer Umstände oder Eigenschaften, die man als negativ deuten mag. Und die Verleihung von Vorzügen ist beim Menschen gegenüber den Tieren zweifellos ein Faktum, das auch durch die ethischen Vergehen der meisten Menschen nicht sofort verschwindet (Herausragende Stellung durch Zähmung eines Teils der Natur, Intelligenz, Technik, Gewissen, Abstammung von einem Propheten, Verbeitung auf dem Planeten etc.)
  • Auch wenn ein großer Teil der Menschen zu den schlimmsten Geschöpfen gehört, so ist dem nicht so, weil dies in der Natur des Menschen läge. In ihm ist lediglich das Potential dazu angelegt. D.h. nicht der Mensch an sich ist das schlimmste Geschöpf, sondern nur diejenigen, welche entkennend geworden sind - worunter sich im Übrigen auch Daimonien, die überhaupt keine Menschen sind, befinden. Da der Ausdruck alladhîna kafarû, wie er in 98:6 vorkommt, gegenüber kâfirûn eine spezielle Bedeutung in der koranischen Terminologie hat, lässt sich nicht einmal sagen, ob die dort Besprochenen die Mehrheit der Menschen darstellen.
  • Das Vorwissen Gottes um das Schicksal jedes Menschen im Jenseits hebt die Verantwortlichkeit des Menschen für dieses Schicksal nicht auf. Siehe: Die Bestimmung

Länge des Aufenthalts im Feuer

Werden die Bewohner des Feuers für immer darin bleiben (2:167) oder nur eine begrenzte Zeit (11:107)?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Sure 11:107 lässt lediglich Ausnahmen zu, und diese werden von Sure 2:167 nicht ausgeschlossen, zumal in 2:167 keine Wörter wie „jeder“ oder „alle“ o.ä. benutzt werden. Die Ausnahme könnte aus dem bestehen, was in einem authentischen Hadith überliefert wird, nämlich dass die Person mit dem wonnevollsten Leben im irdischen Dasein für einen kurzen Moment in das Feuer getaucht und wieder herausgeholt wird, um sie über ihre Bewertung der Wonne des irdischen Lebens zu befragen.1
  • Die Gruppe der „Unglückseligen“ in 11:107 muss nicht deckungsgleich mit der in 2:167 genannten Gruppe sein. Unter der ersteren Gruppe können sich Muslime befinden, die Großaufsässigkeiten unterhalb der Stufe der Entkennung begangen hatten und darum eine begrenzte Zeit im Feuer verbringen müssen.
  • Die Angabe der Dauer des Universums ist natürlich als Mindestangabe zu verstehen. Eine darüber hinausgehende Dauer des Aufenthalts im Feuer wird nirgends verneint.
1 Saħîħ Muslim, kitâbu Sifati l-qiyâmah, Hadith Nr. 2807.

Die Verheißung in Thora, Evangelium und Koran

In Sure 9:111 ist zu lesen: „Allah hat von den Gläubigen ihr Leben und ihr Gut für das Paradies erkauft: Sie kämpfen für Allahs Sache, sie töten und werden getötet; eine Verheißung - bindend für Ihn - in der Thora und im Evangelium und im Quran.“ Wo jedoch findet man so etwas in Thora oder Evangelium?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Dort steht „in der Thora und im Evangelium“ und nicht „in dem, was von Thora und Evangelium übrig ist“. Thora und Evangelium sind uns aber nicht vollständig in ihren Originalen erhalten geblieben.
  • In Thora oder Evangelium muss die militärische Komponente nicht explizit erwähnt worden sein, es genügt die Erwähnung des allgemeinen Versprechens, nämlich, dass die Bereitschaft zur universellen Aufopferung für Gott den Glaubenden mit dem Paradies belohnt wird. So lässt sich die Thematik durchaus in der Bibel wiederfinden1.
1 Mt 13:44-46, evtl. auch Mt 20:1-16, Dtn 6:3-5; letzteres unter der Annahme, dass in der heutigen Version des Pentateuch das Paradies im eschatologischen Sinne und das irdische Heilige Land mittlerweile vermengt sind.

Werden alle Muslime im Feuer brennen?

Einerseits gibt es Muslime, die vom Feuer der Gehenna nicht berührt werden (52:27), andererseits scheinen die Suren 11:119 und 19:71 zu besagen, dass jeder in Gehenna eintreten werde.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Den Abschlusssatz in 11:119 haben mit Ausnahme von Rudi Paret so gut wie alle deutschen Übersetzer schwach bis falsch übersetzt und scheinbar (anders als die arabischen Korankommentare) übersehen, dass nicht das für ihre Übersetzung erforderliche bi, sondern min zum Einsatz gekommen ist. So lautet der Satz nicht „Ich werde Gehenna mit den Jinnen und Menschen allesamt anfüllen“, sondern eher: Wahrlich werde Ich Gehenna vor lauter Daimonien und Menschen zusammen anfüllen. Die Verbindung aus Präposition und Artikel „min al“ steht hier für „vor lauter“ und das Wort °ajma€în für „zusammen“ im Sinne von „sowohl... als auch...“. Letzteres wird von Ersterem in keiner anderen Bedeutung zugelassen, da es im Arabischen wie im Deutschen wenig Sinn macht zu sagen: „vor lauter alle Daimonien“. - Eine zweite Übersetzungsmöglichkeit ist: „Wahrlich werde Ich Gehenna aus sowohl den Daimonien als auch den Menschen (nehmend) anfüllen.“ Hier hätte min die selbe Funktion wie in ķalaqa min.
  • Das Wort warada (19:71) bedeutet nicht unbedingt „eintreten in“, sondern eher/auch „[dicht her-]ankommen an“.1
  • Es ist ein Unterschied zwischen Gehenna und dem Feuer zu machen. Gehenna ist gewissermaßen der „Ofen“ oder das „Land“, in welchem das Feuer brennt, jedoch nicht mit dem Feuer identisch. Somit ist denkbar, dass selbst ein Betreten Gehennas an einer Stelle erfolgen kann, an der (noch) kein Feuer brennt. Gott ist auch machtvoll genug, Gehenna auf andere Weise mit allen Geschöpfen zu füllen, ohne dass alle in ihr brennen.
1 Dies lässt sich einfach nachprüfen, da in Sure 28:23 dasselbe Verb in Bezug auf Moses und ein Gewässer verwendet wird und deutlich erkennbar ist, dass Moses dort nicht in das Gewässer steigt. Siehe auch Sure 12:19.

Jesus nicht im Feuer

Jesus ist dem Koran zufolge ein großer Prophet, somit kann er nicht zu den Bewohnern des Feuers gehören. Allerdings wird er von den Christen angebetet. Würde daher Sure 21:98 nicht bedeuten, dass auch Jesus in das Feuer kommt? Die Übersetzung des Verses lautet: „Wahrlich, ihr und das, was ihr statt Allah anbetet, seid Brennstoff der Gahannam. Dahin werdet ihr kommen müssen.“ Müssten nicht sogar die Engel, die ebenfalls von vielen angebetet werden/wurden, in das Feuer kommen?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • In dem Vers steht nicht, dass alles, was sie anzubeten pflegten, zum Brennsoff Gehennas werde, sondern es wird eine Formulierung gewählt (Relativpronomen ), die lediglich darauf schließen lässt, dass die Mehrheit der neben Gott angebeteten Dinge gemeint ist. Jesus und Maria lassen sich also widerspruchsfrei ausschließen.
  • Ob über die Mehrheit oder auch nur den wesentlichen Kern hinaus alle, die entkennend geworden waren, angesprochen werden, lässt sich ebenfalls nicht eindeutig feststellen.
  • Die Vorstellung der Polytheisten bezüglich der Natur der Engel passt in der Regel eher zu Daimonien (z.B. bezgl. Geschlechtlichkeit), weshalb sie von der Intention her in Wirklichkeit Daimonien anbeteten, auch wenn sie ihnen die Namen von Engeln gaben oder sie als Engel bezeichneten. Sure 34:41 dürfte dies bestätigen.
  • Auch in Bezug auf Jesus (s), Maria (s) und andere Geschöpfe beten Polytheisten Dinge an, die es nie gegeben hat, da eine allhörende Maria oder ein allmächtiger Jesus niemals existiert haben. Das Angebetete sind also nicht die historischen Geschöpfe, sondern neben Steinfiguren und Ähnlichem lediglich leblose Phantasiekonstrukte, die sich am Tage der Auferstehung wahrscheinlich gesondert manifestieren und mit zum Brennstoff werden.1
  • Da in dem Vers „was ihr anbetet“ statt „wen ihr anbetet“ steht, sind Persönlichkeit besitzende Geschöpfe von vorneherein nicht explizit eingeschlossen.
1 Unterstützt wird dies durch Sure 4:117, welche die erfrischend kühn formulierte Aussage vorbringt, dass Beigeseller ausschließlich Weiblichkeiten (°inâŧ) anbeten, womit natürlich angesichts der zahlreichen männlich gedachten Götterfiguren der Mekkaner (z.B. Hubal) und anderer Völker wohl nur das grammatisch weiblich zu Behandelnde gemeint sein kann, und dies sind im hocharabischen Plural die seelenlosen Gegenstände. Dies entspricht auch einer bei Tabariyy gut dokumentierten Ansicht mehrerer früher Exegeten.

Jesus: Keine Gottheit

Wenn Jesus keine Gottheit ist, wie kann es sein, dass er in Sure 3:49 sagt, er erschaffe (khalq) als Zeichen etwas wie ein Vogel geformtes? Dann kommt auch noch hinzu, dass er es anhauchte, worauf es zum echten Vogel wurde. Darüber hinaus nennt der Koran ihn „das Wort Gottes“ und „Geist von Gott“ (4:171).

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Das Wort khalq kann auch schlicht „gestalten“ bedeuten, und das kann - etwas Geschick vorausgesetzt - jeder Mensch.
  • In dem betreffenden Vers wird Jesus (s) eindeutig mit den Worten zitiert, dass er die Taten mit der Erlaubnis Gottes tue, so dass niemand ihn für eine Gottheit halten kann, da niemand eine Gottheit sein kann, der eine Erlaubnis für irgendetwas benötigt.
  • Nach der Lehre des Koran sind alle Vorgänge im Kosmos mitsamt der Taten der Menschen allein von Gott erschaffen,1 und somit sind alle von Jesus (s) gezeigten Wunder nicht von ihm, sondern von Gott erschaffen, auch wenn sie von Gott in die Kausalkette der Handlungen Jesu (s) eingefügt worden sind. Sogar das Hauchen, auch ohne das darauffolgende Wunder, ist allein von Gott erschaffen.
  • Die Bezeichnung „Geist von Gott“ ist völlig unproblematisch, da jedem lebenden Menschenkörper Geist eingehaucht wurde, der von Gott erschaffen und gesendet wurde. Darüber hinaus bedeutet rûħ in etwa „Lebensgeist“. In der Tat sollte durch Jesus (s) die damalige israelitische Gesellschaft, deren Religiosität zum großen Teil auf Äußerlichkeiten verkümmert war, durch die Wiedereinbringung des spirituellen Aspekts der Religion wieder zu neuem Leben erweckt werden.
  • Der Ausdruck „das Wort Gottes“ ist wohl eine Kurzfassung des Ausdrucks „das Ergebnis des Wortes Gottes“ (d.h. des Wortes „Sei!“ aus Sure 3:59), etwa wie das Wort „Glauben“ in Sure 2:143 eingesetzt wurde, obwohl „Werke“ zu erwarten gewesen wäre, zumal „Werke“ ja das Ergebnis des inneren Glaubens sind. Zwar sind alle Geschöpfe das Ergebnis des Wortes Gottes, jedoch hat das Geschöpf Jesus (s) diesen Titel besonders verdient, da er ohne den väterlichen Zwischenschritt geboren wurde.
  • Der Ausdruck „das Wort Gottes“ kann auch „die Verheißung Gottes“ bedeuten. Siehe: Die unveränderlichen Worte Gottes
1 Siehe Suren 6:102, 8:17, 37:96, 57:22.

Jesus wie Adam?

Wie kann 3:59 Jesus mit Adam vergleichen, wenn es doch so viele Unterschiede zwischen ihnen gibt? (Z.B. Jungfrauengeburt Jesu, seine Sündlosigkeit, seine Bezeichnung „Wort Gottes und Geist von Ihm“, Aufstieg zu Gott statt Tod, Wundertätigkeit)

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Der Vers sagt nicht plump, Jesus sei wie Adam, sondern: Das Gleichnis Jesu ist bei Gott wie das Gleichnis Adams. Das Wort für „Gleichnis“ lässt sich auch mit „Beispiel“ übersetzen. Dabei sagt der Vers auch, was er meint, nämlich, dass die Erstaunlichkeit der Werdung Jesu ohne Vater der Erstaunlichkeit der Werdung Adams aus Staub gleicht.
  • Solange es essentielle Gemeinsamkeiten gibt, sind Unterschiede kein Hinderungsgrund für die Aussage, eine bestimmte Person sei wie eine andere bestimmte Person.

Jesus: Emporgehoben oder gestorben?

Sagt Sure 4:157-158 nicht, Jesus sei nicht gestorben, während 3:144 sagt, alle Gesandten seien gestorben?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Sure 3:144 benutzt das Wort „sterben“ für die anderen Gesandten außer Mohammed gar nicht, sondern khalâ, welches in etwa bedeutet: „aufgetreten und davongegangen sein“, „schon einmal (an einem Ort) gewesen sein und (den Ort) verlassen haben“. Vgl. Sure 35:24.
  • Das Wort „alle“ kommt ebenfalls nicht vor. Selbst wenn khalâ „sterben“ hieße, genügte für die Richtigkeit der Aussage der Tod der Mehrheit der Gesandten.
  • In der akkuratesten Übersetzung (in Anlehnung an Adel Th. Khoury) ist nicht einmal der Tod der Mehrheit inbegriffen: Und Mohammed ist nur ein Gesandter, vor dem bereits etliche Gesandte gewesen und davongegangen sind

Nur ein einziger wahrer Erschaffer

Wie passt es zusammen, dass Gott der Einzige ist, aber Er „der beste der Erschaffenden“ genannt wird (z.B. 23:14), als gäbe es noch andere Schöpfer?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Nirgends steht, jene „Erschaffenden“ hätten irgendetwas von der Natur erschaffen, oder sie hätten irgendetwas aus dem Nichts erschaffen. Dass es aber unter den Menschen Konstrukteure, Bildhauer und Künstler gibt, wird wohl niemand leugnen. Das betreffende Wort khâliq kann auch einfach „Gestalter/-ender“ bedeuten.
  • Nach der Lehre des Koran sind alle Vorgänge im Kosmos mitsamt der Taten der Menschen allein von Gott erschaffen.1 Jene erschaffenen „Erschaffenden“ haben also in Wirklichkeit nichts erschaffen, können aber dennoch „Erschaffende“ genannt werden, da nach der koranischen und nach der prophetischen Lehre die Absicht das Maßgebliche an einem Menschenwerk ist2 und dieses hier von Gott in die Kausalkette der Handlungen jener Gestalter eingefügt worden ist.
  • Ohnehin ist denkbar, dass gemeint ist: „der Beste all jener, die als Erschaffende angesehen oder bezeichnet werden“. Analog dazu lesen wir: die ihn zur Rechtleitung rufen, obwohl aus dem Zusammenhang ersichtlich ist, dass gemeint ist: „die ihn zur angeblichen Rechtleitung rufen“.
1 Siehe Suren 6:102, 8:17, 37:96, 57:22.
2 Siehe Sure 37:103-105 und den berühmten authentischen Prophetenausspruch إنما الأعمال بالنيات

Prophetentum nicht nur für Abrahams Nachkommen

Einerseits scheint jede Nation einen Propheten bekommen zu haben (16:36), andererseits spricht Sure 29:27 so, als sei das Prophetentum nur in die Nachkommenschaft Abrahams gelegt worden.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn: Das Wort „nur“ kommt dort nicht vor, und auch die Syntax erzwingt nicht, die Prophetenschaft allein auf die Nachkommenschaft Abrahams zu beziehen, evtl. nicht einmal unbedingt hauptsächlich1. Und dass die Prophetenschaft seit Abraham hauptsächlich in seiner Nachkommenschaft war, dem lässt sich in der Hinsicht zustimmen, dass fast alle der größten nach seiner Zeit bekannten Propheten in seiner Nachkommenschaft auftraten, insbesondere Mohammed (s).

1 Das Wort nubuwwah müsste sonst früher stehen, z.B. so: wa ja€alna an-nubuwwata fî đurriyyatihî, oder so: wa n-nubuwwata ja€alnâhâ fî đurriyyatihî, oder, noch deutlicher, der Ausdruck fî đurriyyatihî müsste vorgezogen werden: wa fî đurriyyatihî ja€alna n-nubuwwata, oder es müssten zusätzliche Partikelwörter eingesetzt werden, z.B. so: wa °innamâ ja€alna n-nubuwwata fî đurriyyatihî, oder so: wa mâ ja€alna n-nubuwwata °illâ fî đurriyyatihî. Letzteres würde mehr als nur Hauptsächlichkeit bedeuten, nämlich auch Ausschließlichkeit.

Moses und Jesus nur zum eigenen Volk gesendet?

Sagt Sure 14:4 nicht, jeder Prophet vor Mohammed sei nur zu seinem eigenen Volk gesendet worden? Wie kann Jesus dann ein Zeichen für alle Menschen sein (19:21), ja sogar für alle Welten (21:91) und sein Evangelium eine Rechtleitung für alle Menschen (3:3). Auch wurde Moses nicht nur zu seinem Volk, den Kindern Israels, sondern ausdrücklich auch zu Pharao und seinen Leuten gesendet (10:75).

Vorab: Sure 14:4 sagt eigentlich, dass jeder Prophet in der Sprache seines Volkes gesendet wurde. Allerdings lässt sich Hadithen entnehmen, dass jeder Prophet zu seinem Volk gesendet wurde, Mohammed (s) dagegen zur ganzen Welt.

Dennoch ist auch hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Auch Sonne und Mond sind Zeichen für die Menschen, so auch Maria, die Mutter Jesu, wie Sure 21:91 mitteilt, dennoch sind sie keine Gesandten und müssen hierfür auch keine sein, ganz gleich ob zur ganzen Menschheit oder nur einem Teil.
  • In der Sprache des Koran ist die Entsendung eines Propheten als „Gesandten“ der Befehl an ihn, einem bestimmten Empfängervolk eine Alarmierung zu überbringen, und die letzte Chance vor dem endgültigen Strafgericht und Untergang (6:48, 18:56, 10:47, u.v.m.), welcher durch die umfassende Abstempelung des Gesandten zum Lügner durch das Empfängervolk besiegelt wird. Eine Offenbarungsschrift wie Thora oder Evangelium muss dies nicht unbedingt mit sich bringen, und genauso wenig schließt dies aus, dass andere Völker aus solchen Offenbarungsschriften Nutzen ziehen. Wenn sich beispielsweise ein nicht adressiertes Volk durch einen Großteil einer solchen Offenbarungsschrift einigermaßen rechtleiten lässt (und sei es auch nur im Sinne der Ordnung seiner irdischen Zustände) und den dazugehörigen Gesandten zum Lügner erklärt, wird es nicht unbedingt sofort vernichtet, denn der Gesandte wurde nicht zu ihnen gesendet.
  • Da Moses (s) im Hause Pharaos aufwuchs, kann man die damaligen Ägypter oder zumindest ihre Oberschicht als das zweite Volk Mose ansehen.
  • Für Volk steht dort qawm, was nicht in jedem Fall „Volk“ im ethnischen oder nationalen Sinne bedeutet, sondern zur allgemeineren Bedeutung „Leute“ tendiert.1
  • Die wahrscheinlichste Bedeutung des Ausdrucks „seine Leute“ in Sure 14:4 ist: „die ihm (zur Alarmierung) zugewiesenen Leute“. Ebenso kann man bei einem Briefträger von „seiner Straße“ reden, ohne dass sie sein Eigentum ist, sondern nur „die ihm zugewiesene Straße“.
1 Auch zu sehen daran, dass dieses Wort grammatisch praktisch ausschließlich als Plural behandelt wird, im Unterschied zu anderen Wörtern für „Volk“ oder „Nation“, z.B. ša€b oder °ummah

Jeder Gesandte nur in der Sprache seines Volkes?

Wenn nach Sure 14:4 jeder Prophet nur in der Sprache seines Volkes gesendet wurde, wie kann es sein, dass Jesus zu den Israeliten, die Hebräisch sprachen, mit einer Offenbarungsschrift gesendet wird, die injîl heißt, was ja eine Abkürzung des griechischen Wortes Evangelium ist.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Das Hebräische und Aramäische nahmen nachweislich eine größere Anzahl von Vokabeln griechischen Ursprungs in ihr Vokabular auf.1 Griechisch scheint für Israeliten aufgrund der durch die Fremdherrschaft begünstigte Verbreitung der griechisch-römischen Kultur eine ähnliche Rolle gespielt zu haben wie z.B. heutzutage Französisch bei den marokkanischen und algerischen Arabern.
  • Wenn der Name des Evangeliums ursprünglich Aramäisch war, nach dem Weggang Jesu (s) in Vergessenheit geriet und das Evangelium fortan nur noch unter diesem griechischen Namen bekannt war, ist es durchaus legitim, wenn der Koran den ursprünglichen Namen unter Verwendung des neuen Namens übersetzt, schlicht damit die Menschen wissen, was gemeint ist. Alles andere wäre dieser Methode deutlich unterlegen, wenn nicht gar völlig sinnlos. Das Gleiche geschieht bei Übersetzungen vom Arabischen ins Deutsche, z.B. wenn zabûr mit „Psalmen“ übersetzt wird, oder vom Deutschen ins Englische, wenn „Deutschland“ mit „Germany“ statt mit einem irreführenden „Land of the Teuta“ übersetzt wird.
1 Vgl. Samuel Krauss: „Griechische und lateinische Lehnwörter im Talmud, Midrasch und Targum“, Berlin 1898

Das Buch der Christen

Der Koran scheint „das Evangelium“ (al-injîl) als ein Buch anzusehen, das Jesus gegeben wurde, wie der Koran Mohammed gegeben wurde. Auch scheint er zu sagen, das Evangelium befinde sich noch bei den Christen (7:157). Doch das Buch der Christen ist das Neue Testament, das nirgends behauptet, es sei ein Buch, welches Jesus gegeben wurde, sondern es ist eine Sammlung von Schriften, die von Jüngern und Nachfolgern über Jesus deutlich nach seinem Weggang geschrieben wurde.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Es gibt keinen gültigen Einwand dagegen, davon auszugehen, dass das Evangelium sich im Sinne seines inhaltlichen Kerns noch bei den Christen befindet und zugleich festzustellen, dass Reduzierungen und Modifikationen stattgefunden haben, die diesen Kern nicht wesentlich berühren, sowie Hinzufügungen, die fälschlicherweise dem Evangelium zugeordnet werden.
  • Was hier mit Buch übersetzt wird, ist das arabische Wort kitâb, welches eine Schrift bzw. ein beliebiges Schreiben bezeichnen kann (von kataba, „schreiben“), und sei es auch nur ein Brief, der ein einziges Blatt umfasst (gut sichtbar in Sure 27:29). Mit Evangelium sind die der Offenbarung entspringenden Lehren bzw. Worte Jesu gemeint, die er als Worte Gottes übermittelte. Diese sind zweifellos Teil der Schrift[-en], und jeder Teil einer Schrift (kitâb) ist selbst eine Schrift (kitâb). Das Evangelium ist - nicht erst seit dem Weggang Jesu (s) - mindestens im überirdischen Bereich („Himmel“) so kodifiziert, dass die Bezeichnung kitâb berechtigt ist.
  • Was außer dem Evangelium von den Christen im Neuen Testament gesammelt wurde und was aus ihrer Sicht „ihr Buch ist“, ist in diesem Zusammenhang irrelevant und wird vom Koran nicht thematisiert, es sei denn allenfalls als illegitime Hinzufügungen zum eigentlichen Evangelium.

Der Prophet: Nur ein Warner oder doch mehr? (I)

Wurde Mohammed nur als Warner (7:184; 26:115; 34:46 u.a.), oder doch zusätzlich als Freudenverkünder und sonst nichts (7:188), oder doch zusätzlich als Zeuge, Rufer und leuchtende Lampe (33:45-46) gesandt? Oder nur als Barmherzigkeit (21:107)?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Für Warner steht hier nađîr, was eher „Alarmierer“ bedeutet, wodurch es sich also um eine Warnung vor etwas bereits auf die Gewarnten Zukommendes und letztendlich Unabwendbarem handelt. Das Amt des Warners wäre aber sinnlos, wenn der Warner nicht auf spezielle Maßnahmen hinweist, durch die man vor dem Übel des Unabwendbaren geschützt werden kann. Somit ist es selbstverständlich, dass für den Koran an allen Stellen das Amt des „Warners“ die Rolle des „Rufers“ und der „leuchtenden Lampe“ beinhaltet. Indes ist die Möglichkeit, durch die mitgeteilten Maßnahmen dem Übel zu entgehen und gerettet zu werden, zugleich eine frohe Botschaft für alle, welche diese Maßnahmen treffen, womit ebenfalls selbstverständlich ist, dass die Rolle des „Warners“ zugleich die Rolle des „Freudenverkünders“ beinhaltet. Dies zeigt sich noch deutlicher, wenn man die Alarmierung nicht nur auf die nahende Peinigung, sondern auch auf den nahenden Verlust des im Voraus bereitgehaltenen Platzes im Paradies bezieht.1 Der Alarmierer ist dann zugleich der Verkünder der frohen Botschaft des Eintritts in das Paradies für alle, welche sich an seine Maßnahmenhinweise halten. Dass dieses Verständnis der Intention des Koran entspricht, lässt sich belegen (Sure 22:49-51). – Zugleich impliziert das Amt des Alarmierers seine Zeugenschaft darüber, dass die Gefahr real ist bzw. die Warnungsbotschaft wirklich von Gott ist. Jeder der Alarm schlägt, legt damit automatisch Zeugnis darüber ab, dass der Alarm berechtigt ist oder er den Alarm zumindest von jemandem weiterleitet, der berechtigt ist, Quelle dieses Alarms zu sein. - Analogie: Wenn jemand „nur ein Schullehrer“ ist, schließt dies nicht aus, dass er ein Bewerter (der Schüler), Erzieher und eine Autorität ist.
  • Wem die bloße Rettung vor der Pein nicht als Bezugsobjekt der Freudenbotschaft und der bloße Verlust des Platzes im Paradies nicht als Bezugsobjekt der Alarmierung genügt, mag in den gleichzeitig möglichen Aussagen, Mohammed (s) sei „nur ein Alarmierer“ und er sei „nur ein Freudenbote und Alarmierer“, eine implizite Mitteilung sehen, derzufolge es im Jenseits keine neutrale, sondern ausschließlich eine positive Alternative zum negativen und eine negative Alternative zum positiven Endschicksal geben werde.
  • Es könnte hier auch eine zeitliche Reihenfolge vorliegen: Vom bloßen Warner, zum bloßen Warner und Freudenverkünder, zum Zeugen, Freundenverkünder, Warner, Rufer und leuchtende Lampe. Dass jede dieser Phasen nichts als Barmherzigkeit ist, dürfte selbstverständlich sein.
  • Es könnte eine Mischung aus der oben beschriebenen Implikationenkette und der zeitlichen Reihenfolge vorliegen.
1 Aus Hadithen mit intakter Überliefererkette geht hervor, dass demjenigen, den das Feuer erwartet, im Grab sein Platz im Paradies gezeigt wird, den er eingenommen hätte, und dann der Platz im Feuer, den er zum Tausch dafür bekommt. (z.B. Musnad Ahmad, Hadith Nr. 24566)

Mohammed (s) - eine Barmherzigkeit für alle Welt

Ist es nicht so, dass Mohammed (s) „nur als Barmherzigkeit für alle Welt gesendet“ wurde und dennoch gerade sein Auftreten das Verderben einer Gruppe von Personen bedeutet, da sie ihn verleugnen? Zudem sollen die Muslime und er nach einem anderen Vers gewisse Leute bekämpfen, so dass Gott sie durch ihre Hände sogar peinigt (9:14).

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Wie die Frage bereits implizit gesteht, ist der eigentliche Grund für die Entfesselung der Vernichtungsstrafe und Beendigung der Möglichkeit zur Rettung vor der jenseitigen Peinigung, dass ein Volk seinen Gesandten umfassend und endgültig zum Lügner erklärt - nicht einmal das bloße Nichtglauben. Somit ist das Volk selbst daran Schuld und es hat vielmehr die Barmherzigkeit, die auch ihnen angeboten wurde, abgelehnt.
  • Jedes Volk hat - wie der Körper eines organischen Lebewesens - eine begrenzte Lebenszeit. Ein Gesandter tritt meist in einem Volk auf, dessen Ende ohnehin bereits nahe ist. Durch den Gesandten hat das Volk die barmherzige Möglichkeit, das Ende aufzuschieben.1 Somit ist das Auftreten des Gesandten an sich nicht der Grund für den Untergang, sondern allenfalls ein Indiz für die Nähe dieses Untergangs und hierdurch ebenfalls eine Barmherzigkeit.
  • Man kann den Vers auch normativ verstehen, d.h. als Direktive an Mohammed (s) so barmherzig wie möglich zu sein, und für so viel Barmherzigkeit wie möglich zu sorgen. Dass zum Schutze des Prinzips der Barmherzigkeit in Extremfällen harte Maßnahmen nötig sind, darf niemanden verwundern. Barmherzig mit einem mörderischen Feind zu sein, der im Begriff ist, viele schwache und unschuldige Menschen anzugreifen, ist offensichtlich in Wirklichkeit unbarmherzig.
  • Die Peinigung gewisser Aggressoren ist unter mehr als einem Aspekt eine Barmherzigkeit: 1.) Für diejenigen, denen durch sie Unrecht geschehen ist, indem ihnen Schutz, Genugtuung und seelische Heilung verschafft wird. 2.) Den Unrechttätern, die dadurch die Motivation zu weiteren Untaten verlieren, die ihnen im Jenseits noch mehr Schwierigkeiten bereiten würden. 3.) Wiederum für die Unrechttäter, da ihnen durch die Peinigung im Diesseits wohl ein Vielfaches2 davon im Jenseits erspart wird.
  • An der betreffenden Stelle steht nicht „Du bist nur eine Barmherzigkeit für alle Welt“, sondern Wir haben dich nur als Barmherzigkeit für alle Welten gesandt. Somit ist seine Ausübung des Gesandtenamts nichts als eine Barmherzigkeit bzw. soll eine solche sein, was nicht ausschließt, dass Gott seine Person vereinzelt für andere Zwecke einsetzt.
1 Siehe Suren 14:10 und 71:4.
2 Siehe Suren 17:21, 13:34, 20:127, 39:26, 41:16, 68:33

Der Prophet: Nur ein Warner oder doch mehr? (II)

Wie kann Mohammed auch ein Prophet oder Gesandter sein, wenn er vielen Koranstellen zufolge nur ein Warner war? Immerhin müssen angesichts Sure 46:29 Warner nicht unbedingt Propheten sein (dort Jinnen). Und angesichts Sure 54:41 und der Geschichte über den Gläubigen aus dem Hause Pharaos kamen zum Clan des Pharao scheinbar mehr Warner als nur die zwei Propheten Moses und Aaron.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Es ist kontextuell klar, dass, wenn Mohammed (s) im Koran „Warner“ genannt wird, damit ein Warner Gottes gemeint ist. Es ist versteht sich von selbst, dass dies den Empfang von Offenbarung impliziert, zumal niemand eine Warnungsbotschaft weiterleiten kann, die er ohne Kommunikation erhalten hat. Die Definition des Wortes „Prophet“ - auch angesichts des entsprechenden arabischen Wortes nabiyy („Wohlunterrichteter“ oder „Künder“) naheliegend - gründet sich derweil auf den Empfang von Offenbarungen. Damit ist die Bedeutung der Prophetenschaft dort, wo er „Warner“ genannt wird, in diesem Wort inbegriffen.
  • Außer Propheten wird im Koran niemand eindeutig nađîr genannt. Für die Daimonien in 46:29 wird munđir verwendet, was eher nur „Warnender“ und somit nicht das gottgegebene Amt des „Warners“ bedeutet.
  • Ein echter Inhaber des Amtes des Warners ist auch außerhalb des religiösen Kontextes immer wohlunterrichtet und wurde von jemandem eingesetzt bzw. gesendet.
  • Wenn über jemanden gesagt wird, er sei z.B. „nur ein Holzfäller“, schließt dies nicht aus, dass er auch ein Familienvater oder Autofahrer sein kann.

Der Prophet Elija

In Sure 3:183 heißt es über eine jüdische Gruppe, die es ablehnte, an Mohammed zu glauben: „Die da sagen: Siehe, Allah hat uns verpflichtet, keinem Gesandten zu glauben, bevor er uns ein Opfer bringt, welches das Feuer verzehrt!" - Sprich: Schon vor mir kamen zu euch Gesandte mit den deutlichen Zeichen und mit dem, wovon ihr sprecht. Weshalb denn ermordetet ihr sie, wenn ihr wahrhaftig seid?“ - Aus der Bibel ist jedoch nur ein einziger Prophet bekannt, der zum Zeichen seiner Gesandtschaft demonstrierte, wie ein himmlisches Feuer ein Tieropfer verzehrte, nämlich Elija. Währenddessen redet der Vers von mehreren Gesandten. Außerdem berichtet die Bibel nichts davon, dass Elija ermordet wurde, sondern, dass er in den Himmel emporgehoben wurde.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Es ist möglich, dass sich der Koran auf außerbiblische Quellen bezieht, welche bekanntlich in großer Anzahl existieren und andere verloren gegangen sind.
  • Dem Vers ist nicht eindeutig zu entnehmen, dass ihm zufolge mehrere Gesandte die erwähnte Form des Tieropfers darbrachten. Die Formulierung ist bereits dann berechtigt, wenn die einen Gesandten die anderen deutlichen Zeichen brachten und einer unter ihnen das Zeichen des Tieropfers. Analogie: „Die Nachbarinnen brachten Brote und einen Kuchen.“ Hier genügt es, wenn nur eine Nachbarin den Kuchen brachte und der Rest die Brote.
  • Es wird nicht gesagt, dass alle Gesandten getötet wurden. Die Formulierung ist bereits dann berechtigt, wenn lediglich die Mehrheit der erwähnten Gesandten getötet wurde.
  • Der biblische Bericht von der angeblichen Himmelfahrt Elijas muss nicht unbedingt den historischen Tatsachen entsprechen.

Weiblicher und männlicher „Samen“

Ist es nicht so, dass der Koran zur Embryologie nur auf den männlichen Samen, nicht aber auf die Eizelle Bezug nimmt?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Der Eindruck, dass die im Koran erwähnte fluide Substanz mâ° bzw. das winzige Tröpfchen nuTfah, aus denen der Mensch erschaffen wird, ausschließlich mit dem männlichen Sperma zu identifizieren ist, hat in den expliziten Aussagen des Koran keine eindeutige Grundlage und ist wohl als vorurteilsbedingte Einbildung anzusehen. An keiner Stelle in der Originalfassung des Koran wird diese Flüssigkeit bzw. das winzige Tröpfchen als ausschließlich dem Mann entstammend dargestellt.1 Eher ist davon auszugehen, dass das „Tröpfchen“ (womöglich an allen Stellen des Koran) bereits die Einheit aus Spermium und Eizelle ist, zumal in Sure 76:2 dieses Tröpfchen als Gemisch - streng wörtlich übersetzt sogar als Gemische (pl.) - bezeichnet wird und schon in den frühesten Generationen der Koranexegese in der Einbeziehung des Gemischbegriffes ein Hinweis dafür gesehen wurde, dass das Tröpfchen eine Einheit aus Fortpflanzungssubstanzen des Mannes und der Frau ist.2 Auch unabhängig davon existieren etliche glaubwürdige Überlieferungen3, denen zufolge der Prophet (s) - teils zur Überraschung der Zuhörer - die Menschen darüber aufklärte, dass auch Fortpflanzungssubstanzen der Frau an dem Prozess der Embryogenese beteiligt sind.
  • Zur Zeit des Propheten (s) hatten die Prophetengefährten zunächst Bedenken, den coitus interruptus anzuwenden, da die Juden diesen als eine Art der Kindstötung ansahen. Kindstötung gehört zu den ersten Dingen, die der Koran verurteilte, und dennoch signalisierte der Prophet (s), dass coitus interruptus lediglich dazu verführen könnte zu meinen, die Bestimmung Gottes verhindern zu können, nicht jedoch als Kindstötung angesehen werden kann, so dass die Prophetengefährten die Erlaubnis hatten, diese Form des Beischlafs zu vollziehen.4 Dies zeigt, dass Gott {erh.} den Propheten (s) schon damals gelehrt hatte, dass ein Samentropfen keinen mikroskoposchen, vollständigen Menschen enthält. Daher lässt sich, dass der Koran von einer derartigen Auffassung ausgeht, auch dann ausschließen, wenn der Koran von Mohammed (s) verfasst worden wäre.
  • Selbst wenn an allen Stellen die Fortpflanzungssubstanz explizit dem Mann zugeordnet worden wäre, wäre hiermit noch nicht belegt, dass der Koran die Beteiligung von Fortpflanzungssubstanzen der Frau ausschlösse, zumal er nirgends sagt, der Mensch sei nur aus jenem Tröpfchen bzw. jener Flüssigkeit erschaffen worden. Sich bei der Mitteilung, woraus der Mensch erschaffen sei, auf die Erwähnung des Spermiums zu beschränken, ist nicht viel weniger gerechtfertigt, als sich auf die Erwähnung der Einheit aus Spermium und Eizelle zu beschränken, zumal ungefähr ab dem Befruchtungszeitpunkt permanent Materie von außen hinzugefügt wird, u.a. in Form von Nährstoffen.
1 Sogar bei dem im Unterschied zu mâ° und nuTfah nur einmal als Nomen erwähnten maniyy, das im Sprachgebrauch meist auf die männliche Befruchtungsflüssigkeit bezogen wird, ist fraglich, ob es mit „Sperma“ übersetzt werden sollte, wenn in authentischen Hadithen ausdrücklich von der „(Fortpflanzungs-)Flüssigkeit des Mannes“ und der „(Fortpflanzungs-)Flüssigkeit der Frau“ die Rede ist und maniyy aufgrund eines im damaligen arabischen Vokabular selbstverständlich fehlenden eigenen Einzelwortes für die inneren Fortpflanzungssubstanzen der Frau einer der besten Kandidaten für die Bezeichnung dieser Substanzen ist. Das Wort maniyy ist hinsichtlich seiner Wortwurzel und auch seiner Etymologie weit neutraler als das deutsche „Samen“ und muss somit mit keiner der Möglichkeiten seiner ursprünglichen Bedeutung (u.a. „Bestimmung/Schicksal“, „Bestimmtes“, „Geprüftes“, „Erhofftes“) zwingend dem Mann zugeordnet werden. Die in manchen Korankommentaren (z.B. von Shawkâniy zu 56:58) zu findende Behauptung, die zweimal im Koran vorkommende entsprechende Verbform °amnâ bedeute „vergießen“ findet im lisân al-€arab nur eine merkwürdig marginal-beiläufige, in widersprüchlichem Zusammenhang stehende, und im Wörterbuch von Fayruzabâdiy keine einzige Bestätigung (obwohl Fayruzabâdiy in seinem eigenen Korankommentar ironischerweise keine andere Interpretation zu 56:58 einfällt, was allerdings ohnehin nicht unbedingt bedeutet, dass er sich bei ihr auf die eigentliche Bedeutung des Verbs stützt). Solche Behauptungen und heutige Übersetzungen des Verbs mit „als Samen ausspritzen“ tragen ihr Übriges zu dem möglicherweise mangelhaften Verständnis bei. Eigentlich bedeutet es lediglich „[an/als] maniyy produzieren“. An einer Stelle (86:6) scheint das „Wasser“ (mâ°) als „hervorschießend“ beschrieben zu werden (im Original eigtl. transitiv, etwa „ausschüttend“). Wenn dies keine Ausnahme ist, lässt es sich auf das mit dem Aufplatzen des Follikels verbundene Abstoßen der Eizelle während des Eisprungs beziehen (Animation). Laut 86:7 ereignet sich das „Hervorschießen“ oder „Ausschütten“ zwischen dem Solb („Hartes“ oder „[Wirbelknochen des] Rückgrat[s]“ oder „Lendenwirbelsäule“) und den weiblichen oberen Rippen tarâ°ib. Falls mit as-Solb („das Harte“) das männliche Glied während des Geschlechtsaktes gemeint ist, wäre es räumlich passend, von einem Austritt der Flüssigkeit zwischen diesem und den oberen Rippen der Frau zu reden. Zwar scheint  dies für die Zusammenfassung der männlichen und weiblichen Fortpflanzungssubstanzen unwahrscheinlicher, da nach derzeitigem Wissensstand der Eisprung beim Menschen vermutlich nicht vom Geschlechtsakt beeinflusst werden kann, dennoch existieren durchaus Indizien für spermainduzierte Ovulation auch beim Menschen (siehe dazu die Studie von Gregg P. Adams et al., auch journalistisch aufbereitet in einem Wired-/Science-Now-Artikel). Eine weitere Möglichkeit ist, dass Solb und tarâ°ib pars pro toto für Mann und Frau gemeint sind (dieses und verwandte rhetorische Stilmittel sind dem Koran nicht fremd, siehe 75:24-25, 79:8-9, 88:8-11, 95:1, 5:89, 90:13, 50:21, 23:6, 4:1). Immerhin ist das Wort Solb im Arabischen stark männlich konnotiert, nicht nur wegen der Härte-Assoziation, sondern auch weil es auch sonst häufig im Zusammenhang mit Vaterschaft verwendet wird (s. auch Sure 4:23), während das Wort tarâ°ib stark weiblich konnotiert ist, 1.) weil es im Arabischen die oberen Rippen sind, auf denen die Halskette liegt, 2.) wegen der Assoziation des Feineren und Zerbrechlichen, 3.) weil es in der Form eine weiblichen Pluralmusters steht und 4.) weil die Rippe in der geläufigen Version der Geschichte vom Urelternpaar dasjenige ist, aus welchem die Urfrau erschaffen wurde, einer Überlieferung (oder idrâj-Ansicht?) von Abû Hurayrah nach zu urteilen wohl aus der obersten Rippe. (Sinn dieser Redeweise: Die zeugenden Teilnehmer werden rhetorisch auf Knochen reduziert, ihre Seelen und Persönlichkeit werden ausgeblendet. => Es ist letztlich bloße Materie, aus welcher der Mensch entsteht. => Gott bringt Lebendes aus in gewissem Sinne Totem hervor; passend zum Folgevers und Sure 3:27)  - Zu guter Letzt sollte nicht übersehen werden, dass der weibliche Follikelinhalt während des Eisprungs und das männliche Sperma bei der Ejakulation auch zusammenfassend als ausgeschüttete Flüssigkeit angesehen werden können.
2 Im Augenblick des Eintritts der Spermazelle in die Eizelle ist letztere weitgehend (dick-)flüssig, bevor ihre Hülle kurze Zeit später fester wird. Im Jahr 2004 teilte die Universität Brown in Providence (USA) die Lösung des Rätsels mit, „warum Eizellen von lediglich einer Samenzelle befruchtet werden: Ein Schlüsselenzym sorgt dafür, dass die Zellhülle für alle nachfolgenden Spermien undurchlässig wird. Dringt ein Spermium ein, produziert das Enzym Udx1 das reaktionsfreudige Wasserstoffperoxid. Diese Substanz veranlasse, dass sich die Eiweiße der Zellhülle zu einer festen Schutzschicht miteinander verbinden [...]. Dieser Prozess dauere nur fünf Minuten.“ (aus einer dpa-Meldung vom 07. Dezember 2004)
4 Als authentisch eingestufte Überlieferung u.a. in Tirmidhiyys Jâmi€-Werk, Hadith Nr. 1051

Entspringt der Mensch dem Rücken seines Vaters?

Sagt Sure 7:172 nicht, dass der Mensch aus dem Rücken seines Vaters erschaffen wurde? Wie ist das mit der heutigen Wissenschaft vereinbar, wo wir doch durch sie nun wissen, dass Spermien im Hoden und nicht im Rücken entstehen?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Offensichtlich beschreibt der Vers eine präexistenzielle Situation, wenn er nicht gar eine ereignisunabhängige Parabel ist, wie ebenfalls naheliegt und schon vormoderne Kommentatoren meinten. Somit muss er nicht im Geringsten auf einen heutigen biologischen Vorgang Bezug nehmen. Dies lässt durch einen Hadith unterstützen, der als auf einen Teil des Inhalts dieses Verses bezugnehmend angesehen wird:1 „Als Gott Adam erschuf, strich er über seinen Rücken, worauf aus seinem Rücken jede Person herabfiel, die Gott von seinen Nachkommen bis zum Tage der Auferstehung zu erschaffen vorhatte. Auf die Stirn eines jeden Menschen setzte er einen Lichtschimmer, und dann führte er sie Adam vor. "Mein Herr", sagte er. ‚Wer sind diese Menschen?’ ‚Diese sind deine Nachkommenschaft’, antwortete Gott.“ 2 Zwar ist im Vers von „den Rücken der Söhne (sic) Adams“ im Plural die Rede, was jedoch nicht weiter problematisch ist, da die Überlieferung schlicht ausgelassen haben könnte, dass das gleiche Streichen über den Rücken mit allen (wenn auch womöglich nur den direkten) Söhnen Adams vollzogen wurde, oder dass während des Herabfallens der Personen jeder einzelnen Person ebenfalls über den Rücken gestrichen wurde, „damit“ weitere herabfallen.
  • Interessanterweise steht hier, anders als an den vielen Stellen, an denen deutlich auf die Embryogenese Bezug genommen wird, nicht das Wort „erschaffen“, sondern lediglich das Wort „nehmen“. Dies könnte - insbesondere vor dem Hintergrund der anscheinenden Präexistenzialität des Dialoges - darauf hindeuten, dass hier nicht die Körper der Nachkommenschaft, sondern ihre Seelen gemeint sind.3
  • Es könnte die Entnahme von Genmaterial (aus dem Rückenmark?) gemeint sein, die ja an vielen Stellen des Körpers erfolgen kann.
  • Es ist möglich, dass nicht die Menschen allgemein, sondern nur die direkten Söhne Adams aus der ersten Generation gemeint sind.
  • Eine weitere Möglichkeit ist, dass hier schlicht eine arabische Redewendung vorliegt, zumal man in der Ansicht einiger im früheren Arabisch zu sagen gepflegt habe: „Der Stamm XY ist aus dem Rücken des Vorfahren XY“, in dem Sinne, dass er von ihm abstammt. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass die Entstehung dieser Redewendung auf einer falschen, auf Aristoteles und andere griechische Gelehrte zurückgehenden biologischen Vorstellung von der Quelle der männlichen Befruchtungsflüssigkeit beruht - allerdings ist dies wenig relevant, da Redewendungen und Bezeichnungen im Sprachgebrauch unabhängig von ihrem Ursprung zu betrachten sind, so dass wir noch heute von der „Milchstraße“ reden können, obwohl wir mittlerweile wissen, dass sie aus Sternen und nicht aus Milch besteht.
  • Für den Fall, dass der Vers bei der Erwähnung des Nehmens aus den Rücken tatsächlich auf einen biologischen Vorgang anspielt, halten es einige für möglich, dass sich dies auf den pränatalen Ursprung des Hodens und des Eierstocks bezieht, nämlich im Rückenbereich des Embryos.
  • Kurz vor der Geburt liegt das Kind eng am unteren Teil der mütterlichen Wirbelsäule an, und befindet sich mit dem Kopf teils sogar direkt unter dem Hauptteil der Wirbelsäule. Beim Verlassen des Mutterleibs rutscht es eng an Lendenwirbel und Kreuzbein vorbei, so dass das Kind in der am meisten verbreiteten Niederkunftslage aus der Richtung des Rückens kommt.4
1 Z.B. von Ibn Abbâs
2 Teilzitat aus: Sunan at-Tirmidhiyy, kitâbu tafsîri l-qur°ân, Hadith Nr. 3076, von Tirmidhiyy als authentisch eingestuft. Es existierten mehrere Versionen der Überlieferung, denen in der Regel das Streichen über den Rücken und das Herabfallen der Nachkommenschaft gemeinsam ist. Laut einer schwächer verbürgten, auf Umar b. Khattâb zurückgeführten Version im Sunan-Werk des Abû Dâwûd hat der Gesandte Gottes (s) selbst diese Geschichte explizit als Erläuterung von Sure 7:172 angegeben (Sunan Abî Dâwûd, kitâbu s-sunnah, Hadith Nr. 4703).
3 Wer hierfür °abnâ° statt banî erwartet, sei auf andere Koranstellen verwiesen, an denen banî bzw. das ihm zugrundeliegende banûna für die Bezeichnung der ersten Generation an Söhnen eines Menschen verwendet wird: 2:133, 12:87, 16:72 u.a.
4 Siehe Bild (klicken), oder Animation (klicken)

Entstehen Samenzellen in der Wirbelsäule?

Sure 4:23 verbietet es, „die Ehefrauen eurer leiblichen Söhne“ zu ehelichen. Alten Wörterbüchern nach zu urteilen steht dort wörtlich: „die Ehefrauen eurer Söhne, die aus euren Wirbelsäulen (°aSlâb, sg. Solb) sind“. Nach dem, was wir heute über die biologische Entstehung des Menschen wissen, werden Samenzellen jedoch im Hoden und nicht in der Wirbelsäule produziert, und sie ist demnach auch keine Quelle eines anderen Teils der Samenflüssigkeit.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • An keiner der vielen einschlägigen Stellen bezieht der Koran den (Solb) als eine Quelle des Ursprungsmaterials des menschlichen Körpers in die koranische Beschreibung seiner biologischen Entstehung ein. Eher im Gegenteil, angesichts von Sure 86:7 lässt sich der Eindruck gewinnen, dass sich eine solche Quelle auf koranischer Basis sogar ausschließen lässt, da dort - zumindest bei ebenso oberflächlicher Betrachtung - die Samenflüssigkeit aus einem Bereich zwischen dem Solb und den Rippen hervorgeht, statt aus dem Solb selbst. Indes lässt sich nicht ausschließen, dass der Solb der Sitz der ungeborenen Seelen auf transzendenter Ebene ist und unter diesem Aspekt das wörtliche Verständnis der zur Diskussion stehenden Koranstelle eine gewisse Berechtigung haben könnte.
  • Die Thematik des Verses ist (abgesehen höchstens von dem auch für normative Verse typischen krönenden Schlusssatz) rein normativer Natur und anders als dogmatische Zwecke verfolgende Verse nicht für die Feststellung von Antizipationen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse oder Widersprüche zu ihnen geeignet. Eher ist es berechtigt, dass er zur Wahrung der korrekten Umsetzung seiner Normen auf gängige Redewendungen zurückgreift, anhand derer die Norm korrekt verstanden wird, auch wenn ein Teil der Redewendungen etymologisch betrachtet auf falschen naturwissenschaftlichen Ansichten der Sprachträger fußt. Und hier wäre dies erst recht der Fall, wenn es für die Bedeutung „eure leiblichen Söhne“ keinen anderen, mindestens gleichwertigen Ausdruck gibt, was die Kompaktheit, Funktion und intuitiver Verständlicherkeit betrifft.
  • Das Wort Solb bedeutet auch „Hartes, Festes“, womit es gerade angesichts der Sensibilität des Themas der Sexualität und dem hohen moralischen Niveau des Ehrwürdigen Koran nicht verwunderlich wäre, wenn er eine durch die arabischen Sprachgewohnheiten bedingte Verwechselung mit der Wirbelsäule zugelassen haben sollte, um eine direktere Nennung des männlichen äußeren Fortpflanzungsorgans zu vermeiden.1
  • Womöglich spielt es eine Rolle, dass sich nach dem heutigen Stand der Neurologie mehrere Sexualzentren im Rückenmark befinden.
1 Eine Parallele lässt sich in dem oft in normativen Zusammenhängen vorkommenden, ebenfalls nicht wörtlich verstehbaren koranischen Ausdruck was eure rechte Hand besitzt sehen, einer Vermeidung des Ausdrucks „eure Sklaven“ bzw. „eure Leibeigenen“ aus Rücksicht auf die Alleinherrschaft Gottes und/oder auf die Menschenwürde. Eine Ausnahme bildet Sure 24:32, wohl zu dem Zweck, explizit auf die Geschlechter Bezug zu nehmen.

Wer irreführt

Führt der Satan die Menschen irre (4:119; 36:62), oder die Menschen sich selbst (30:9) oder aber Gott (16:93)?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn: Gott als Erschaffer aller Vorgänge im Kosmos hat auch die Verirrung jedes Verirrten erschaffen. Zur Rolle des Satans bei der Verirrung des Menschen siehe: Ist der Satan eine Ursache oder nicht?. Das dort beschriebene Schema passt auch zur Selbstirreführung der Menschen.

Salomo und die Ameise

Wie kann Salomo in Sura 27:18-19 die Worte einer Ameise verstehen? Ist es denn nicht so, dass Ameisen nicht über Töne, sondern über Gerüche kommunizieren?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

Das Leben „lebloser“ Dinge

Wie können leblose Dinge wie Berge etwas verweigern oder Furcht empfinden, wie 33:72 zu sagen scheint?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Es lässt sich nicht ausschließen, dass sogenannte „leblose Dinge“ auf eine eigene Art lebendig sind.1 Ohnehin ist angesichts der Allmacht Gottes ein von physischen Vorgängen unabhängiges Leben im Sinne einer Erlebnisfähigkeit2 denkbar.
  • Die jeweiligen Dinge können vorübergehend Leben oder Erlebnisfähigkeit erhalten haben.
  • Wahrscheinlich liegen hier mindestens zum Teil Metaphern vor, die Zusammenhänge referenzieren, für die es im menschlichen/arabischen Sprachfundus, der vom göttlichen Wort ja verwendet wird, (evtl. noch) keine passenderen Ausdrücke gibt bzw. gab.
1 Das muss Sure 16:21, derzufolge Götzenfiguren tot und nicht lebendig sind, nicht unbedingt widersprechen. Denn soweit die koranische Definition für Leben zugrunde gelegt wird, nämlich Willens- oder Handlungsfähigkeit (wie aus 16:20-21 hervorgeht), ist bloße Materie tatsächlich völlig leblos. Das Vorhandensein zumindest einer stark eingeschränkten Erlebnisfähigkeit wird damit aber nicht ausgeschlossen. Diese würde nicht einmal der Leblosigkeit bei Einbezug der Wahrnehmungskomponente für die Definition des Lebens widersprechen, solange die Erlebnisfähigkeit sich nicht auf die Dinge des Irdischen und der Immanenz bezieht.
2 Das würde nicht bedeuten müssen, dass z.B. Götzenfiguren die Gebete der Götzendiener hören können, da die Erlebnisfähigkeit scheinbar lebloser Materie sich nicht auf das beziehen muss, was im Erlebnishorizont des Menschen liegt.

Berge in die Erde geworfen

Wurden Berge wirklich in die Erde „geworfen“? (15:19, 16:15, 31:10, 50:7)

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • An allen betreffenden Stellen steht eine Konjugation des Wortes °alqâ, welches in der arabischen Sprache primär für die Bedeutung „fallen lassen, hinwerfen“ benutzt wird und als Verbstammerweiterung des Verbes laqiya („begegnen“) ganz wörtlich „zum Begegnen bringen“ bzw. „(etw.) dazu bringen, (auf etw.) zu treffen“ bedeutet. Es existiert allerdings eine große Anzahl von anderen Koranstellen und Sprachzeugnissen im Arabischen,1 in denen dieses Wort verwendet wird und die Bedeutung „fallen lassen, hinwerfen“ offensichtlich kaum gemeint sein kann bzw. es klar im metaphorischen Sinne benutzt wird. Das Wort ist im hocharabischen Sprachgebrauch nämlich einer der typischen Metapherkandidaten, und eine der wichtigsten sekundären Bedeutungen des Wortes ist: „etw. auf verborgene/unerklärliche Weise setzen/erzeugen, nachdem zuvor davon keine Spur zu sehen war“2. Dies passt sehr zur Entstehung der Art von Bergen, auf die sich die in der Fragestellung genannten Verse fokussieren (rawâsî), nämlich Gebirge mit Gebirgswurzeln, da diese in der Erdgeschichte erst relativ spät entstanden. - Bekräftigen lässt sich die These von der Metaphorik unter Betrachtung von Sure 88:19, welche eine konträre und daher eher wörtlich zu nehmende Beschreibung der Entstehung der Berge bietet, nämlich unter Verwendung des Begriffs des Aufgerichtetwerdens (nuSibat).
  • Aus geodynamischen Gründen kommt es während und nach der Auffaltung von Gebirgen nicht nur zu Hebungen, sondern auch zu Senkungen,3 so dass auch die primäre Bedeutung des Verbes °alqâ passend ist.
  • Die wörtliche Bedeutung („[etw.] dazu bringen, [auf etw.] zu treffen“) trifft ebenfalls zu, da Berge während des Entstehens und danach Bewegungen vollziehen, im Zuge derer sie bzw. ihre Wurzeln auf verschiedene Schichten und Bestandteile der Erdkruste treffen.
  • Auch in der Übersetzung mit dem Verb „werfen“ behaupten die genannten Verse nicht, alle Berge seien geworfen worden, sondern lassen angesichts ihrer arabischen Syntax zu, dass dies nur auf einen kleinen Teil zutrifft. Hinzu kommt, dass das verwendete Wort rawâsî (arab. „Verankertheiten“) allgemeiner als jibâl (arab. „Berge“) ist, und da, wo es relativ eindeutig Berge sind, nicht das Verb °alqâ zum Einsatz kommt (41:10). Vor diesem Hintergrund wäre in der Geologie u. U. noch zu untersuchen, inwieweit einige Berge oder andere, den Versen entsprechende Formationen in der Erdkruste ursprünglich Meteoriten gewesen sein könnten.
1 Siehe Suren 38:34, 43:53, 28:7, 5:64, 22:52, 50:37, 75:15, 84:4, 8:12. Sure 84:4 bezieht sich anscheinend sogar auf eine (teils?) von unten nach oben erfolgende Bewegung. Saħîħ Muslim, kitâb az-zakâh, Hadith Nr. 1000 (قد ألقيت عليه المهابة)
2 Wie z.B. in 38:34. - Lange nach der Veröffentlichung dieses Artikels schreibt spektrum.de über „den Zustand der frühen Erde: Eine weitgehend unbewegliche Kruste ohne die heute so markanten Gebirgsketten. Rätselhaft ist bis heute, wieso es nicht so blieb.
3 Diese geschehen noch heute, wie z.B. im Zuge des Erdbebens in Nepal im April 2015.

David und die Engel

Für Sure 38:21-23 heißt es in der Übersetzung1: „Ist zu dir die Kunde von den Widersachern gekommen? Als sie über die Mauern in die Andachtsräume einstiegen. Als sie bei David eintraten. Da erschrak er vor ihnen. Sie sagten: Fürchte dich nicht. (Wir sind) zwei Widersacher, von denen der eine den anderen unterdrückt hat. So urteile zwischen uns der Wahrheit entsprechend, handle nicht ungerecht und führe uns zum rechten Weg. Dieser da, mein Bruder, hat neunundneunzig weibliche Schafe, ich aber (nur) ein einziges Schaf. Dann sagte er: ‚Vertraue es mir an’, und er überwand mich in der Rede.“ - Wenn von nur zwei Widersachern die Rede ist, warum stehen im Arabischen die Wörter für „einstiegen“, „eintraten“, „ihnen“ und „sagten“ im Plural statt im Dual? Und wenn es Engel sind, wie es in den Kommentaren heißt, wie können sie als perfekte Wesen Schafe besitzen oder einander Unrecht antun, bzw. wenn dies nur eine fiktive Behauptung von ihnen ist, würde dies denn nicht heißen, Engel hätten gelogen?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Dem Koran ist nicht explizit zu entnehmen, dass es sich um Engel handelte. Der Plural mag daher rühren, dass mindestens einer der beiden einen Fürsprecher oder Anwalt dabei hatte.2
  • Falls es Engel waren, könnte man hieraus schließen, dass eine fiktive Geschichte, die sowohl im Dienste von Recht und Wahrheit steht, als auch auf jeden Fall nach kurzer Zeit aufgelöst werden soll, nicht als Lüge zählt. Was das Numerusphänomen betrifft, so könnte dieses

    • auf die Anwesenheit eines dritten Engels oder aber auf die besondere Natur von Engeln allgemein zurückzuführen sein. Diese ist weitgehend unbekannt und gehört zum Reich der Transzendenz, so dass z.B. nicht ausschließbar ist, dass in einem Engelwesen mehrere Engelspersönlichkeiten zusammengefasst sein können.
    • ein pluralis majestatis sein, um den edlen Status der Engel zu unterstreichen, wie es in Sure 19:64 geschehen3 zu sein scheint.

1 Bubenheim/Elyas. „Dawud“ hier mit „David“ umgeschrieben.
2 Gemeinhin halten viele Exegeten die Ersetzung des Dual durch den Plural allgemein oder aber speziell im Zusammenhang mit dem Wort khaSm für zulässig. Mit dieser Begründung scheinen sie es sich jedoch etwas zu leicht gemacht zu haben.
3 In einer Überlieferung im Ṣaħîħ-Werk des Bukhâriyy bestätigt Ibn Abbâs implizit, dass sich der Plural in Sure 19:64 auf Gabriel bezieht.

Ernähren sich Bienen von Obst?

Sagt Sure 16:69 nicht aus, dass Bienen Obst essen? Seit wann ernähren sich Bienen jedoch von etwas anderem als von Blütennektar? Und seit wann ist es Obst, was Bienen zu Honig umwandeln?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • In dem Vers steht nicht wörtlich Obst, sondern „Früchte“ mit dem arabischen Wort ŧamarât, was weit allgemeiner ist als „Obst“ und sich womöglich auf alles, was eine Pflanze an für Tiere und Menschen Konsumierbarem hervorbringt, ausweiten lässt, z.B. auf die Blüte einer Pflanze, ihre Nektarien oder ihren Nektar. Dies passt insofern, als dass nach der heutigen Definition die Frucht einer Pflanze nichts anderes als ihre Blüte im Zustand der Samenreife ist. - Man vergleiche auch die Verwendung des Ausdrucks ŧamarât in Sure 2:22, die sich mit diesem Ausdruck scheinbar auch allgemein auf das bezieht, was dem Boden an Gras, Blumen und Bäumen entwächst.
  • Von Umwandlung ist in dem Vers nirgends explizit die Rede.
  • Erfahrene Imker berichten, dass Bienen auch aufgeplatztes Fallobst anfressen.1 Das Missverständnis liegt wohl darin begründet, dass Bienen intaktes Obst nicht anbeißen können.
1 Siehe Beispiel 1, Beispiel 2 (abgerufen am 28. November 2013)

Alles in Paaren erschaffen?

Wie kann Sure 51:49 sagen, alles sei in Paaren erschaffen worden, obwohl es doch nach heutigem Wissen einige Arten von Lebewesen gibt, die eingeschlechtlich sind, und auch Pilzarten, die mehr als zwei Geschlechter aufweisen?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Weder bezieht sich der Vers speziell auf Lebewesen, noch ist ihm eindeutig zu entnehmen, dass es um das Paar des Männlichen und Weiblichen geht.
  • Das Wort zawj kann zwar den Partner in einem Paar meinen, bedeutet jedoch auch „Sorte“ oder „Kategorie“ und kommt in letzterer Bedeutung im Koran häufig vor.
  • Möglicherweise ist damit gemeint, dass jede Art von Materieteilchen ein Gegenstück hat - geladen und ungeladen, positiv geladen und negativ geladen -, oder dass es belebte und unbelebte Materie gibt, oder organische und anorganische Materie, oder Materie und Antimaterie, usw. usf.

Das Geschlecht der Früchte

Behauptet Sure 13:3 nicht, es gebe männliche und weibliche Früchte, obwohl wir wissen, dass es zwar bei Pflanzen, aber bei Früchten überhaupt keine Geschlechtlichkeit gibt? Und selbst Pflanzen sind nur Hermaphroditen, so dass man bei den meisten nicht sagen kann, es gebe männliche und weibliche Pflanzen.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Dem Vers ist nicht eindeutig zu entnehmen, dass es um das Paar des Männlichen und Weiblichen geht.
  • Das Wort zawj kann zwar den Partner in einem Paar meinen, bedeutet jedoch auch „Sorte“ oder „Kategorie“ und kommt in letzterer Bedeutung im Koran häufig vor.
  • Wie Sure 7:57 nahezulegen scheint, können in der Sprache des Koran mit ŧamarât („Früchte“) im Gegensatz zu fawâkih auch Blüten, Bäume und andere pflanzliche Produkte gemeint sein. Dies ist auch insofern passend, als dass eine Frucht im allgemeinsten Sinne das herangewachsene Ergebnis einer Arbeit, einer Investition oder eines sonstigen vorbereitenden Vorgangs ist. In dieser Hinsicht sind alle Bäume, Pflanzen und ihre Bestandteile Früchte der Erde.1 Man könnte noch die Einschränkung der Nutzbarkeit setzen.
  • Es ist nach Ansicht eines Teils der Korangelehrten2 wahrscheinlicher, dass die Satzbegrenzung nicht direkt vor, sondern direkt nach min kulli ŧ-ŧamarâti anzusetzen ist und dieses außerdem „allerlei Früchte“ bedeutet. Dies scheint in der Tat plausibler, da für die andere Übersetzung min kulli ŧamaratin (sg. indef.) erwartet worden wäre und derselbe Ausdruck an fünf weiteren Stellen im Koran vorkommt und das ausnahmslos eindeutig mit der Bedeutung „allerlei Früchte“. In diesem Fall würde die Übersetzung in etwa lauten: „Und Er setzte in sie Verankerungen (Berge), Flüsse und allerlei Früchte/Pflanzen, zwei Sorten/Gegenstücke setzte Er in sie.“ Aus koransyntaktischen Gründen müssten dann mit den zwei Sorten das Paar der belebten und unbelebten Objekte gemeint sein (wie Früchte vs. Berge und Flüsse). Dies würde außerdem hervorragend zu einer anderen Stelle im Koran passen, nämlich 77:25-27. Auch die Parallelitäten in Sure 16:11 unterstützen dies.
  • Sollte die Satzbegrenzung doch direkt davor anzusetzen sein, wäre die folgende Übersetzung in Betracht zu ziehen: „... Und in allerlei Früchte/Pflanzen setzte Er zwei Paarkomponenten/Sorten.“ Dies widerspricht dem Hermaphroditismus der Pflanzen nicht, da auch in ihnen allen eine Paarhaftigkeit vorkommt, sei es in Form von auf derselben Blüte existierenden verschiedengeschlechtlichen Geschlechtsorganen oder in Form von X- und Y-Chromosomen, wenn hier überhaupt die Sexualklassifizierung bzw. das Genetische gemeint ist.
  • Früchte enthalten männliche und weibliche Samen.
  • Ein Beispiel für männliche und weibliche Früchte könnte sich diesem Bericht entnehmen lassen.
  • Es wäre in Betracht zu ziehen, ob in 13:3 nicht ein Relativsatz an min kulli ŧ-ŧamarâti hängt, dessen Relativpronomen aus Gründen der Abstraktheit weggefallen ist (wie z.B. in Sure 29:41).
1 Sure 2:22 scheint durch die starke Direktheit ihrer Herstellung des Bezugs zwischen dem Regenwasser und dem Hervorkommen von ŧamarât genau dies zu implizieren.
2 s. Ibn 'Âshûr in seinem Exegesewerk zu Sure 13:3

Münzen zur Zeit Josephs?

Wie kann in Sure 12:20 der junge Joseph für „Dirhams“ verkauft werden, wenn es diese Währung und wohl auch Münzen allgemein zu jener Zeit noch gar nicht gab? Die ersten Münzen wurden vor ca. 2650 Jahren verwendet, demgegenüber Joseph vor Moses, also vor weit über 3200 Jahren lebte.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Das Wort „Münze[n]“ kommt in dem Vers nicht vor. „Dirhams“ sind im Arabischen zur Offenbarungszeit des Koran Silberstücke, die nicht rundscheibenförmig geformt sein müssen und vom Gewicht her nur grob einheitlich waren.
  • Es gibt keinen endgültigen Beweis, dass nicht schon früher als vor 2650 Jahren Silbermünzen verwendet wurden. Es sind lediglich noch keine älteren entdeckt worden. Die Verkäufer Josefs könnten einem kleinen oder entlegenen Volk entstammt sein, das untereinander für einen kurzen Zeitraum durchaus mit Münzen aus Silber handelte (evtl. nur als experimentelle Sekundärwährung), jedoch dieses Volk und seine Münzen erst in Zukunft entdeckt werden. Auch Troja hielt man lange Zeit für ein Phantasiekonstrukt.

(Eine interessante, tiefer gehende Studie mit weiteren Aspekten und wichtigen Informationen dazu in englischer Sprache findet sich hier: "Dirham" In The Time Of Joseph?)

Samariter zu Moses Zeiten?

In der koranischen Mosesgeschichte scheint ein „Samariter“ vorzukommen, der als solcher auch von Moses oder seinen Zeitgenossen mit dieser Bezeichnung angesprochen wird. Doch diese Bezeichnung für die entsprechende Volksgruppe entstand erst lange nach Moses, nämlich 722 v. Chr. Auch die namensgebende Stadt Samaria selbst wurde erst „um 876 v. Chr. [...] auf einem davor unbesiedelten Berg“ 1 gegründet.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Der Name der „namensgebenden Stadt Samaria“ selbst (arab. as-sâmirah), wenn man einer biblischen Angabe hierzu vertrauen kann, leitet sich von dem Namen „S[ch]emer“ ab.2 Die Stelle lässt offen, ob es der Name eines Individuums oder eines Stammes war. In letzterem Falle ist der Name deutlich älter als die Stadt und könnte in dieser Funktion schon zu Lebzeiten Mose (s) existiert haben, so dass das koranische as-sâmiriyy plausibel übersetzbar wäre mit: „Der vom Stamme Semer“.
  • Dem historischen und archäologischen Kenntnisstand zufolgeist die dazugehörige Region Samarien, die wohl nach der Stadt so benannt wurde, stellenweise seit 3000 v. Chr., also seit lange vor Moses (s), dicht besiedelt.3 Der Antagonist aus dem koranischen Mosesbericht kann also durchaus von hier stammen und unter den damaligen Kindern Israels mit dieser Herkunft bekannt gewesen sein. Es genügt, dass Samarien schon vor der Herabsendung des Koran unter diesem Namen bekannt war,4 während es zu Zeiten Mose (s) auch einen anderen Namen getragen haben kann. Das Auftauchen des so gesehen informativen Namens im Koran wäre dennoch legitim, da es für eine Schrift wie den Koran nicht sehr sinnvoll ist, den Leser/Hörer mit schon Jahrtausende vor der Herabsendung ausgestorbenen und nichtssagenden Namen zu konfrontieren.5
  • Bei dem Namen as-sâmiriyy kann es sich einfach um einen Vornamen oder Spitznamen handeln, der nur zufällig dem Namen der Stadt Samaria ähnelt. Die Endung -iyy legt zwar eine Herkunftsbezeichnung nahe, jedoch nicht zwingend, wie man an einigen arabischen Vornamen sehen kann (z.B. fawziyy, ramziyy, Sâbriyy).
  • Es kommen andere Ursprünge und Regionen der Welt in Frage, auf welche der Name hindeuten kann, z.B. das im Irak gelegene Samarra (dessen Name erst später arabisch gedeutet wurde) oder das Volk der Sumerer, deren später Nachfahre er gewesen sein kann. Der Name muss nicht einmal zu Mose Zeiten existiert haben, sondern kann als eine für heutige Leser gedachte Eingrenzung der möglichen Herkunftsregionen des Mannes verstanden werden.
  • Möglicherweise ist der Name eine korrektere Form des wurzelkonsonantisch offensichtlich stark übereinstimmenden „Sammael“, welcher passenderweise der Name einer Art Satansgestalt in der jüdischen und christlichen Lehre ist, insbesondere im äthiopischen Henochbuch. Die Herkunft und Bedeutung des Namens „Sammael“ ist nicht genau bekannt, er kommt in verschiedenen Formen vor (u.a. „Semiel“, „Simjael“ und „Sammane“, möglicherweise auch „Samyaza“, „Amezyarak“, „Amezarak“). Ebenfalls passend, soll Sammael sich laut jüdischen Überlieferungen im goldenen Kalb verborgen haben, um die Anhänger Mose zu verführen, indem er im Inneren des Kalbes brüllte und Lebendigkeit vortäuschte.6 In der Tat ist es laut Sure 20:88 hauptsächlich der „Sâmiriyy“, der das Kalb, ausgestattet mit Gebrüll, hervorbrachte.

(Eine interessante, tiefer gehende Studie mit weiteren Aspekten und wichtigen Informationen dazu in englischer Sprache findet sich hier: The “Samaritan” Error In The Qur'an?)

1 Aus Wikpedia, Eintrag „Samaria“, Abruf 12. März 2013.
2 1. Kön 16:24
3 Jürgen Zangenberg in „Garizim - «Berg des Segens» - Stadt und Heiligtum der Samaritaner aus hellenistischer Zeit“ (Antike Welt, 2003, Heft 1, S. 23)
4 Seine zahlreichen Vorkommnisse im Alten Testament als Regionsbezeichnung, nicht nur als Stadtname, machen dies offensichtlich, beispielsweise 1. Kön 13:32, 2. Kön 17:24, Jer 31:5, Ob 19
5 Die Zitierweise des Koran ist grundsätzlich weit entfernt von stupider ausnahmsloser wortwörtlicher Übersetzung, und zwar auch in Bezug auf Eigennamen (vgl. injîl oder dhul-qarnayn)
6 Verschiedene Quellen weisen hier auf die dem jüdischen Gelehrten Rabbi Eliezer zugeschriebenen Überlieferungen hin: „And this calf came out lowing, and the Israelites saw it. Rabbi Yehudah says that Sammael was hidden in its interior, and was lowing in order that he might deceive Israel.“ (Pirqe de Rabbi Eleazar, § 45). Siehe auch: http://www.jewishencyclopedia.com/articles/13055-samael und Wikpedia, Eintrag „Sammael“, Abruf 03. April 2013.

Die fernste Moschee

Wie kann in Sure 17:1 von der „fernsten Moschee“ (in Jerusalem) die Rede sein, obwohl es zu jenem Zeitpunkt dort keinerlei Moscheegebäude gab? Und wie kann es die fernste sein, wenn es vor Mohammed viele Propheten auf der ganzen Welt gegeben hatte und somit sicher viele Moscheen oder gleichwertige Einrichtungen?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Das Wort masjid muss kein Gebäude bezeichnen, sondern bedeutet wörtlich einfach nur „Ort des Niederstirnens“ und kann einen beliebigen Platz meinen, der zum Niederstirnen bestimmt ist.
  • Da der Ausdruck al-masjidu l-aqSâ keine Genitivverbindung ist, liegt hier aus grammatischer Sicht kein eindeutiger Superlativ, sondern ein Elativ vor, der auch schlicht „die überaus ferne Moschee“ oder „die fernere Moschee“ bedeuten kann.
  • Tatsächlich ist sie in dem Sinne die fernste Moschee, als dass sie die fernste der drei sakrosankten Moscheen des Islam ist, und dies wiederum in dem Sinne, dass die beiden anderen relativ nahe beieinander liegen und fast von jedem praktizierenden Muslim dieser Welt, mindestens einmal im Leben besucht werden die „ferne Moschee“ jedoch nur von sehr wenigen.

Alexander der Große: Muslim?

Wird in Sure 18:83-98 Alexander der Große nicht als gläubiger Muslim dargestellt, obwohl er Polytheist war und sich selbst für einen Gott oder den Sohn eines Gottes hielt?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Bei dem dort geschilderten Protagonisten muss es sich nicht um Alexander den Großen handeln. Der Name „Alexander“ kommt dort nicht vor. Es kämen auch die Perserkönige Kyros II. oder Dareios I. in Frage. Auch ein himjaritisch-jeminitischer Herrscher und sogar Echnaton wurden bereits vorgeschlagen. - Parellelen zu der koranischen Schilderung im christlichen „Alexanderroman“ sind wenig aussagekräftig, da nach jüngeren Studien dieser eher vom Koran beeinflusst ist als umgekehrt.
  • Viele der Überlieferungen über Alexander entsprechen nicht den historischen Tatsachen. Die Einzelheiten in den Schilderungen z.B. des oft zitierten Plutarch sind für ihre geringe Verlässlichkeit bekannt.
  • Seine griechisch-makedonische Heimatkultur mag polytheistisch gewesen sein, er selbst kann Monotheist gewesen sein, ggf. wie sein Lehrer Aristoteles, von dem angenommen wird, dass er Monotheist war, was auch durch seine philosophische Lehre vom „Ersten Beweger“ gestützt wird. Aufgrund dieser Lehrer-Schüler-Beziehung liegt ein Monotheismus Alexanders also sogar nahe. Die Begegnung mit dem Judentum bei der Eroberung Palästinas könnte ebenfalls eine gewisse Wirkung gehabt haben. In der Tat überliefert der jüdische Historiker Flavius Josephus in seinem Werk „Jüdische Altertümer“ einen Bericht, demzufolge Alexander sich vom Judentum beeindruckt zeigte und den Juden gegenüber als gütig erwies.
  • Der Protagonist in dem genannten Koranabschnitt wird dort nicht als Muslim bezeichnet. Anders als die Propheten wird er an keiner Stelle lobend erwähnt oder für rechtgeleitet erklärt. Der Abschnitt lässt nicht einmal die endgültige Schlussfolgerung zu, die Person sei ein Monotheist gewesen, wenn auch ihre spirituelle Haltung in gewisser Weise an eine monotheistische erinnert und im Text zumindest nichts auf einen Polytheismus der Person hinweist. Dies - auch nicht die wiederholte Wendung „mein Herr“, zumal sie sogar der Uraufsässige Iblis benutzt - schließt jedoch nicht aus, dass die Person ein Götzendiener oder ein Frevler war, denn es ist das eine, die Erwähnung eines Makels zu unterlassen, und das andere, einen solchen explizit zu leugnen. Dies wirft freilich die Frage nach dem Zweck einer solchen Vorgehensweise auf. Allerdings dürfte dieser klar werden, wenn man bedenkt, dass Hervorhebungen von Makeln nicht nur angesichts der weitgehenden Anonymisierung der Person nicht nötig sind, sondern auch entgegen der Intention des Textes die von ihm erwähnten vorbildlichen Aussagen, Taten und Eigenschaften der Person in ein negatives Licht stellen und als implizite Abratung von diesen verstanden würden.1 - Indes sind die Worte, die Gott {erh.} zu ihr in dem Koranabschnitt redet, nicht unbedingt als Offenbarung wie zu einem Propheten zu verstehen (der Ausdruck waħy kommt nicht vor), sondern als Versinnbildlichung der Situation und der sich dem Protagonisten bietenden Optionen. Diese Erzählweise ist für den Koran nicht untypisch (vgl. 2:65, 2:243, 7:166, 55:33).
  • Hauptsächlich lässt sich die Annahme, Alexander sei Polytheist gewesen, durch die vielen Opferungen, die er angeblich in der einen oder anderen eroberten Stadt griechischen oder lokalen „Gottheiten“ leistete, begründen. Als Beweis kann dies allerdings kaum dienen, da zum einen Historiker davon ausgehen, dass viele, wenn nicht alle dieser Opferungen taktischen Zwecken dienten, und zum anderen nicht bekannt ist, wie Alexander derartige Kulte persönlich interpretierte. Es ist nicht unmöglich, dass er in jeder Götterfigur die bloße Symbolisierung ein und desselben Allschöpfers unter einem jeweils anderen Aspekt sah und davon ausging, dass die Vielfalt lediglich eine der Benennungen und der ungöttlichen Symbolgestalten war, und nicht des Wesens. Dass er diesen Symbolgestalten tatsächlich keine Essentialität beimaß, belegen Skulpturen, die freie Mischungen der „Symbolgestalten“ von Gottheiten verschiedener Völker darstellten (z.B. die Zeus-Amun-Skulptur). Alexanders Identifikation des Zeus der Griechen mit dem Ammun der Ägypter trotz der völlig verschiedenen diesen Namen zugeordneten Mythen zeigt darüber hinaus, dass er jene Mythen nicht als Quelle der Definition des Wesens der Gottheit heranzog. Hiermit dürfte er damals nicht alleine gewesen sein, denn derartige Identifizierungen waren kamen seit früherer Zeit auch sonst durchaus vor, z.B. ist bekannt, dass die Perser in dem griechischen Apollon den als „Ahura Mazda“ verehrten Allschöpfer sahen.
  • Falls Alexander sogar offen monotheistisch war und dies auch von seinen Gefährten oder Untertanen forderte, so dass sie sich ihm darin widerwillig anschlossen, wäre es nicht verwunderlich, wenn die auffällig hohe Zahl der Berichte von den Opferungen bloße Erfindungen waren, die nach seinem Tod dafür sorgen sollten, die Rückkehr zum Polytheismus und die Verschmähung des Monotheismus mit der Vorbildfunktion Alexanders und dem identitätsbildenden Stolz auf ihn vereinbaren zu können.


Siehe auch: Wer war Dhul-Qarnayn?

1Zu den koranischen Methoden zur Grundlegung von Normen gehört es, durch die positive Darstellung von Personen zur Nachahmung ihrer Taten und Prinzipien zu motivieren (vgl. die Erwähnung Luqmans, der wohl nicht einmal ein Prophet war), und durch ihre negative Darstellung diese Nachahmung zu untersagen oder ihre Unerwünschtheit mitzuteilen (vgl. die auf Pharao Bezug nehmenden Teile). Auch die Bezugnahme auf die Königin von Saba in Sure 27 bildet hiervon keine Ausnahme, obwohl ihr Götzendienst zunächst erwähnt wird und als positiv auffassbare (diplomatische) Vorgehensweisen von ihr geschildert werden. Denn die explizite Erwähnung ihres Götzendienstes erfolgt lediglich innerhalb eines Zitats (Rede des Wiedehopfs), ihre friedfertige und somit löbliche Vorgehensweise wird explizit (ebenfalls in einem Zitat) in Kontrast zu als negativ dargestellten Personen gesetzt, und die Episode endet mit ihrem Eintritt in die Religion der Ergebung, wodurch die negative Darstellung wieder neutralisiert wird.

Kreuzigung im Alten Ägypten

Die Suren 7:124, 26:49 und 12:41 scheinen davon auszugehen, dass es im Alten Ägypten Kreuzigungen gab, obwohl wissenschaftlich darüber heutzutage nichts bekannt ist.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn das arabische Wort Salaba (und eigentlich auch das deutsche Wort „Kreuzigung“) muss nichts mit einem Kreuz im heutigen Sinne zu tun haben, sondern bedeutet schlicht, „jemanden an einen Pfahl oder Baumstamm hängen“. Dies gab es auch im Alten Ägypten. Siehe auch: Crucifixion Or ‘Crucifiction’ In Ancient Egypt?

Gebrannter Ton im Alten Ägypten

Wie kann in Sure 28:38 Pharao, der Gegner Mose, Haman befehlen, ihm einen Turm aus gebranntem Ton zu bauen, wenn die Ägypter zu jener Zeit ihre Gebäude nicht aus gebrannten Tonziegeln bauten?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, siehe: Islamic Awareness: Were Burnt Bricks Used In Ancient Egypt In The Time of Moses?

Wo ist das Heilige Land?

In der koranischen Mosesgeschichte wandern die Israeliten nach ihrer Rettung nicht sofort in Kanaan/Palästina ein, sondern bekommen das Land der Ägypter zum Erbe (26:59), als sei dies das Heilige Land. Doch sowohl Bibel als auch historische und archäologische Indizien sagen aus, dass die Israeliten in Kanaan lebten. Und wie sollen die Israeliten Ägypten übernehmen, wenn sie in Sure 5:26 zur Strafe 40 Jahre im Land herumirren müssen?

Hiermit ist kein Fehler oder Widerspruch feststellbar, denn:

  • Die archäologischen „Indizien“ können nichts darüber aussagen, wann genau die Israeliten in Kanaan einzogen.
  • Soweit tatsächlich der Bibel die Übernahme Ägyptens nicht zu entnehmen ist, ist die koranische Schilderung als Ergänzung oder Korrektur der biblischen Überlieferung, die leider teilweise Menschenwerk ist, zu sehen - siehe dennoch Genesis 15:18 ff. und Numeri 34.
  • Nach dem Untergang Pharaos und seiner Häupter wurde das ägyptische Reich führungslos, so dass entweder alle Israeliten zurückkehren konnten, um für eine aus welchen Gründen auch immer nur kurze Zeit das Land zu führen, oder aber es wurde nur eine Minderheit zurückgeschickt, um die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Für eine überdauernde Überlieferung einer solchen Phase wäre sie zu kurz gewesen.
  • Es existieren auch Hinweise1 darauf, dass die Mehrheit der Israeliten Ägypten überhaupt nicht verließ und nur eine Minderheit mit Moses (s) das Gewässer überquerte. Dass jedoch von „den Kindern Israels“ hinsichtlich des Überquerens die Rede ist2, kann darin begründet sein, dass die Zurückgebliebenen sich aus Gründen des Opportunismus zu wenig mit ihrer tatsächlichen Herkunft identifizierten, oder mit ihrer Glaubensschwäche zu weit entfernt vom Propheten Israel (s) waren, als dass ihre zahlenmäßige Mehrheit ins Gewicht fallen könnte. (Nichtsdestotrotz steht an der betreffenden Stelle nicht „alle Kinder Israels“.) Im Angesicht des Sieges können außerdem Viele sich Moses im Nachhinein doch noch angeschlossen und begonnen haben, zu glauben und sich wieder stärker mit ihrer Herkunft zu identifizieren, so dass sie mit hinauszogen und doch nur eine Minderheit zu Zwecken des Verwaltens und Regierens zurückließen.
  • Etwas zum Erbe zu bekommen, impliziert nicht notwendig, dass man es als Empfänger aktiv nutzt. So kann jemand ein Haus zum Erbe bekommen, in das er nie einzieht. Ausschlaggebend am Erben ist lediglich, dass man prinzipiell die exklusive Möglichkeit der Nutzung bekommt: Nach der Überquerung des Großgewässers konnten die Kinder Israels theoretisch zurückkehren und über Ägypten herrschen. Wie alle anderen Erbgegenstände kann auch dieser verloren gehen, noch bevor man ihn nutzt. Ein Nachweis, dass Israeliten Ägypten regierend übernommen haben, ist folglich nicht nötig.
  • Analog zum vorigen Punkt ist ebenfalls möglich, dass die „Vererbung“ die Ermöglichung bedeutet, in das Heilige Land einzuziehen, um von dort aus die von den staatlichen Repräsentanten verlassenen Gärten - von denen keiner unbedingt im Kernland des ehemals ausgedehnten ägyptischen Reiches liegen musste - zu kontrollieren und ihre Tribute einzuziehen.
  • Ebenfalls ist denkbar, dass Gott (erh.) die Ländereien den Israeliten in einem rein moralisch-legislativen Sinne zum Erbe bestimmte (arab. °awratha), d.h. im Sinne einer speziellen Erlaubnis, diese zu erobern, selbst falls die Möglichkeit des direkten und unproblematischen Einzugs sehr gering gewesen sein sollte. Auch in der alltäglichen Verwendung des Erbbegriffs würde (z.B. im Falle einer Erbusurpation) eine schwere Zugänglichkeit des Erbes für einen rechtmäßigen Erben nichts daran ändern, dass es als ihm vererbt bezeichnet werden kann.
  • Ägyptologen gehen vor dem Hintergrund verschiedener Indizien davon aus, dass der heute als Thronfolger Ramses' II. bekannte Merenptah der Sohn einer Ausländerin aus der Levante war (Isisnofret). Somit ist es nicht ausgeschlossen, dass er mindestens zur Hälfte, oder falls er adoptiert worden war oder einem außerehelichen Verhältnis entsprang, zur Gänze israelitischer Herkunft war und in seiner Person die Kinder Israels auch im aktual-politischen Sinne Ägypten zum Erbe bekamen.
  • Die Herkunft seines Nachfolgers Amenmesse ist völlig unklar, auch er könnte ein Israelit gewesen sein - es wird spekuliert, er sei von Merenptah adoptiert worden, manche halten ihn gar für identisch mit Moses. Zwar bestieg er den Thron erst über zehn Jahre nach Ramses' II. Tod, doch in dem diskutierten Vers steht nicht ausdrücklich, dass die Israeliten jene Gärten und Schätze unmittelbar nach dem Tod Pharaos zum Erbe bekamen.
  • Was die Frage zu Sure 5:26 angeht, so hängt sie davon ab, was zwischen dem Sieg über Pharao und dem Beginn jener 40 Jahre geschah. Da es hier unbegrenzt viele Möglichkeiten gibt, ist die Frage von allenfalls untergeordneter Relevanz.
1 Suren 10:83, 26:54
2 Suren 7:138, 10:90

Alle Ägypter vernichtet?

Sagt der Koran nicht, die Ägypter in der Zeit Mose seien wegen ihres Unglaubens völlig vernichtet worden? Doch wir wissen, dass bis heute Nachkommen jenes Volkes existieren.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn: An keiner Stelle sagt der Koran, alle Ägypter seien vernichtet worden. Das Wort „Ägypter“ (qibTiyy, miSriyy) kommt nicht einmal vor. Stattdessen wurden die „Leute Pharaos“ (qaumu fir€awn) vernichtet, d.h. die Leute, die zu ihm hielten, für ihn Partei ergriffen oder ihn unterstützten und auf diese Weise mit ihm eine eigene Gruppe bildeten.

Die scheinbare Kreuzigung Jesu

Wie kann der Koran die Kreuzigung Jesu leugnen, obwohl so viel dafür spricht, dass sie stattgefunden hat?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn: Nirgendwo im Koran werden diejenigen, welche die Kreuzigung Jesu behaupten, diesbezüglich der Lüge bezichtigt. Stattdessen bestätigt der Koran durchaus, dass es den Anschein hatte, er sei gekreuzigt worden (Sure 4:157). Gleichwohl deklariert er diesen Anschein als Illusion bzw. fehlerhafte Auffassung.

Der leicht gemachte Koran

Wie kann der Koran sagen, Gott habe den Koran leicht gemacht, obwohl bekanntlich einiges darin schwerverständlich ist?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Wie |groß| und |klein| ist auch |leicht| ein relativer Begriff, d.h. der Koran hätte weit schwieriger sein können bzw. ist weit leichter zu verarbeiten als viele andere Texte seines Themenbereichs. Gerade theologische Themen sind wie ein Magnet für abstrakte, mit Fachtermini und Schachtelsätzen gespickte Sprache, wie die Werke der Theologen beweisen. Der Koran mit seinen einprägsamen Gleichnissen, Bildern und Geschichten ist dagegen zweifellos eine Wohltat.
  • Die Kernbotschaft ist leicht zu verstehen (Einzigkeit Gottes und Kommen des Letzten Tages mit Lohn und Strafe im Jenseits).
  • Es sollte darauf geachtet werden, wodurch1 und wofür2 der Koran ihm zufolge leicht gemacht wurde, nämlich durch die zur Offenbarungszeit äußerst lebendige und im Offenbarungsraum wohlbekannte hocharabische Sprache (statt einer mathematischen Formelsprache oder einer toten Sprache wie z.B. Latein) und zur Erinnerung (dhikr), durch die man sich mahnen lässt. Nichts davon erfordert zwingend, dass inhaltlich jeder Punkt für jeden leicht zu verstehen ist. Viel mehr genügt das Maß, durch welches die genannten Dinge erfüllt sind.
  • Zu den Erleichterungen gehört außerdem:

    • Der Klang und die Reimform, durch die sich der Text leichter einprägen lässt.
    • Im großen Unterschied zur Bibel ist der Koran ist sehr sparsam mit der Verwendung von ablenkenden und wenig relevanten Personen- und Ortsnamen. Bei der Bibel erschwert dies deutlich die Konzentration auf die Kernbotschaft.
    • Die Hauptbotschaften werden oft in identischer, ähnlicher und unterschiedlicher Form an vielen Stellen des Koran wiederholt.

1 Suren 19:97, 44:58
2 Suren 44:58, 54:17

Der Grund für die Thora-Speisegesetze

In Sure 4:155-161 scheint ein Anachronismus enthalten zu sein: „Dafür, daß sie ihr Abkommen brachen und Allahs Zeichen verleugneten und (daß sie) die Propheten zu Unrecht töteten und (daß sie) sagten: "Unsere Herzen sind verhüllt." - Nein! Vielmehr hat Allah sie für ihren Unglauben versiegelt; darum glauben sie nur wenig, und daß sie ungläubig waren und gegen Maryam gewaltige Verleumdung aussprachen, und dafür, daß sie sagten: ‚Gewiß, wir haben al-Masih 'Isa, den Sohn Maryams, den Gesandten Allahs getötet.’ - [...] Wegen Ungerechtigkeit derer, die dem Judentum angehören, hatten Wir ihnen gute Dinge verboten, die ihnen erlaubt gewesen waren, und weil sie viel von Allahs Weg abhielten, und (weil sie) Zins nahmen, wo es ihnen doch verboten worden war, und den Besitz der Menschen in unrechter Weise aufzehrten. Und Wir haben den Ungläubigen unter ihnen schmerzhafte Strafe bereitet.“ - Es ist, als seien die Speisegesetze für die Juden verschärft worden, weil sie Maria und Jesus ablehnten und beleidigten, obwohl doch die Verschärfung der Speisegesetze deutlich vor Jesu Geburt offenbart wurde. Sie steht in der Thora, doch die Tötung von Propheten erfolgte deutlich nach der Offenbarung der Thora, und dennoch scheint die Tötung der Propheten als Begründung für diese Speisegesetze angeführt zu werden.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Von Verschärfung ist im Originaltext nicht die Rede.
  • Durchaus lassen sich auch dem ersten Verbot nachfolgende Vergehen als Begründung anführen, nämlich in dem Sinne, dass sie die Begründung dafür sind, dass das Verbot nach Moses (s) durch spätere Propheten der Kinder Israels bestätigt wurde, statt aufgehoben zu werden. Was Jesus (s) anbetrifft, so kam nach ihm zwar kein israelitischer Gesandter mehr, der die Erneuerung dieser Verbote hätte mitteilen können, jedoch sind auch hier mehrere Möglichkeiten denkbar, z.B. die Aktivität eines israelitischen Propheten ohne Gesandtenstatus (evtl. einer der sogenannten Apostel), oder die Beauftragung der Jünger durch Jesus (s) in der kurzen Zeit zwischen seiner scheinbaren Tötung und seiner Abberufung, oder die Bestätigung der Speisegesetze durch Mohammed (s), soweit der Anschein stimmt, dass zu Beginn der seines Prophetentums Juden von der religiösen Praxis her weiterhin Juden bleiben durften, solange sie die Gesandtschaft Mohammeds (s) anerkannten.
  • Es ist auch möglich, dass hier kein legislatives, sondern ein schöpferisches Verbot gemeint ist, d.h. dass Gott sie sich einbilden ließ, ihnen seien gewisse gute Dinge verboten.1 Dafür spricht, dass eine solche das bloß schöpferische Verbot meinende Redeweise schon an anderen Stellen2 im Koran vorkommt, und dass die betreffende Aussage kein Plusquamperfekt-Verständnis erzwingt: „... verboten wir ihnen gute Dinge, die ihnen (eigentlich) erlaubt waren“ (statt „erlaubt gewesen waren“).
1 Diese Ansicht ist auch im Kommentarwerk des Ibn Kathîr vermerkt (zu 4:160).
2 Suren 21:95, 28:12

Koranische Abweichungen von der Bibel

Koranische Schilderungen weichen häufig von den Schilderungen der Bibel ab. Die Bibel ist zeitlich viel näher an den beschriebenen Geschehnissen dran.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn: Es herrscht praktisch Konsens unter den modernen Forschern, dass die Bibel im Laufe der Jahrtausende Veränderungen ausgesetzt war und ein großer Teil daraus Menschenwerk ist.1 Demgegenüber ist der Koran unverfälscht erhalten geblieben und stellt so die authentische reine Offenbarung Gottes dar.2 Den Koran anhand der Bibel zu beurteilen, ist daher in etwa so, als ließe man einen alten Mathematiklehrer (Bibel), der an einer Demenzkrankheit im fortgeschrittenen Stadium leidet, die wissenschaftliche Abhandlung eines jungen Mathematikprofessors (Koran) korrigieren.

1 Dies bestätigt die Bibel selbst, s. Jerimia 8:8-9 („Wie könnt ihr sagen: Wir sind weise, und das Gesetz des HERRN ist bei uns? In der Tat! Siehe, zur Lüge hat es der Lügengriffel der Schriftgelehrten gemacht. Die Weisen werden beschämt, sie sind schreckerfüllt und werden gefangen. Siehe, das Wort des HERRN haben sie verworfen. Und was für eine Weisheit haben sie [nun]?“)
2 Siehe den Lichtwort-Artikel „Die Unverfälschtheit des Koran“.

Thora und Evangelium - gefälscht oder nicht?

Wie kann der Koran Thora und Evangelium bestätigen, sie als noch bei den Juden und Christen befindlich ansehen und dennoch ein großer Teil seiner Geschichten von den Geschichten der heutigen Thora und der vier Evangelien in so vielen Details abweichen? Sieht der Koran die Schriften der Juden und Christen überhaupt als gefälscht an?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Was der Koran bestätigt, sind die Originale der Thora und des Evangeliums, so wie sie den Propheten Moses (s) und Jesus (s) offenbart wurden. Das, was später von den Menschen Thora und Evangelium genannt wurde, muss nicht unbedingt in vollem Umfang dazu gehören.
  • Nur die Thora wird im Koran explizit als noch bei ihren Angehörigen befindlich bezeichnet, und zwar bei den Juden. Dies widerspricht nicht der Tatsache, dass ihr viel Menschenwerk hinzugefügt wurde und der Thora-Begriff von Menschen unzulässigerweise auf diese Hinzufügungen ausgeweitet wurde, oder dass echte Veränderungen und Auslassungen an ihr vorgenommen wurden, die jedoch ihren Kern nicht betreffen, so dass das Unveränderte und nicht im Nachhinein Hinzugefügte nach wie vor „Thora“ genannt werden kann.
  • Im Judentum selbst gilt das in den Fünf Büchern Mose vorhandene nicht als die vollständige Thora, da es noch die außerbiblische Überlieferung der Mischna gibt, welche als die „mündliche Thora“ gilt.
  • In erster Linie sind die Juden der damaligen Arabischen Halbinsel gemeint, über die heute nicht exakt bekannt ist, was für ein Schriftgut sie im Einzelnen besaßen.

Ähnlichkeiten zwischen der Jakobs- und der Mosesgeschichte

Der Bericht in Sure 28:23-28 mit Moses als Hauptperson ähnelt auffallend der biblischen Erzählung in Genesis 29:1-30. Dort jedoch ist Jakob die Hauptperson.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Falls der Bibelstelle tatsächlich dieselbe Geschichte zugrundeliegt, ist die Darstellung des Koran als Korrektur der biblischen Version anzusehen. Es ist bekannt, dass die Kinder Israels in der nachmosaischen Zeit zu einem großen Teil den Kontakt zum ursprünglichen Schrifttum verloren und es Rekonstruktionsversuche gab. Beim Versuch, die Jakobsgeschichte zu rekonstruieren, können Teile der Mosesgeschichte eingeflossen sein, welche der Rekonstrukteur nicht mehr eindeutig zuzuordnen wusste. Eine Rolle bei dieser Fehlzuordnung mag gespielt haben, dass Jakob einerseits sozusagen der genealogische Vater der Israelisten und Moses immerhin ihr religionshistorischer Vater war.
  • Die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Geschichten sind im Verhältnis zur Anzahl der Unterschiede recht gering.1 Es kann daher auch ein - wenngleich interessanter - Zufall vorliegen.
  • Mithilfe literaturpsychologischer Analysen lässt sich zeigen, dass der koranische Bericht erheblich glaubwürdiger ist.2
  • Die gleiche Geschichte findet sich an einer anderen Stelle der Bibel (Ex 2:15-21) - mit Moses als Protagonist. Der Hauptunterschied ist lediglich, dass es dort sieben statt zwei Töchter sind.3
1 Im biblischen Bericht im Unterschied zum Koran fehlt die Erwähnung des Volkes Midian, sowie die Anwesenheit der ersten Schwester von Beginn an, der Anwesenheit der zweiten Schwester überhaupt, des hohen Alters ihres Vaters, der bereits zu Beginn stattfindenden Tränkung der Tiere, von welcher sich die Schwestern zunächst Abstand zu nehmen gezwungen fühlen, und der Initiative einer der beiden Frauen, den Protagonisten zu beschäftigen. Im koranischen ist im Unterschied zum biblischen Bericht weder die Rede von einem Stein auf dem Brunnen, noch von einem Dialog zwischen dem Protagonisten und den Hirten, noch von seiner Frage nach dem Vater, noch vom Küssen der Frau und dem Weinen des Protagonisten, noch sind die beiden Frauen und ihr Vater mit ihm in irgendeiner Weise blutsverwandt (sondern offensichtlich vielmehr völlig Fremde), noch kommt der Vater ihm auf dem Feld entgegen (sondern die Frau), noch dass er bei ihm einen Monat lang blieb und kostenlos für den Vater arbeitete. Die Anzahl der Jahre, die der Protagonist arbeiten soll, beträgt in der Bibel sieben, im Koran jedoch wahlweise acht und zehn Jahre. In der Bibel arbeitet der Protagonist weitere sieben Jahre, um auch die jüngere Tochter zu heiraten, wovon im Koran wiederum keine Rede ist. Es gibt noch mehr Unterschiede, doch die Gemeinsamkeiten sind nur (wenn überhaupt): 1.) Eine Tränkstelle auf dem Feld und mit ihren Weidetieren anwesende Leute. 2.) Die Konstellation „Zwei Schwestern und ihr Vater“ 3.) Jemand gibt an, seine Tiere noch nicht tränken zu können. 4.) Wenigstens eine der Schwestern will die Tiere tränken. 5.) Der Protagonist tränkt für sie die Schafe. 6.) Bericht einer der beiden Schwestern an den Vater. 7.) Erzählung des Protagonisten an den Vater. 8.) Verheiratung gegen mehrere Jahre Arbeit.
2 Z.B. hinsichtlich der für Legenden typischen Zahl der sieben Jahre im biblischen Bericht, und dies sogar zwei Mal, im Unterschied zu den einmaligen acht Jahren des koranischen Berichts.
3 Weitere Unterschiede: Die Nicht-Erwähnung der Erzählung des Protagonisten an den Vater und der mehrjährigen Arbeit als Brautgeld.

Die Väter Jakobs

Im Koran ist zu sehen, dass der Vater Jakobs der Prophet Isaak und dessen Vater wiederum Abraham ist, während Ismael - als Bruder Isaaks - nur der Onkel Jakobs und nicht sein leiblicher Vater ist (11:71-72; 12:4-6, 12:38). Wie können in Sure 2:133 dann zu Jakob seine Söhne sagen: „Wir dienen deinem Gott, dem Gott deiner Väter Abraham, Ismael und Isaak, dem Einzigen Gott, und Ihm sind wir ergeben“?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Es ist eine unter Arabischkennern bekannte Tatsache, dass in dieser Sprache °ab zwar zur Bedeutung Vater tendiert, aber dennoch auch „Onkel väterlicherseits“ bedeuten kann. Erst wâlid heißt vollkommen eindeutig „Vater“ im biologischen Sinne.
  • Man kann den Vers als Mitteilung verstehen, dass Ismael bzw. die drei Personen zusammen in einem ähnlichen Sinne für Jakob ein °ab bzw. °âbâ° (pl.) waren wie Abraham für die Muslime allgemein (s. Sure 22:78).
  • Mit dem Satz zitiert der Koran Menschen (die Kinder Jakobs). Beinhaltete er einen Fehler, so wäre es der Fehler der zitierten Menschen, nicht des Koran.
  • Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass Jakob in seiner Kindheit zum Pflegekind Ismaels wurde und Pflegeväter in seiner Kultur „Väter“ genannt wurden.

Noahs Volk: Wieviele Gesandte lehnte es ab?

Wie kann es in Sure 25:37 und Sure 26:105 heißen, dass Noahs Volk die Gesandten - im Plural - ablehnte, wenn Noah der einzige Gesandte ist, mit dem sie direkt zu tun hatten?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Wer trotz aller Beweise einen einzigen Gesandten ablehnt und bezichtigt, ein Lügner zu sein, hat alle Gesandten abgelehnt und der Lüge bezichtigt. Analogie: Wenn ein Polizist an einer Wohnung anklingelt und der Bewohner, der ihm öffnet, sagt: „An deiner Uniform sehe ich, dass du ein Lügner bist.“ Dann spielt es keine Rolle, ob es der erste Polizist ist, den er je in seinem Leben gesehen hat - er hat alle uniformierten Polizisten zu Lügnern erklärt. (Die Uniform sei hier die Parallele zu der Botschaft und den Beweisen Noahs.) Derartige subtextuelle Mitteilungen anhand ungewöhnlicher Numerusformen sind beim Koran nichts Unbekanntes, siehe z.B. in Sure 26:16, in der zu Moses und Aaron gesprochen wird: Kommt hin zu Pharao und sagt: Wir sind der Gesandte des Herrn der Welten Sie sind also unter dem Aspekt der Gesandtschaft eine Einheit mit demselben Auftrag.
  • Es nicht ausgeschlossen, dass Noah seinem Volk von zukünftigen Gesandten in ausreichender Detailliertheit erzählte und sie diese daraufhin im Voraus komplett ablehnten.

Der arabische Koran

Wenn der Koran seiner eigenen Aussage nach in rein arabischer Sprache offenbart wurde, warum benutzt er einige Fremdwörter nicht-arabischen Ursprungs?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Die meisten dieser „Fremdwörter“ sind Eigennamen von Personen, Ländern u.ä. Kein vernünftiger Mensch würde allein deswegen an der Reinheit der Sprache eines Textes zweifeln.
  • Nirgends sagt der Koran explizit, er sei in „rein arabischer Sprache“ offenbart worden.
  • Selbst wenn er dies sagte, wäre es zutreffend, zumal die sogenannten Fremdwörter durch phonetische Modulation arabisiert sind, wenn sie nicht bereits zuvor mittlerweile ein integraler Bestandteil des arabischen Wortschatzes waren.
  • Selbst jenseits von Eigennamen bleibt trotz der Wörter fremden Ursprungs z.B. der folgende Satz reines Deutsch: „Einen Weiher voller Pfirsichnektar gibt es nur in der Dichtung.“1
1 „Weiher“ ist lateinischen („vivarium“), „Pfirsich“ persisch-lateinischen („persicus“), „Nektar“ griechischen und „Dichtung“ lateinischen Ursprungs („dictare“).

Koran in füheren Schriften enthalten?

Sagt Sura 26:195-196 nicht, der Koran sei in biblischen oder sonstigen „Büchern der Früheren“ enthalten? Dann müsste ja in der Bibel oder ähnlichen Schriften auch der Koranvers enthalten sein, in welchem der Koran sich selbst die Eigenschaft, arabisch zu sein, als feste Eigenschaft zuordnet, so dass die Bibel oder ähnliche Schriften einen arabischen Koran hätten enthalten müssen. Außerdem bräuchte man unendlich viele frühere Schriften, da jede Schrift diesen Vers enthalten und auf eine noch frühere Schrift verweisen müsste, und diese wiederum auf eine noch frühere Schrift usw.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Wörtlich übersetzt heißt es auch über den Propheten Mohammed (s), er (!) stehe in Thora und Evangelium geschrieben (7:157), und sogar, dass sich jedes Ding in einem Buch befinde (10:61). Wie man damit sehen kann, ist dies die Art und Weise der arabischen Sprache, zu sagen, jemand oder etwas sei in einem Buch erwähnt. In der Tat ist der Koran in der Bibel erwähnt: Einen Propheten wie dich will ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erstehen lassen. Ich will meine Worte in seinen Mund legen. (Deut 18,18) Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hören wird, wird er reden, und das Kommende wird er euch verkündigen. (Joh 16,12-14)
  • In früheren Schriften ist immerhin die Kernlehre des Koran - rein inhaltlich - inbegriffen.

Gleicht die Thora dem Koran?

Wenn der Koran seinen göttlichen Ursprung dadurch untermauert, dass er fordert, etwas „seinesgleichen“ zu bringen, ist die Herausforderung denn nicht erfüllt, indem einfach die Thorah gebracht wird - sagt er über sie nicht in Sure 46:10, sie sei „seinesgleichen“? Impliziert dies nicht außerdem, dass die Thora nicht gefälscht ist, obwohl sie dem Koran widerspricht? Wenn sie allerdings doch von Menschenhand ist, wäre dies nicht angesichts der Herausforderung des Koran der Beweis, dass er nicht von Gott ist?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Die Frage beinhaltet offenbar einen scherzhaften Anteil, zumal es klar ist, dass wenn jemand herausgefordert wird, ein ähnlich gutes Gedicht von Goethe wie „Gesang der Geister über den Wassern“ hervorzubringen, es niemandem genügen wird, wenn er, statt ein eigenes Gedicht zu schreiben, den „Erlkönig“, der ebenfalls von Goethe stammt, auf einem Papier in die Hosentasche steckt und es dann vor aller Augen „hervorbringt“. Ebenso wird keine Sportmannschaft der Aufforderung gerecht, die andere Mannschaft zu schlagen, indem ihre Mitglieder den gegnerischen Mitglieder Klapse auf den Hinterkopf geben.
  • Weder ist die Thora von Menschenhand noch widerspricht sie dem Koran. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Umrisse der Thora in der großen Menge von biblischen und außerbiblischen Hinzufügungen von den meisten Menschen nicht mehr genau erkannt werden. Es sind nämlich allenfalls diese Hinzufügungen, die dem Koran widersprechen, nicht die Thora selbst.
  • Die betreffende Stelle in 46:10 ist in einen Bedingungssatz eingebettet und dieser wiederum in einen Satz, der in Frageform steht.
  • Der Streitgegenstand, um den es hier geht, dürfte nach wie vor derselbe Streitgegenstand sein, der nicht lange vor diesem Vers thematisiert wird, nämlich „die Wahrheit“ (46:7) und somit der Inhalt und nicht der Koran als die formale Komposition, die ihn so unvergleichbar macht.

Mohammed (s) auch mit Thora folgen

Wie kann der Koran in Sure 5:43 die Juden entmutigen, Mohammed als Schiedrichter einzusetzen, und sie auf die Thora zurück verweisen, und gleichzeitig sie in Sure 3:31 auffordern, Mohammed zu folgen?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Dem Gesandten Gottes (s) zu folgen, bedeutet auch, an die Thora zu glauben und als Juden in Streitigkeiten zwischen Juden oder bei von Juden begangenen Verstößen gegen Verbote der Thora dieselbe Thora als Urteilsgrundlage zu nehmen (5:45), solange die beteiligten Personen nicht in den Islam eingetreten sind. Natürlich wäre der Eintritt in den Islam eine vollständigere Form des Folgens, was der Vers ja auch nicht in Frage stellt. Jene Juden hatten jedoch von vorneherein nicht die Absicht, in die Religion der Ergebung einzutreten, und kamen zu Mohammed (s) überdies in der Hoffnung, er würde nach einer anderen Urteilsgrundlage zwischen ihnen richten, was er jedoch nicht tat, woraufhin sie das Urteil nicht umsetzten.
  • Beim Beziehen des offenbar für den Fragesteller demotivierend wirkenden „wie kann es sein“ auf das ihm Nachfolgende sollte nicht die bloße Einsetzung als Schiedsrichter in Betracht gezogen werden, sondern zusätzlich das Sich-Abwenden: Und wie kann es sein, dass sie dich als Schiedsrichter einsetzen, während sie die Thora mit der Entscheidung Gottes darin haben, und sich dennoch danach abwenden?.

Paradies und Feuer in der Thora

Wie kann im Koran so häufig von Paradies und Feuer die Rede sein, nicht jedoch in den biblischen Fünf Büchern Mose? Waren frühere Menschen weniger wichtig, um vor der Feuerspein im Jenseits gewarnt zu werden?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Es ist in hohem Maße unwahrscheinlich, dass die Israeliten in einer Zeit, in welcher umgebende Völker, und nicht zuletzt die Ägypter, aus deren Land sie ausgezogen waren, sehr konkrete Jenseitsvorstellungen (auch hinsichtlich Lohn und Peinigung) hatten und dennoch im religiösen Leben der Israeliten derartiges keine Rolle spielte bzw. diese in ihrer speziellen Religiösität völlig ohne Jenseitsvorstellungen auskamen. Darum ist in Betracht zu ziehen, inwieweit die für uns profan erscheinende Terminologie der Thora mit den zentralen Termini des Lebens und des Sterbens in der religiösen Sprache der damaligen Israeliten für Lohn und Strafe im Jenseits standen und als solche von ihnen problemlos erkannt wurden.
  • Die sogenannten „Fünf Bücher Mose“ enthalten nicht die ganze Thora. Der andere Teil dürfte sich im Talmud befinden, dessen Mischna die Juden als die „mündliche Thora“ ansehen. Im Talmud werden durchaus Lohn und Strafe des Jenseits erwähnt.
  • Es ist unklar, wieviel von der eigentlichen Thora aufgrund fehlerhafter Rekonstruktionsversuche (oder gar politisch oder sonstwie motivierter Eingriffe) im Rest des Alten Testaments, außerhalb des sogenannten Pentateuch, verstreut ist. Jedenfalls werden auch an anderer Stelle des Alten Testaments Lohn und Strafe des Jenseits erwähnt.
  • Die Israeliten werden im Pentateuch häufig vor Tod und Vernichtung gewarnt, wenn sie das Gesetz nicht einhalten.1 Womöglich war die Psychologie der damaligen israelitischen Generationen derart gestaltet, dass dies in ihnen einen größeren Schrecken verursachte als der Gedanke an eine Bestrafung in einem Jenseits, an das sie nur einen schwachen Glauben hegten. Möglicherweise war in ihrer kollektiven Auffassung ein Straftod per se etwas unaufhörlich Schmerzhaftes, so dass die Warnung vor dem Tod auch unter diesem Aspekt bei ihnen äquivalent zur Warnung vor dem Feuer Gehennas war. Die dem zugrundeliegende Psychologie eines Teils der Menschen scheint selbst vom Ehrwürdigen Koran genutzt zu werden.2
  • Deuteronomium 28 und andere Stellen legen nahe, dass das Bewusstsein der frühen Israeliten so kollektivistisch gewesen zu sein scheint, dass sie wohl in dem Gedanken lebten, dass selbst die irdischen Freuden und Leiden ihrer Nachkommen ihre eigenen Freuden und Leiden sein würden. Womöglich existierte unter ihnen stillschweigend eine dem Reinkarnationsglauben nahekommende Geisteshaltung, durch die sich der Einzelne vorstellte, das Schicksal seines Volkes auch nach seinem persönlichen Tod mitzuerleben, so dass auf ihn Deuteronomium 28 gewirkt haben muss wie die Inaussichtstellung ewigen persönlichen Wohlseins und die Warnung vor ewiger persönlicher Pein.3
  • Auch in den sogenannten Fünf Büchern Mose lassen sich manche Stellen als Anspielungen auf das Paradies und auf das Feuer Gehennas ansehen.4
1 Dtn 30:6, Dtn 30:17-18 u.a.
2 Der Ausdruck halaka („zugrunde gehen“), der im Arabischen auch als Synonym von „Sterben“ eingesetzt wird, dürfte als Anspielung auf das Schicksal im Jenseits an verschiedenen Stellen im Koran in verschiedenen Formen vorliegen (Suren 2:195, 7:173, 8:42, 9:42)
3 Dass das kollektivistische Bewusstsein der Israeliten auch später wohl nie ganz verschwand, und ein Wissen um dieses Bewusstsein könnte als Grundlage dafür angesehen werden, dass der Ehrwürdige Koran von Vorfahren der israelitischen Zeitgenossen Mohammeds (s) in der zweiten Person Plural spricht und dies merklich auch die Zeitgenossen in gewisser Weise einbezieht (z.B. Sure 2:49 ff.).
4 Lev 18:5, Dtn 6:10-11, Dtn 8:7-9, Dtn 24:13 (Anrechnung guter Taten), Dtn 26:15, Dtn 27:2-3. Letztere Stelle liest sich, als sei das irdische Land der Verheißung keineswegs identisch mit dem „Land, in dem Milch und Honig fließen“. - Was derweil die Feuerstrafe im Jenseits angeht, so siehe Dtn 32:22: „Denn ein Feuer ist entbrannt in meinem Zorn, es brennt bis in den untersten Scheol und frisst die Erde und ihren Ertrag und entzündet die Grundfesten der Berge.“ Der Jenseitsbezug des Namens Scheol ist weitgehend unstrittig. Da nicht zur Gänze klar ist, wofür er steht, wurde bzw. wird er mal mit „Totenwelt“, mal mit „Hades“ (Septuaginta), aber auch mit „Hölle“ (Luther) übersetzt. Interessanterweise, zumal einem authentischen Ausspruch Mohammeds (s) zufolge das Feuer Gehennas schwärzer als Teer sein werde, werden sowohl der Scheol als auch der Hades der altgriechischen Vorstellung mit Dunkelheit und Schwärze assoziiert.

Die sichere Kaaba

Sagt der Koran in Sure 3:97 nicht, dass wer in die Kaaba eintrete, sicher sei? Wie lässt sich dies mit den historischen Berichten vereinbaren, denen zufolge in militärischen Auseinandersetzungen Menschen, die sich in der Kaaba verschanzt hätten, dennoch getötet oder gefangen genommen werden konnten?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Der Vers garantiert Sicherheit, sagt jedoch nichts darüber aus, inwieweit diese eingeschränkt ist. Er sagt auch nicht, dass jeder, der sie betrete, sicher sei.
  • Viele der angeblich historischen Berichte halten einer wissenschaftlichen Überlieferungskritik nicht stand, z.B. die angebliche Beschießung und Inbrandsetzung der Kaaba durch Ħajjâj b. Yûsuf. Demgegenüber ist es unstrittig, dass die Kaaba und ihre Umgebung schon in vorislamischer Zeit eine höhere Sicherheit boten als der Rest der Arabischen Halbinsel, da selbst die Götzendiener einen hohen Respekt vor diesem Gebiet hatten.
  • Die wenigen sicheren Überlieferungen, denen zufolge jemand zu Schaden kam, beziehen sich auf den sakrosankten Bezirk, nicht jedoch auf das Eintreten in das Innere des würfelförmigen Gebäudes.
  • Die Aussage lässt sich als normative Sicherheitsgarantie verstehen, wie es in der Sprache der Araber zur Offenbarungszeit üblich war,1 d.h. dass es sich evtl. nicht um eine Prophezeiung, sondern um ein juristisches Gesetz handelt. Dies wäre in etwa vergleichbar mit der Gewährung von Asyl (griech. „unberaubt, sicher“) in einem Land der heutigen Zeit. Diese ist ja keine Prophezeiung, dass derjenige, der Asyl genießt, unangetastet bleibe, sondern eine Zusicherung, dass wer ihn antaste, verfolgt oder bestraft wird. Sure 22:25 scheint genau diese Ansicht zu unterstützen.
  • Auch eine hohe faktische, über das Normative hinausgehende Sicherheit dürfte sich noch heute allein schon aus der Befolgung der Meinung eines großen Teils der islamischen Gelehrten, dass wer im sakrosankten Bezirk Zuflucht nehme, weder dem Strafrecht zugeführt noch an ihm Vergeltung geübt werden könne.2
  • Soweit der Satz die Formulierung eines allgemeinen Naturgesetzes ist, ist es nur natürlich, dass er Ausnahmen und Überschneidungen mit einer entgegengesetzten Regel (hier derjenigen aus Sure 22:25) zulässt, zumal man bei Regelformulierungen nicht erwarten kann, dass ein nicht-akademischer Text durch die Ausschließung aller denkbaren Eventualitäten aufgebläht wird. Eine Aussage wie „Wer die Heizung aufdreht, muss zu Hause nicht frieren“ ist auch ohne Weiteres völlig akzeptabel, da es zu selbstverständlich ist, dass jemand trotzdem frieren wird, wenn er im Winter die Fenster weit öffnet, oder einen grippalen Infekt erleidet, oder die Heizung defekt ist, usw. So ist es auch selbstverständlich, dass man in der Kaaba sicher ist, solange man durch sein Verhalten nicht die Einschränkung dieser Sicherheit bzw. die Wirkung eines entgegengesetzten Naturgesetzes provoziert3.
1 Z.B. sagte der Gesandte Gottes  (s) am Tage der Eroberung Mekkas: Wer das Haus Abû Sufians betritt, ist sicher, und wer die Waffen hinwirft, ist sicher, und wer seine Tür zuschließt, ist sicher. (Saħîħ Muslim, kitâbu l-jihadi wa s-sayr, Hadith Nr. 1780)
2 Ibn Taymiyyah, majmû€ al-fatâwâ, Band 14, سئل عن قوله تعالى ومن دخله كان آمنا
3 Genau dies scheint bei der Besiegung von Abdullâh b. Zubayr durch Ħajjâj b. Yûsuf geschehen zu sein. Einerseits blieb er mit seiner zum islamischen Großkalifat oppositionellen Enklave in und außerhalb Mekkas eine erstaunlich lange Zeit sicher und unangetastet, und selbst der Belagerung hielt er eine bemerkenswert lange Zeit von sechs Monaten stand. Dann jedoch stürmten die Truppen Ħajjâjs die Stadt und bereiteten ihm eine vernichtende Niederlage, im Zuge derer er auch getötet wurde. Ein relativ unbeachteter authentischer Bericht zeigt, dass er kurz zuvor einer großen Anzahl von friedlich gesonnenen €umrah-Wallfahrern, die sich bereits im Weihezustand befanden und ihre Opfertiere mit sich führten, angeführt von Muħammad b. 'Aliyy b. Abî Tâlib, den Zutritt zur Sakrosankten Stätte verweigerte, obwohl an mehr an einer Stelle des Koran zu sehen ist, wie gefährlich dies auf spiritueller und moralischer Ebene ist (2:114, 2:217, 22:25).

Sind Schatten Gegenstände?

Wird in 13:15, 16:48, 16:81 und 25:46 nicht der Schatten wie ein Gegenstand behandelt (der sich niederwirft!), obwohl er nur Abwesenheit von Licht ist?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn ein Schatten lässt sich durchaus als Entität auffassen,1 nämlich

  • die Gesamtheit der im Unterschied zur Umgebung vom Sonnenlicht nur indirekt beleuchteten Materie (Flächen und Luft), oder
  • die Gesamtheit aller nur indirekt auf die Materie des beschatteten Raumabschnitts auftreffenden Sonnenstrahlen. Diese Gesamtheit bewegt sich, auch wenn die Photonen, die an der Stelle auftreten, an denen der Schatten später vorrückt, nicht mit den früheren identisch sind, denn aus der raumzeitlichen Einheit ergibt sich, dass auch bei materiellen, sich im gewohnten Sinn bewegenden Objekten spätere Teilchen nicht mit den früheren identisch sind. Das Niederstirnen der Gesamtheit der indirekt auftreffenden Lichtstrahlen ist derweil mit ihrer streng aus Naturgesetzen resultierenden, u.a. mit der Erddrehung in Zusammenhang stehenden, raumzeitlichen Form zu identifizieren.
  • Wie an verschiedenen Stellen des Koran zu erahnen, ist das „Niederstirnen“ seelenloser Objekte eine Umschreibung ihres Nachgebens gegenüber den Naturgesetzen Gottes, z.B. dem Gravitationsgesetz, wie dies ja auch beim echten Niederstirnen des Menschen der Fall ist, der mit seinem Körper im Zuge dieser Bewegung hauptsächlich der Gravitation nachgibt. Da angesichts der Sure 35:21 der Schatten im koranischen Sinne auch unabhängig von Licht und Dunkelheit mit der im Umgebungsvergleich geringer von der Sonne erhitzten Luft identifizierbar ist2 und kühlere Luft in mit der Gravitation in Zusammenhang stehende Abwärtsbewegungen vollzieht, ist der Ausdruck „Niederstirnen“ eine ästhetische und zugleich passende Beschreibung des physikalischen Prozesses, den die Schattenluft durchläuft.3 Ebenso in Frage kommt das Abfallen der Bewegungintensität der Moleküle der während des Sonnenlaufs irgendwann nicht mehr direkt bestrahlten Oberflächen. - Derweil kann der mögliche Einwand, auch bei einer Identifizierung von Schatten mit der nicht direkt bestrahlten Luftmasse könne nicht die Rede davon sein, dass sich die Luftmasse mit der Sonne zu verschiedenen Seiten hinbewegt, weil die Luftmoleküle im Inneren des Schattens permanent durch andere von Außen ersetzt werden und eine solche Luftmasse somit kein einheitliches Objekt sei, dadurch entkräftet werden, dass die menschliche Sprache genügend Beispiele kennt, in welcher die für eine gegenstandhafte Bezeichnung nötige Einheit eine raumzeitliche statt bloß räumliche Einheit ist („Fluss“, „Volk“, „Armee“ etc.).
1 Gerade im Koran steht das „Schatten“-Lexem für Gegenstandhaftes, z.B. dunklen Rauch (siehe Suren 56:43 und 77:30)
2 In 35:21 wird der „Glutwind“ (arab. ħarûr) dem Schatten antonymisch gegenübergestellt, was ahnen lässt, dass auch der Schatten insbesondere eine Luftmasse ist. Die weit verbreitete Übersetzung mit bloßer „Sonnenhitze“ ist gemessen an den Standardwerken der Korankommentare und den Aussagen von Sprachgelehrten höchstwahrscheinlich falsch. Max Henning und Rudi Paret übersetzen jedoch standardkonform („Glutwind“ und „heißer Wind“).
3 Der berühmte Forscher Max von Pettenkofer schreibt hierzu: „Im Schatten ist die Luft nicht bloß kühler, sondern auch immer bewegter, als in der Sonne. Der Schatten lässt die von ihm bedeckte Fläche von der Sonne nicht so hoch erwärmen, als die von dieser beschienene Umgebung erwärmt wird. Jede Temperaturdifferenz aber zwischen sich nahe liegenden Luftschichten ist auch Ursache zur Luftbewegung, zu Luftströmungen, denn ungleich warme Luftschichten sind ungleich schwer, daher nicht im Gleichgewicht und suchen die Störung desselben durch Bewegung auszugleichen.“ (aus: Max von Pettenkofer, Vorlesung „Über das Verhalten der Luft zum bekleideten Körper des Menschen“)

Nur weibliche Götzen?

Wie kann es in Sure 4:117 heißen, die Beigeseller riefen anstelle Gottes nur weibliche Personen an? Und wie passt dazu, dass im selben Atemzug zu lesen ist, sie riefen nur einen (grammatisch männlichen) Satan an?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Damit ist natürlich angesichts der zahlreichen männlich gedachten Götterfiguren der Mekkaner (z.B. Hubal) und anderer Völker wohl nur das grammatisch weiblich zu Behandelnde gemeint, und dies sind im hocharabischen Plural die seelenlosen Gegenstände. Dies entspricht auch einer bei Tabariyy gut dokumentierten Ansicht mehrerer früher Exegeten. Auch in Bezug auf Jesus (s), Maria (s) und andere Geschöpfe beten Polytheisten seelenlose Dinge an, da eine allhörende Maria oder ein allmächtiger Jesus niemals existiert haben. Das Angebetete sind also nicht die historischen Geschöpfe, sondern neben Steinfiguren und Ähnlichem lediglich leblose Phantasiekonstrukte.
  • Der Abschlusssatz, sie riefen nur einen rebellischen Satan an, ist eine Bestätigung des Vorgenannten, da sich durch die Anrufung außer dem Satan niemand angesprochen fühlt, zumal er die Götzendiener zur Anbetung der Götzen hin irregeführt hat und diese als seine „Avatare“ sieht. (Vgl. Suren 19:44 und 36:60)

Jesus - nur der Gesandte Gottes

In Sure 5:75 heißt es, Jesus sei nur ein Gesandter gewesen, in Sure 4:171 jedoch, er sei der Gesandte Gottes, sein Wort und ein Geist von ihm.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Die Bezeichnung „Geist von Gott“ ist völlig unproblematisch, da jedem lebenden Menschenkörper Geist eingehaucht wurde, der von Gott erschaffen und gesendet wurde. Darüber hinaus bedeutet rûħ in etwa „Lebensgeist“. In der Tat sollte durch Jesus (s) die damalige israelitische Gesellschaft, deren Religiosität zum großen Teil auf Äußerlichkeiten verkümmert war, durch die Wiedereinbringung des spirituellen Aspekts der Religion wieder zu neuem Leben erweckt werden. - Die Bedeutung dieser Bezeichnung lässt sich also als seinem Gesandten-Dasein inhärent ansehen - oder bereits zusätzlich ausgedrückt durch die auffälligerweise definite Form „der Gesandte Gottes“.
  • Der Ausdruck „das Wort Gottes“ ist wohl eine Kurzfassung des Ausdrucks „das Ergebnis des Wortes Gottes“ (d.h. des Wortes „Sei!“ aus Sure 3:59), etwa wie das Wort „Glauben“ in Sure 2:143 eingesetzt wurde, obwohl „Werke“ zu erwarten gewesen wäre, zumal „Werke“ ja das Ergebnis des inneren Glaubens sind. Zwar sind alle Geschöpfe das Ergebnis des Wortes Gottes, jedoch hat das Geschöpf Jesus (s) diesen Titel besonders verdient, da er ohne den väterlichen Zwischenschritt geboren wurde. - Die Bedeutung dieser Bezeichnung lässt sich also ebenfalls als seinem Gesandten-Dasein inhärent ansehen - oder bereits zusätzlich ausgedrückt durch die auffälligerweise definite Form „der Gesandte Gottes“
  • Der Ausdruck „das Wort Gottes“ kann auch „die Verheißung Gottes“ bedeuten. Siehe: Die unveränderlichen Worte Gottes

Nichts wissend geboren

An einer Stelle (16:78) ist zu lesen, dass der Mensch den Mutterleib nichts wissend verließ. Sind Bewusstsein oder Wahrnehmung von Babys beim Verlassen des Mutterleibs nicht längst aktiv? Auch vorher scheint es Lernprozesse zu geben, z.B. hinsichtlich von Geräuschen, die von außerhalb des Mutterleibs zu hören sind.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Beim Menschen gehört zur sinnvollen Defintion von Wissen, dass es sich bei einem solchen entweder um im Hauptbewusstsein (nicht nur im Unterbewusstsein) vorhandene oder wenigstens - wenn schon aus dem Unterbewusstsein - gezielt abrufbare Informationen handelt. Die Entstehung eines solchen (objektiv-analytischen) Hauptbewusstseins wird als deutlich nach der Geburt zustandekommend angenommen. Sicherlich gibt es bei vielen Babys eine Art des Erlebens und während der Zeit im Mutterleib eine Speicherung von Sinnesdaten im Gehirn, jedoch ist es wahrscheinlich noch nicht dazu fähig, irgendetwas davon bewusst abzurufen und zu analysieren.
  • Man kann nicht von Wissen sprechen, wenn der angeblich Wissende das angeblich Gewusste nicht an die richtige Stelle der Realität einzuordnen weiß. Wenn das Kind im Mutterleib die Stimme der Mutter hörte, konnte es diese zu keinem Zeitpunkt als einem Objekt oder einer Person zugehörig einordnen.
  • Es ist denkbar, dass das Ereignis der Geburt das Kind in einen Stresszustand versetzt, der alle bisherigen bewussten Informationen aus dem Gedächtnis löscht oder zumindest derart überlagert, dass diese allenfalls im Unterbewusstsein verbleiben. So mag ihm beim späteren Hören die Stimme der Mutter vertraut vorkommen, doch wird es nicht wissen, was der Grund dieser Vertrautheit ist.
  • Möglicherweise ist gemeint, dass das Kind beim Verlassen des Geburtskanals nicht bei Bewusstsein ist. Diesen Eindruck machen Babys in dieser kurzen Phase tatsächlich. Erst wenn sie den Geburtskanal vollständig verlassen haben, ist die Bewegung von Gesichts- und anderen Muskeln zu beobachten.
  • Bekanntlich hat das Nomen „Wissen“ den Zweck, eine Abgrenzung zur Einbildung herzustellen. Wenn jemand sagt: „Ich weiß, dass an dieser Stelle vorhin ein Pferd vorbeigelaufen ist“, dann meint er u.U. damit, er habe sich das Vorbeilaufen des Pferdes nicht bloß eingebildet, und dass es nicht nur in seinem Inneren existierte, sondern in der äußeren Realität. Nach dieser Definition ist die Fähigkeit der Unterscheidung zwischen gedanklichem Innenleben und Außenwelt Voraussetzung für das Vorhandensein von Wissen. Da Kinder diesen Unterschied zweifellos erst deutlich nach der Geburt kennenlernen und während des Aufenthalts im Mutterleib keine einzige Wahrnehmung bewusst als Einbildung oder Realität einordnen konnten, haben sie beim Verlassen des Mutterleibs nicht das geringste Wissen.
  • Untersuchungen legen nahe, dass zwar das System Baby lernt, aber selbst nach der Geburt nicht unbedingt immer die Person Baby (wenn man bei Babys überhaupt von einer solchen sprechen kann), zumal bei ihm im Unterschied zu einem Erwachsenen eine starke Aufnahme von äußeren Informationen einschließlich ihrer Nutzung für Reflexe während seines Schlafs erfolgen kann.1
  • Eine Analyse des Wissensbegriffs zeigt, dass sich nicht nur über Neugeborene, sondern über jeden Menschen sagen lässt, er wisse nichts.2 Dass dies für Kinder im Moment des Hervorkommens aus dem Mutterleib speziell erwähnt wird, wäre durchaus angemessen, wenn der Zweck die Verdeutlichung ist, dass der Mensch in diesem Lebensabschnitt noch weiter als in anderen davon entfernt ist, etwas wirklich zu wissen.
1 Dana Byrd (University of Florida) et al.: Newborn infants learn during sleep, oder: Newborn infants learn while asleep (abgerufen am 02. Dezember 2013)
2 Spätestens seit dem 1963 veröffentlichten, aufsehenerregenden Aufsatz von Edmund Gettier (geb. 1927) ist ist in geisteswissenschaftlichen Kreisen stark umstritten, was Wissen überhaupt ist und ob irgendein Mensch etwas wissen kann. Siehe auch den Lichtwort-Artikel „Wissen um Wissen“.

Nur Gott kennt das Verborgene

Heißt es nicht an der einen Stelle, niemand außer Gott kenne das Verborgene (7:188, 27:65)? Doch in den letzten Versen der Sure Nr. 72 („al-jinn“) scheint es doch denkbar, dass einem Gesandten das Verborgene gezeigt wird. Wie sind außerdem die Prophezeiungen, die Mohammed machte, damit zu vereinbaren?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Auch dieser Vers widerspricht nicht der Tatsache, dass kein Geschöpf mit eigener Anstrengung das Transzendente in Erfahrung bringen kann, sowie keinem Geschöpf eine Eigenschaft innewohnt, durch welche es das Verborgene automatisch weiß. Stattdessen ist diesbezüglich lediglich von Mitteilungen, die der Gesandte passiv bekommt, die Rede.
  • Kein Koranvers sagt explizit, es gebe außer Gott keinen, der „irgendetwas Verborgenes“ oder „etwas vom Verborgenen“ kenne, sondern niemand außer Ihm wisse „das Verborgene“. Dies lässt zu, dass einem Gesandten ein geringfügiger, womöglich verschwindend kleiner Teil des Verborgenen in einer flüchtigen oder groben Form mitgeteilt wird und dieser den Glaubenden jene Inhalte weitervermittelt. Letztere haben dann zwar Wissen, dieses ist jedoch sehr indirekt und stellt nur das Wissen um einen winzigen Teil des Verborgenen, und zwar obendrein in einer sehr groben Form, dar.
  • Das Verborgene“ kann auch das ideale Verborgene meinen, d.h. das absolut Verborgene, das nicht einmal einem Gesandten mitgeteilt wird, während der Rest des Verborgenen nur relativ verborgen ist, d.h. einem Teil der Geschöpfe bekannt sein kann, dem anderen nicht.
  • Der Begriff des „Verborgenen“ lässt sich teilweise als dasjenige definieren, was theoretisch jedes Geschöpf wissen könnte, jedoch nur durch kommunikative Mitteilung. Immerhin ist in Sure 2:3 das Verborgene etwas, woran geglaubt werden muss, was wiederum nur funktioniert, wenn man über einen Teil des Verborgenen Mitteilungen bekommen hat. Somit schließen sich die Exklusivität des göttlichen Wissens über das Verborgene und kommunikative Mitteilung darüber schon per definitionem nicht aus.
  • Die Syntax in Sure 72:26-27 ist typisch für Sätze, in denen °illâ nicht mit „außer“ zu übersetzen ist, sondern mit „aber“ (°illâ-Verwendungstypus IV e).1 Dies ließe die Auffassung zu, dass Gott auch einem Gesandten nichts von jenem (speziellen?) Verborgenen zeigt, das Er „Sein Verborgenes“ (ghaybihi) nennt. Kommunikative Mitteilungen über etwas davon schlösse dies dennoch nicht aus. Jedenfalls gehört zur Bedeutung der beiden Verse dann wohl, Gott lasse niemanden Sein Verborgenes sehen, auch wenn es bei manchem Gesandten zuweilen scheint, er hätte die Fähigkeit, das Verborgene zu sehen, was jedoch lediglich auf unsichtbare Beobachter-Entitäten (evtl. Engel) zurückgeht, die ihm Mitteilungen aus der Umgebung zuführen oder ihm diese als oder mittels einer Art Spiegel zeigen.2
1 Laut dem Exegesewerk des Korangelehrten Abû Ħayyân, al-baħru l-muħîT, hat bereits Ibn Abbâs diesen Verwendungstypus hier gesehen (dort zu 72:27). Siehe auch: Verwendungstypen von °illâ
2 Darum wohl z.B. die Aussage des Gesandten Gottes (s), er könne im Gebet die Betenden sehen, die hinter ihm stehen.

Das Allwissen Gottes

Wenn Gott alles weiß, wieso tut Er laut einigen Stellen Dinge, um etwas zu wissen?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Echte, d.h. versehentliche Widersprüche sind bei in Konflikt stehenden Aussagen zu erwarten, die in einem Buch so weit auseinanderliegen und so gering in der Anzahl sind (z.B. zwei oder drei Aussagen), dass sie es denkbar erscheinen lassen, der Verfasser könnte ihre Widersprüchlichkeit übersehen haben. Doch das All- und Vorauswissen Gottes wird so massenhaft im Koran thematisiert, dass allein deswegen ein echter Widerspruch ausgeschlossen und davon auszugehen ist, dass der Sprecher an den fraglichen Stellen etwas Besonderes meint, das zu den massenhaft vorkommenden Inhalten in keinerlei Widerspruch steht. - Auch liegen Sure 3:167 oder Sure 29:10-11 die „irritierende“ Ausdrucksweise und die Aussage, dass Gott wisse, was die betreffenden Menschen geheimhalten, so nah beieinander, dass wiederum ein versehentlicher und somit echter Widerspruch ausgeschlossen ist und daher solche Stellen geeignet sind zu beweisen, dass wir es hier mit einem rhetorischen Stilmittel zu tun haben.
  • Dass im Koran zu erwarten ist, dass die Rede vom Wissen Gottes metaphorisch eingesetzt wird, zeigt sich besonders deutlich an Sure 48:18 und 48:27.
  • Es gibt eine Vielzahl an Versen1, deren Kompositionsweise (zumindest im Arabischen) ahnen lässt, dass der Begriff des göttlichen Wissens in der koranischen Rhetorik neben seiner Hauptbedeutung eine weitere Dimension besitzt, nämlich die Bedeutung der Aufzeichnung des Dinges oder Ereignisses in eines der Bücher Gottes. Darauf aufbauend bedeutete selbst ein extremer, im Koran so nicht vorkommender Phantasiesatz wie „Gott weiß noch nicht, wer von euch zu den Vielfastenden gehört“ keineswegs, dass Gott dies (in der Hauptbedeutung des Wissens) nicht wisse, sondern, dass dies im Buch der Werke des Knechtes, das am Tage der Gerichts für oder gegen ihn aussagen wird, oder in einem anderen Buch noch nicht verzeichnet ist.2
  • Da nichts real ist, wovon Gott (erh.) nichts weiß, und nichts, wovon Gott etwas weiß, nicht real ist, könnte dies als Grundlage für eine rhetorische Identifizierung des Wissens Gottes mit dem Realsein der Dinge gedient haben. Hierauf aufbauend würde ein Phantasiesatz wie „Gott ließ es regnen, damit Er wisse, wer ins Trockene flüchten würde“ bedeuten, Er habe es regnen lassen, damit Menschen existieren, die vor dem Regen ins Trockene flüchten. Die Suren 10:18 und 13:33 scheinen dies zu stützen.
  • Da etwas zu wissen, in der Regel der Möglichkeit des Wissenden entspricht, das Gewusste zu nennen, könnte dies als Grundlage für eine rhetorische Identifizierung des göttlichen Wissens mit der Nennbarkeit des Gewussten gedient haben. Hierauf aufbauend würde ein Phantasiesatz wie „Gott ließ es regnen, damit Er wisse, wer ins Trockene flüchten würde“ bedeuten, Gott habe es regnen lassen, damit einige Menschen ins Trockene flüchten und diese (am Tage der Auferstehung) benennbar sind. Die rhetorische Identifizierung von Wissen und Nennenkönnen scheint durchaus im Koran vorzukommen.3
1 Suren 6:59, 10:61, 22:70, 27:74-75, 34:3, 35:11, 57:22.
2 Dieses Buch darf nicht mit dem Buch der Vorherbestimmung verwechselt werden, denn in diesem ist alles im Voraus verzeichnet (s. 57:22).
3 Sure 100:11

Graue Haare durch Stress?

Aus einer Stelle (73:17) scheint hervorzugehen, dass Kinder wegen der Schrecken des Jüngsten Tages grauhaarig werden. Ist es aber nach der heutigen Wissenschaft nicht so, dass Erschrecken keinerlei Ergrauung der Haare verursacht?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Der betreffende Satzteil ist dort nicht nur der Relativsatz eines unbestimmten Nomens, welches nicht nur in einem Bedingungssatz steht, sondern der Bedingungssatz ist auch noch Teil eines Fragesatzes. Somit liegt keine nachweisliche Behauptung vor, am Jüngsten Tag würde irgendein Kind grauhaarig. Abgesehen davon werden die betreffenden Worte als bloße, der etablierten arabischen Idiomatik entlehnte Redewendung angesehen.
  • Der Zusammenhang zwischen Schrecken und Ergrauung der Haare mag schwer nachzuweisen sein, ist jedoch auch nach der heutigen Wissenschaft nicht ausgeschlossen. Hierbei sollte jedoch kein einmaliger Schreck oder das Klischee vom „Ergrauen über Nacht“ im Fokus stehen, sondern länger andauernder, schwerer Stress.
  • In dem Vers ist nicht von einem schlagartigen Ergrauen die Rede. Dennoch stellen manche Wissenschaftler nicht einmal Fälle des „Ergrauens über Nacht“ völlig in Abrede, sondern vermuten, dass durch einen starken Ausfall pigmentierter Haare der Grauanteil stärker zum Vorschein kommt.1 Das in dem Vers benutzte Wort šîb („weiß-/grauhaarig“, sg. ašiab) bezieht sich auf das Aussehen eines Menschen, so dass es keine Rolle spielt, wie dieses Aussehen zustande kommt, ob durch Verlust von Pigmentierung oder durch Haarausfall.
  • Die Molekularbiologin und Nobelpreisträgerin Prof. Dr. Elizabeth Blackburn veröffentlichte im Jahre 2004 eine vielbeachtete Studie, derzufolge Stress tatsächlich zum Ergrauen der Haare führen kann. Dr. Dirk Eichelberg, Klinikleiter und Dermatologe, sagt: „Es gibt Patienten, die innerhalb von vier Wochen deutlich ergraut sind. Das kann beispielsweise in extremen Stresssituationen geschehen. Stress ruft den Fluchtreflex hervor. Für unsere Vorfahren bedeutete eine Stresssituation, dass sie sich schnell in Sicherheit bringen mussten. Meistens durch Rennen. Dafür schoss ein Großteil des Blutes in Muskeln, Herz und Lunge. Alle nötigen Fähigkeiten liefen also auf Hochtouren. Dafür wurden die überflüssigen Energieverbraucher gedrosselt. Zu diesen gehören auch die Haare oder Nägel. Als Relikt der Evolution kann also eine extreme Stresssituation dazu führen, dass unsere Haare ergrauen, weil sie nicht mehr so gut versorgt werden.“2 Auch andernorts wird bestätigt: „Eine diagnostizierbare Störung ist es, wenn die Haare nach einem schwerwiegenden Schockerlebnis (z.B. Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)) schlagartig grau werden.“3
1 http://www.haar-ausfall.com/service/meldungen/detail_189.jsp (letzter Abruf: 04. Mai 2013)
2 Aus einem Interview mit dem Dermatologen Dr. Dirk Eichelberg in http://www.apotheken-umschau.de/Haare/Wahrheiten-ueber-graues-Haar-56040.html (letzter Abruf: 04. Mai 2013)
3 http://symptomat.de/Graue_Haare (letzter Abruf: 04. Mai 2013)

Jenseits-Schicksal durch Geburt festgelegt?

Statistisch bleiben momentan so gut wie alle als Muslime geborenen Menschen Muslime, und so gut wie alle als Nichtmuslime geborenen Menschen Nichtmuslime. Bedeutet dies nicht, dass der Eintritt ins Paradies und die Rettung vor dem Feuer durch Geburt festgelegt ist? Wie ist das mit der Gerechtigkeit Gottes zu vereinbaren?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Es ist sowohl so, dass es unter denen, die sich Muslime nennen, solche gibt, die den Glauben ungültig machenden Häresien anhängen oder den Glauben gar nur vortäuschen, als auch so, dass es unter den Nichtmuslimen eine Anzahl von Menschen gibt, die ihren Glauben an Gott und Seinen Gesandten aus Furcht vor Problemen verbergen oder auch offen aussprechen, ohne offiziell in den Islam einzutreten.
  • Entscheidend im Islam ist, in welchem Zustand ein Mensch endet, nicht, in welchem er beginnt.1
  • Solange ein Mensch, den die Botschaft nicht erreicht hat, an Gott als einzige Gottheit und an die Wiederherstellung der Gerechtigkeit nach dem Tod glaubt und keine Offenbarungswahrheit bewusst ablehnt, kann kein Mensch mit Sicherheit behaupten, er werde in das Feuer eintreten, auch wenn er sich scheinbar nicht Muslim nennt.
  • Gott (erh.) sagt: Sag: Die Gunstfülle liegt in der Hand Gottes, sie zukommen lassend, wem Er will.2
1 Der Gesandte Gottes (s) sagte: Mancher tut die Werke der Leute des Feuers, bis es nur noch eine Armlänge von ihm entfernt ist, worauf ihn das Geschriebene einholt und er Werke der Leute des Paradieses tut und in das Paradies eintritt. Und mancher tut die Werke der Leute des Paradieses, bis es nur noch eine Armlänge von ihm entfernt ist, worauf ihn das Geschriebene einholt und er Werke der Leute des Feuers tut und in das Feuer eintritt. (Bukhâriyy, Muslim u.a.)
2 Sure 3:73

Werden Bittgebete der Ungläubigen erhört?

Einerseits heißt es „Das Bittgebet der Ungläubigen geht nur ins Leere“ (Suren 13:14, 40:50), andererseits scheinen angesichts anderer Stellen auch Ungläubigen Bittgebete erhört zu werden. (z.B. 10:22-23, 16:53-54, 29:65, 30:33).

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Verse wie 13:14 oder 40:50 schließen nicht völlig aus, dass Gott in Ausnahmen das Bittgebet eines Entkennenden erhört, wobei eine präzisere Übersetzung übrigens wäre: Das Rufen der Entkennenden befindet sich in nichts als in Verirrung. Dies bedeutet, dass sich das Bittgebet der Undankbaren normaler-/typischerweise in nichts als Verirrung befindet. Würde der Satz jede Ausnahme ausschließen, würde er eher lauten: „Jedes Rufen eines Entkennenden befindet sich in nichts als in Verirrung.“
  • Die Stellen, aus denen angeblich hervorgeht, Gott erhöre das Bittgebet von Entkennenden, lassen nicht explizit erkennen, dass es sich um eine echte „Erhörung“ handelt, oder schlicht das von dem Bittgebet unabhängige Herbeiführen eines Ereignisses, das dem Erbetenen (sozusagen „zufällig“) entspricht. Echtes Erhören eines Bittgebets ist nicht nur die oberflächliche Herbeiführung des Erbetenen, sondern auch die Segnung mit einem in letzter Konsequenz guten Ausgang der Angelegenheit.1 Genau dies ist an den besprochenen Stellen eben nicht der Fall, da die angebliche Erhörung Teil einer Tatsachenkette ist, welche die betreffenden Leute - im Zuge ihrer Undankbarkeit bezüglich der Rettung - noch tiefer in ihr spirituelles Unglück geraten lässt.
  • Dass ein Bittgebet sich „in Verirrung“ befindet, muss nicht deckungsgleich bedeuten, dass es nicht erhört wird. Auch eine tatsächliche Erhörung könnte nämlich den Zweck haben, zu einer negativen Konsequenz für den Bittenden zu führen.
  • Die Koranstellen, an denen scheinbar Bittgebete, die von Entkennenden ausgerichtet werden, erhört werden, beschreiben Situationen, in denen die jeweiligen Personen ihre falschen Götter vergessen und sich Gott in ihrer Not völlig unterwerfen. In dieser speziellen Situation sind sie also vorübergehend nicht einmal Entkennende im strengen Wortsinn, und ihr Bittgebet nicht unbedingt das typische „Rufen der Entkennenden“.2
1 Umgekehrt ist das scheinbare Ausbleiben der genauen Entsprechung eines Bittgebets kein Beweis dafür, dass es nicht erhört wurde, denn in welcher Form Gott es erhört, behält Er Sich selbst vor.
2 In Sure 40:50 befinden sich die Betreffenden ebenfalls in großer Not, und dennoch wird genau dort dieser Satz ausgesprochen: Das Rufen der Entkennenden befindet sich in nichts als in Verirrung. Die Situation gehört jedoch zum Jenseits, die Betreffenden sind Insassen des Feuers, und es ist denkbar, dass als Teil der gerechten Peinigung die Bedeutung des „Rufens der Entkennenden“ im Jenseits ausgeweitet werden wird.

Die Befragung der Verbrecher

Werden die Verbrecher gefragt werden oder nicht? Wie lassen sich zu diesem Thema die folgenden Verse vereinbaren: 15:92-93, 28:78, 55:39-43, 74:40-47 ?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Das Wort sa°ala lässt sich in verschiedenen Vorkommnissen widerspruchsfrei bejahen und verneinen, da es unterschiedliche Bedeutungen annehmen kann, nicht nur „fragen“, sondern:
    • A) „bitten“
    • B) „Vorwürfe machen“ bzw. „zur Verantwortung ziehen“1.
    • C) rein äußerliches (z.B. rhetorisches) Fragen
    • D) Fragen zum Erlangen von Information
    In 15:92-93 liegt offensichtlich die Bedeutung B oder C vor (affirmativ), während in 55:39-43 die Bedeutung D vorliegt2 (negiert). In 74:40-47 scheint zwar ebenfalls die Bedeutung D gemeint zu sein (affirmativ), was jedoch kein Widerspruch zu 55:39-43 ist, da die Befragung dort nur für einen begrenzten Zeitraum verneint wird3. Es könnte aber auch C gemeint sein. In 28:78 liegt die Bedeutung D vor (negiert), zwar zunächst scheinbar ohne sichtbare zeitliche Begrenzung, doch bezieht sich in dem Schlussatz des Verses entweder das Possessivpronomen in „nach ihren Sünden“ auf die den noch lebenden Verbrechern vorausgehenden, in dem Satz davor erwähnten, vernichteten Generationen,4 oder es wird lediglich das Befragen zum Zeitpunkt der Begehung des Verbrechens (und somit kurz vor der Peinigung wie in 55:39-43) verneint, zumal mujrim auch „Verbrechen begehend“ bedeutet. Auch unabhängig hiervon ist es weit plausibler, dass mit dem Schlussatz gemeint ist, dass sie ohne Verzögerung gepeinigt werden, als dass sie - sinnloserweise - von niemandem jemals über ihre Sünden befragt werden.
  • In 28:78 steht die Gegenwartsform lâ yus°alu statt lan yus°ala, weshalb wir die Nichtbefragung auf das Diesseits und die Situationen kurz vor den peinigenden Vernichtungen beziehen, nicht auf das Jenseits, und erst recht nicht auf die allerletzten Dinge des Jenseits wie in 74:40-47. Dies erscheint auch vor dem Hintergrund legitim, dass eine Person nach dem Erhalt der gerechten Peinigung und der Reue - und sei diese auch zu spät - kein „Verbrecher“ im Idealsinne mehr genannt werden kann. Zu Letzterem passt auch, dass das Wort in 28:78 nicht artikellos ist.
1 Vgl. Suren 37:27-28, 11:45-47, 21:23 oder das heute gebräuchliche Adjektiv ma-s°ûl („verantwortlich“).
2 Erkennbar an dem dortigen Vers 41.
3 Nämlich yawma°iđin „an jenem Tage“. Damit muss nicht der gesamte Jüngste Tag gemeint sein, zumal er aus mehreren Tagen besteht. Mehr dazu hier
4 Diese Möglichkeit wird von Tabariyy als unwahrscheinlich angesehen, da es zu selbstverständlich sei, dass niemand wegen der Sünden anderer befragt wird. Vgl. dennoch Sure 2:119, 2:134, 2:141.

„Die hochfliegenden Kraniche“

Wenn an den Koran nichts Falsches herankommen bzw. sich in ihn einschleichen kann (41:42), wie ist dann die Geschichte mit den „hoch fliegenden Kranichen“ zu erklären? Und sagt nicht Sure 22:52, dass der Satan einem Propheten etwas Falsches in die Offenbarung unterschieben kann?

Hiermit ist kein Fehler oder Widerspruch feststellbar, denn:

  • Teile der Geschichte halten einer überlieferungswissenschaftlichen Überprüfung nicht stand, besonders die beiden angeblichen satanischen Verse „Das sind die hochfliegenden Kraniche, und ihre Fürsprache wird erhofft“.1 Richtig ist angesichts der Vielzahl der Überliefererketten und einander ähnelnden Versionen der Geschichte allenfalls, dass sie einen wahren Kern hat, zu welchem die Kranichverse von Gegnern der Botschaft hinzugedichtet wurden. Der wahre Kern wird im Saħîħ-Werk des Bukhâriyy überliefert,2 nämlich dass der Gesandte Gottes (s) beim Rezitieren der najm-Sure niederstirnte, und mit ihm alle um ihn herum, sowohl Muslime als auch Götzendiener, sowohl Daimonien als auch Menschen. Vielleicht auch schon an der hyperbolisch anmutenden Formulierung dieser Überlieferung erkennbar, erfolgte das Niederstirnen allerdings wohl nicht wegen der Erwähnung der Götzennamen, sondern aus Ergriffenheit über die betörende Erhabenheit der Worte der najm-Sure, gepaart mit der expliziten Anweisung zum Niederstirnen im letzten Vers der Sure.
  • Wäre die Legende in jener Form wahr, hätten sich in Mekka wohl alle Gefährten vom Propheten (s) abgewendet, zumal sie große Leiden für ihre Opposition zum Götzendienst auf sich genommen hatten, und der Islam wäre im Keim erstickt worden. Es ist derweil über mehrere andere, teils weit geringere Anlässe bekannt, dass viele den Islam durch sie verließen, darunter die Nachtfahrt Mohammeds (s) nach Jerusalem und sogar die bloße Änderung der Gebetsrichtung in Medina. Es ist jedoch nichts darüber überliefert, dass Leute wegen „satanischer Verse“ abfielen.
  • Was Sure 22:52 ff. anbetrifft, so wird in Exegesewerken zwar häufig die Deutung des darin enthaltenen Verbes tamannâ (eigtl. „wünschen“) als „rezitieren“ in Betracht gezogen, doch letztlich wird und wurde das Wort in dieser Bedeutung weder im damaligen noch im heutigen Hocharabisch benutzt (es sei denn extrem selten) - auch im Koran kommt es an keiner Stelle eindeutig in dieser Bedeutung vor.3 Dass es dafür aber in seiner eigentlichen Bedeutung („wünschen“) im Koran sehr häufig vorkommt, und auch die Bedeutung „lesen“ bzw. „rezitieren“ mit den Verben qara°a und talâ bzw. ihren Ableitungen Dutzende Male wiedergegeben wird, nie jedoch eindeutig mit tamannâ, sagt sein Übriges aus. - Die Verse werden sich in Wirklichkeit auf die wunschbehaftete Interpretation mehrdeutiger Koranverse beziehen. Diese ist durchaus fehleranfällig, so dass im Falle einer Fehlinterpretation vonseiten des Propheten (s) dieser darauf hingewiesen wird (Gott aufhebt, was der Satan hineinwirft) und neue koranische Aussagen offenbart werden, die eindeutig sind und in deren Licht jeder die falschen Interpretationen der mehrdeutigen Verse vermeiden kann (Obendrein befestigt Gott Seine Zeichen4). Unterstützt wird diese Möglichkeit dadurch, dass für das „befestigen“ das Verb °aħkama verwendet wird und somit genau dasjenige Wort, das schon in Sure 3:7 als Gegenstück zur Bedeutung „mehrdeutig“ mutašâbih dient.
  • Selbst wenn in Sure 22:52 tamannâ (eigtl. „wünschen“) als „rezitieren“ wiederzugeben wäre, stellte dies kein Problem dar, da dies ja längst nicht zwingend bedeuten würde, dass der Satan während der Offenbarung etwas Fremdes einfließen lässt, so dass die Offenbarung falsch beim Propheten (s) ankäme - Rezitationsfehler können hingegen jedem Menschen passieren5 und ändern nichts an der Unberührtheit der Offenbarung, insbesondere wenn ihre richtige Version schon vor dem Fehler im Umlauf war.
  • In dem in Sure 22:52 erwähnten „Hineinwerfen“ in Sure 22:52 lassen sich die Störung der Rezitation von außen durch Saboteure sehen, so dass diese Stelle mehr oder weniger eine alternative Formulierung von Sure 41:26 sein könnte.
1 Selbst die Version mit der besten Überliefererkette beinhaltet einen Zweifel bezüglich des ersten Überlieferers (al baħru z-zakhâr bi musnadi l-bazzâr, Hadith Nr. 897). Siehe ansonsten die Arbeit des Hadithkritikers Nâsiruddîn Albaniyy naSbu l-majânîq li-nasfi qiSSati l-ğarânîq, Beirut, 1996. Ibn Ħajar von Askalon (al-€asqalâniyy) - und dies ist eines der vielen Beispiele, welche für die enorme Objektivität der anerkannten islamischen Hadithwissenschaftler sprechen - ging derweil von einem wahren Hintergrund der Überlieferung aus. Was ihn dazu bewog, war aber hauptsächlich die Vielzahl und Unterschiedlichkeit der (wenn auch schwachen) Überliefererketten, ohne dass er jedoch zu sagen vermochte, welche Details nun historisch sind und welche nicht.
2 Saħîħ al-Bukhâriyy, kitâbu sujûdi l-qur°ân, Hadith Nr. 1021.
3 In Sure 2:78 steht die pluralisierte Nominalform amâniyy, nach einigen bedeutet es hier „Rezitationen“, was jedoch offensichtlich eine recht abwegig scheinende Vermutung ist, der so wenig vertraut wird, dass sich keine der vielen deutschen Koranübersetzungen auf sie verlässt.
4 Als °âyât („Zeichen“) werden im Koran häufig Koranverse bezeichnet.
5 Dass im Gebet solch ein Rezitationsfehler das eine oder andere Mal beim Gesandten vorkam, ist sogar relativ gut verbürgt. Laut den ħasan-Überlieferungen (Albâniyy) in Musnad Aħmad, Hadith Nr. 15558 und MuSannaf Ibn Abî Shaybah, Hadith Nr. 34 geriet der Gesandte Gottes (s) beim Rezitieren der rûm-Sure durcheinander. Nach dem Gebet sagte er: „Der Grund, warum der Satan mir das Lesen (aus dem Gedächtnis) durcheinandergebracht hat, sind Leute, die ohne Waschung zum Gebet kommen. Wenn ihr darum zum Gebet kommt, führt vorher die Gebetswaschung so gut wie möglich aus.“

Die unveränderlichen Worte Gottes

Wie kann der Koran davon ausgehen, dass frühere Offenbarungsschriften von Menschenhand verändert wurden1 und zugleich sagen, Gottes Worte könnten nicht verändert werden (18:27)?

Das Wort „können“ kommt dort nicht vor. Es heißt lediglich, dass es nichts gibt, was die Worte Gottes verändert. Jedenfalls wäre hier ohnehin kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Wenn der Koran „Worte“ oder „Rede“ im ganz allgemeinen Sinne meint, benutzt er das Wort kalâm. In dem zur Diskussion gestellten Vers lässt er jedoch kalimât („Wörter“) zum Einsatz kommen (sg. kalimah). Dieses Wort kommt in dieser Pluralform an 14 Stellen des Koran vor, und an den jeweiligen Textzusammenhängen lässt sich sehen, dass er nicht immer, wenn nicht gar an den wenigsten Stellen Offenbarungsworte allgemein meint, sondern die Schöpfungsbefehle (die in der Tat nicht abgeändert werden) oder an anderen Stellen die Verheißungen Gottes. Der relevante Satz in 18:27 kommt im arabischen Original an mehreren anderen Stellen in ähnlicher Form und gleichem Vokabular vor2 und meint, wie sich leicht an den Kontexten erkennen lässt, die Verheißungen Gottes, die in dem Sinne nicht verändert werden, als dass sie sich auf jeden Fall erfüllen und nicht zurückgenommen werden (vgl. 50:29). Aufgrund dieser großen Ähnlichkeiten kann man ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass auch in Sure 18:27 die zuletzt genannte Bedeutung gemeint ist.
  • Worte muss man nicht mit der Tinte, den Schriftzügen oder dem Papier, auf dem sie geschrieben sind, identifizieren, sondern als das Immaterielle betrachten, dass von den genannten Dingen lediglich repräsentiert wird. Tinte, Schriftzüge oder Papier mögen sich ändern, doch das Wort Gottes verändert sich dadurch nicht, sondern wird durch Fälschungen allenfalls „verdeckt“.
1 Siehe Suren 2:75, 2:79, 3:78. Aber auch schon die Tatsache, dass der Koran in nicht wenigen Details von der Bibel abweicht, lässt diesen Schluss zu.
2 Suren 6:34, 6:115, 10:46, 50:29

Macht Gott Erfahrungen, von denen Er Seine Handlungen abhängen lässt?

Wie kann nach 17:59 Gott sich von einer Handlung aufgrund des Verhaltens früherer Völker zurückhalten? Würde dies nicht bedeuten, dass die Handlungen Gottes von Erfahrung beeinflusst werden können und aufgrund eines solchen „Dazulernens“ das Wissen Gottes als unvollkommen anzusehen wäre?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

Schon die im Vers erwähnte „Abhaltung“ an sich ist zweifellos metaphorisch gemeint. Auch für eine naive Person ist klar: Ein bloßes Ereignis oder Faktum kann niemanden im wörtlichen Sinne und von sich aus abhalten, und den Allschöpfer erst recht nicht, den ja überhaupt nichts von irgendetwas abzuhalten imstande ist.

Das Naheliegendste ist, dass der betreffende Satz die alternative, allgemeinverständliche Formulierung eines von Gott festgelegten humanhistorialen Naturgesetzes bzw. göttlichen Usus darstellt.

Ein solches Naturgesetz kann beispielsweise lauten, dass ab einer bestimmten Anzahl von historischen gleichartigen Verhaltensweisen von Menschen gegenüber einem bestimmten Ereignis (hier: Wunder) dieses ausbleibt oder hinausgezögert wird.

Der Satz kann aber auch die Formulierung der Manifestation eines Spezialfalls sein, der aus einem weit allgemeineren Naturgesetz resultiert, nämlich dem, dass in der Kommunikation zwischen Gott und einem Volk nie ein Signal vonseiten Gottes kommt, das nicht den Prinzipien der Weisheit entspricht oder Seiner Würdigkeit oder Gerechtigkeit widerspricht. In der Tat wäre zu fragen, ob es der Würde Gottes angemessen ist, wenn das Wunder immer wieder zur Lüge erklärt wird und es dennoch über Jahrtausende hinweg immer wieder eingesetzt wird.

Sehr wahrscheinlich ist, dass der Vers darauf anspielt, dass Gott {erh.} sich entschlossen hat, nie ein und dieselbe Sorte von Wunder zu zwei Völkern zweier verschiedener Epochen zu schicken, wenn das erste Volk das Wunder zur Lüge erklärt hat. (Natürlich wusste Er schon im Voraus, wer leugnen würde und darum wer welches Wunder nicht mehr zu sehen bekommt.) Dafür spricht:

  • Die Zuhörerschaft des Koran hat ja - besonders in Form des Ehrwürdigen Koran - gewaltige höhere Zeichen erhalten, was vom Koran auch bestätigt wird. Es können also nicht höhere Zeichen allgemein gemeint sein.
  • Der Einsatz des Bestimmtheitsartikels in bi al-°âyâti statt bi °âyatin passt dazu, dass bestimmte Zeichen gemeint sind, nämlich die typischerweise den damaligen Menschen aufgrund von Überlieferungen bekannten.
  • Der Ehrwürdige Koran erwähnt explizit, dass die Menschen (für deren Forderung der Vers als Antwort betrachtbar ist) verlangten, über den Koran hinaus Zeichen zu sehen, und zwar genau solche, wie sie die berühmten biblischen Gesandten bekamen.1
  • Das zweitmalige Zeigen ein und desselben Zeichens, aufgrund dessen Leugnung bereits zuvor ein Volk vernichtet worden ist, würde dem obengenannten ohne Zweifel existierenden, allgemeinen göttlichen Ususprinzip widersprechen, und zwar mindestens im Hinblick auf die Gerechtigkeit: Das zweite Volk hätte durch den geradezu die Reflexe bedienenden, den Verstand nicht sehr auf die Probe stellenden Lern- und Abschreckungseffekt einen Vorteil, den das frühere Volk nicht hatte. - Der Widerspruch besteht auch im Hinblick auf die Würdigkeit Gottes: Dieser ist es angemessener, wenn der Mensch durch Einsicht und Einsatz seines Abstraktionsvermögens ein Zeichen als von Gott kommend anerkennt.

Die Umsetzung eines von Gott festgelegten Naturgesetzes bedeutet nicht, dass er die realitäre Erfülltheit der Bedingungen des Gesetzes erst nach und nach in Erfahrung bringen müsste. Es genügt Seine Vorgabe an sich Selbst, ein bestimmtes Muster anzuwenden.

1 Siehe Suren 6:124, 28:48.

Für wen legen die Engel Fürsprache ein?

Laut 42:5 bitten die Engel für die Bewohner der Erde - zu denen ja auch Aufsässige und Verbrecher gehören - um Verzeihung, während sie in Sure 21:28 nur Fürsprache für den einlegen zu können scheinen, an dem Gott Wohlgefallen hat.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Der Ausdruck shafâ€ah (Fürbitte, Fürsprache) dürfte um einiges spezieller sein als nur allgemein um Verzeihung für eine gemischte Gruppe zu bitten. Die Fürbitte, auf die er sich bezieht, betrifft in der Regel eine spezielle Person oder dezidierte Gruppe unter den Erdbewohnern.
  • Darüber hinaus ist der Ausdruck zweidimensional - er kann die bloße Fürbitte bedeuten, oder aber die erfolgreiche Fürbitte bzw. die Entsprechung der Fürbitte. („... ihrer Fürbitte wird nicht entsprochen, außer...“)
  • Nicht völlig ausgeschlossen ist die Ansicht klassischer Erläuterungswerke, denen zufolge in 42:5 trotz der allgemeinen Formulierungen nur die Glaubenden unter den Erdbewohnern gemeint sind. In der Tat wäre dies eine eindrucksvolle Weise auszudrücken, welchen niedrigen Wert die Beachtung derjenigen hat, die sich von Gott abgewendet haben.
  • In Sure 21:28 könnte eine als selbstverständlich vorausgesetzte Auslassung vorliegen („nur die, für die Fürbitte zu leisten Er mit Wohlgefallen zulässt“).

Sinken Sterne?

In Sure 53:1 steht Übersetzungen zufolge: „Bei dem Stern, wenn er sinkt“, auch übersetzt mit „fällt“ oder „stürzt“. Widerspricht dies nicht dem modernen Weltbild, da nach heutigem Wissen Sterne weder auf die Erde stürzen noch ein Sternenuntergang auf eine Eigenbewegung des Sterns zurückzuführen ist?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Wenn ein Stern zu einem Schwarzen Loch implodiert, „fällt“ er durchaus in sich zusammen.
  • Auch, wenn er von einem außerhalb seiner selbst liegenden Schwerkraftzentrum stark angezogen wird, ist dies ein klares Fallen, zumal das irdische Fallen ebenfalls nur durch eine gravitative Anziehung ein solches ist.
  • Eigenbewegung oder nicht - die Formulierung der Frage selbst war genötigt, den Ausdruck „Untergang“ zu benutzen. Dies bestätigt, dass dies die beste Beschreibung für das subjektive Phänomen des Sternenuntergangs ist.
  • Womöglich weil sich der Koran dieser Subjektivität bewusst ist, benutzt er hier für das Wort „Stern“ statt kawkab den Ausdruck najm. Die dazugehörige Verbwurzel bedeutet „in Erscheinung treten“ und ist daher dafür geeignet, die bloße Projektion statt den Himmelskörper an sich zu meinen.
  • Das verwendete Verb hawâ bedeutet nicht nur „sinken“ oder „fallen“, sondern auch „wehen“, wie es auf den Wind bezogen wird. Ob dies mit dem als „Sternwind“ bekannten Phänomen in Zusammenhang zu bringen ist, sollte zumindest in Betracht gezogen werden.

Ist es unmöglich, Muslim zu werden?

In Sure 2:264 heißt es: „Gott leitet nicht das ungläubige Volk recht.“ Würde das nicht bedeuten, dass es unmöglich ist, vom Unglauben in den Islam zu wechseln?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Im Original wird das Wort kâfirîn benutzt. Dies bedeutet genauer übersetzt „Entkennende“, d.h. „Ablehnende der Wahrheit“ oder „(krass) Undankbare“. Es dürfte leicht einsehbar sein, dass kaum jemand direkt und übergangslos von der Ablehnung zur Akzeptanz wechselt. Vielmehr gibt es zuvor meist einen Zustand der Unentschlossenheit, der Sympathie oder der Aufgeschlossenheit. Der Vers schließt den Wechsel in diesen Zustand nicht aus, denn er stellt noch keine endgültige Rechtleitung dar. Ebenso schließt er nicht den Wechsel aus diesem Zustand zum Glauben aus, denn er ist kein Zustand der Entkennung,1
  • Der Ausdruck hudâ bzw. hidâyah, der hier mit „Rechtleitung“ übersetzt wurde, ist multidimensional. Er kann neutral irgendeine Führung meinen, und sei es auch nur teilweise oder gar zu etwas Schlechtem hin (vgl. Sure 22:4), kann aber auch dediziert die positive, volle und endgültige Rechtleitung meinen.
  • Er wird auch im Sinne von „(endgültigen) Erfolg verleihen“ verwendet (wie in den Suren 12:52, 26:62). Besonders aufschlussreich ist seine Verwendung in Sure 47:5.
1Aus praktischen Gründen muss dieser Zustand islamjuristisch dennoch als Entkennung gewertet werden.

Hat der Himmel Ränder?

In Sure 69:17 könnte man den Eindruck bekommen, der Himmel sei eine glockenartiges Gebilde, das auf der Erdscheibe liegt, denn in der Endzeit werden ihrzufolge die Engel an seinen „Rändern“ bzw. „Seiten“ sein.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Dem Zusammenhang ist zu entnehmen, dass dies nach der Zerspaltung bzw. Durchlöcherung des Himmels sein wird. Es liegt in der Natur der Sache, dass der Himmel infolgedessen viele Ränder haben wird. Das betreffende Wort °arjâ° passt im Arabischen mitunter am besten zur Brunnenwand, und zwar vom obersten Rand bis zum untersten Ende.1 Dies auf eine durchlöcherte Erdatmosphäre angewandt, ergibt sich, dass alles noch nicht Instabile bzw. Ausgedünnte von der Erdatmosphäre gemeint sein dürfte. Letzteres entspricht der Ansicht eines Teils der frühislamischen Kommentatoren.
  • Unter Berücksichtigung der Drehrichtung der Erde bzw. ihrer Achse lässt sich schon heute von den „Seiten“ der Erdatmosphäre reden.
1 Siehe lisân al-€arab zu rajâ.

Die Fehlentwicklungen vom Monotheismus zum Polytheismus

Moderne Historiker sagen, die Entwicklung habe sich in der Menschheitsgeschichte vom Polytheismus zum Monotheismus vollzogen. Der Koran scheint aber vom Umgekehrten auszugehen.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Die Aussage beruht nicht auf einer Erkenntnis, sondern auf einer ungesicherten Theorie, die nicht von allen Wissenschaftlern geteilt wird.
  • Der falsche Eindruck ist nicht allzu verwunderlich, zumal die Abneigung einer monotheistischen Religion wie derjenigen Abrahams (s) und Mohammeds (s) gegenüber Figuren und Reliquien den archäologischen Weg zu gesicherten Erkenntissen zu diesem Thema naturgemäß erschwert.
  • Es lassen sich dennoch viele Belege dafür anbringen, dass die (Fehl-)Entwicklungen sich zunächst vom Monotheismus im abrahamischen Sinne oder etwas diesem Nahekommendem zum Polytheismus vollzog (solange letzterer nicht einer Reform unterzogen wurde), z.B.:

    • Der Zoroastrismus der Spätantike hat erwiesenermaßen einen erheblich polytheistischeren Charakter als derjenige z.B. aus der Zeit Kyros' II.
    • Dem Buddhismus war zu Beginn jedglicher Bilder- oder Figurenkult um Buddha fremd. Stattdessen wurden abstrakte „Stupas“ erbaut, und dies auch nur zur Erinnerung an die Lehre Buddhas. Erst nach Beginn der Verbreitung des griechischen Hellenismus begann sich die Herstellung von Figuren durchzusetzen, die später auch einzeln angebetet wurden.
    • Obwohl Jesus (s) eine abrahamitisch-monotheistische Lehre vertrat, der zufolge nur der Allschöpfer angebetet werden darf, nahm das Christentum einen dem Polytheismus nahe kommenden Verlauf, in welchem auch Jesus und der Heilige Geist vergöttert werden, wenn auch nicht ohne den Versuch, dies mittels philosophischer Konstrukte mit dem Monotheismus zu vereinbaren.

Erhabenheit über Gemütszustände

Müsste uneingeschränkte Göttlichkeit nicht bedeuten, dass Gott erhaben über jegliche Gemütszustände ist, ganz gleich, wie und ob sie zustande gekommen sind? Dennoch ist von Liebe, Wohlgefallen und Zorn im Koran zu lesen.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Sprachliche Ausdrücke für bestimmte Gemütszustände sind in ästhetikbetonter Literatur typische Kandidaten für Metaphern. Ihre Bezeichnungen lassen sich meistens problemlos und dem sprachlich Üblichen nicht unentsprechend auf die Handlungen und Erscheinungen übertragen, von denen die betreffenden Zustände typischerweise begleitet werden. Dies zu berücksichtigen ist hier insofern relevant, da gerade der Ehrwürdige Koran unübersehbar Wert auf literarische Ästhetik legt.
  • Keine Redeweise ist besser geeignet, um eine Vielzahl von Assoziationen und Implikationen so knapp und effektiv zusammenzufassen. Anstatt langwierig, schwer zu merken und unaufweckend die Informationen aneinanderzureihen, ein Volk werde nach seinem Vergehen...

    1. in eine unangenehme Lage geraten (z.B. extreme Verarmung, vermehrt Unglücke, innere Konflikte, Schwierigkeiten, Verwahrlosung)
    2. ein längeres Andauern des Zeitraums der Verdichtung dieser Dinge ertragen müssen
    3. keine große Belohnung für das Erdulden dieses Zustands erwarten können (im Unterschied zu sonstigen Prüfungen), dafür weitere Erschwernisse oder ihre Verlängerung im Falle der mangelnden Duldsamkeit
    4. prinzipiell aber die Möglichkeit der Rückkehr zum alten Zustand haben
    5. für diese Rückkehr einen gewissen Aufwand leisten können oder müssen (mindestens passiv in Form guter Duldsamkeit)
    6. ohne die Neutralisierung des Anlasses keine nachhaltige Normalisierung erlangen, und selbst nach dieser Neutralisierung der Negativzustand möglicherweise noch eine Weile anhalten
    ... ist es der Weisheit Gottes würdig, all diese Bedeutungen einfach in der Aussage zusammenzufassen, dass Zorn von Ihm auf sie herabkomme. Denn aus der Sphäre der Geschöpfe ist bekannt, dass der Zürnende im Zeitraum des Zorns seine Wohltaten gegenüber dem Bezürnten verringert oder ihn von ihm Unangenehmes erfasst (1), Zorn sich in der Regel nicht plötzlich legt (2), jedoch auch nicht unbedingt ewig andauert (was sich auch daraus schließen lässt, dass es einen Unterschied zwischen den beiden koranischen Termini des Zorns und des Fluches geben muss) (4), wenn auch nach einem Aufwand, insb. im Sinne einer Besänftigung  (5) und Zorn häufig auch nach der Beseitigung des Anlasses noch etwas andauert (6). Nr. 3 lässt sich aus dem Koran schließen, bzw. daraus, dass solchen, denen gezürnt wird, kaum die gleichen Chancen und Vorteile genießen dürfen wie Geprüfte, denen nicht gezürnt wird.
  • Die Zuschreibung von „Liebe“, „Wohlgefallen“, „Zorn“ etc. ist ein hervorragendes rhetorisches Regulativ, um eventuellen Auffassungen entgegenzuwirken, die als unerwünschter Nebeneffekt der koranischen Lehre von der absoluten Unvergleichlichkeit Gottes Sein Wesen zur bloßen Dinglichkeit herabsetzen könnten (umgekehrt gibt es Regulativa, die naiv-personifizierenden und anthropomorphistischen Auffassungen entgegenwirken). Zugleich dient sie als erhabene wie intuitionsfreundliche Redeweise, hinter welcher komplexe oder transzendente Konzepte oder Realitäten stehen, für die jede andere Redeweise zu leistungsschwach oder kontraproduktiv wäre. Zu diesen Konzepten können gehören:

    • Das „Erschaffen“/„Verändern“/„Bestimmen“ und/oder die dazugehörige Entscheidung im Lichte ihrer Bezüge, Aspekte und Zusammenhänge. Damit wären die zur Diskussion stehenden Ausdrücke im Kern allesamt Synonyme für „Erschaffen“/„Verändern“/„Bestimmen“ und/oder die dazugehörige Entscheidung, und die Unterschiedlichkeit der den Gemütszuständen entlehnten Ausdrücke ginge lediglich auf die Unterschiedlichkeit der Aspekte und Bezüge des Erschaffens zurück. Es gibt mehr als eine Möglichkeit, wie sich solches konkret manifestieren kann, z.B.:

      • Die Erschaffung der betreffenden Gemütszustände in der Schöpfung bzw. einem Teil der Schöpfung (z.B. Engeln, Tieren oder rechtschaffenen Menschen) oder die Entscheidung hierzu.1
      • Die Erschaffung des Erlebens eines von außen kommenden Wohlgefallens oder einer ebensolchen Liebe in dem jeweiligen Subjekt, sowie der subjektiven Empfindung, dass dies vonseiten Gottes kommt.
    • Die Verleihung eines als „geliebt“, „bezürnt“ etc. gekennzeichneten  Status an einen Knecht und/oder die Verkündung dieses Status an die Engel.2
    • Die permanente Aussendung einer zum jeweiligen Begriff passenden, für das betreffende Geschöpf vor- oder nachteilhaften Art von Befehlen an die Engel.
    • Eine oder mehrere Kombinationen dieser Möglichkeiten.

Es wäre ohnehin außerdem theologisch und exegetisch zu prüfen, inwiefern  allen koranischen affirmativ-attributiven Bezugnahmen auf Gott im Kern ein einziges transzendentes Attribut zugrundeliegt, für das es weder im Arabischen noch in einer anderen Sprache der Erde eine direkte Bezeichnung gibt, und all jene attributiven Bezugnahmen mehr oder weniger gleich weit von jenem eigentlichen Attribut entfernt sind.

1 Dies und Ähnliches waren unter den Altvorderen (salaf) akzeptierte Auslegungen im Zusammenhang mit der „Liebe von Mir“ in Sure 20:39 (s. den Kommentar Tabariyys zu diesem Vers). Auch der folgende, im Saħîħ-Werk Muslims authentisch überlieferte Hadith beinhaltet das Übertragungskonzept ganz deutlich, denn ihm zufolge wird Gott am Tage der Auferstehung sagen: „Sohn Adams, ich war krank, doch du hast mich besucht.“ Der Angesprochene wundert sich und fragt: „Mein Herr, wie soll ich dich besuchen, obwohl Du der Herr der Welten bist?“ Darauf hin werde Gott sagen: „Weißt du denn nicht, dass mein Knecht So-und-so krank war? Weißt du denn nicht, dass wenn du ihn besucht hättest, Mich vorgefunden hättest?“ (Angeführt von Qushayriyy (gest. 465) in seinem Exegesewerk zu Sure 43:55). Vgl. auch das „Vergessen“ in 9:67, das anscheinend von 59:19 als die Verursachung des Sich-selbst-Vergessens von Frevlern wiedergegeben wird.
2 Dies würde zu dem authentischen Hadith passen, demzufolge Gott, wenn Er jemanden liebe, Gabriel rufe: „Gott liebt den So-und-so, so liebe auch du ihn“, worauf Gabriel ihn dann liebe. Dann werde den Bewohnern des Himmels zugerufen: „Gott liebt den So-und-so, so liebt auch ihr ihn“, worauf ihn die Bewohner des Himmels lieben, und die „Akzeptanz“ werde dann der betreffenden Person auf der Erde eingerichtet. (Bukhariyy,  kitâbu t-tawħîd, Hadith Nr. 7047)

Scheinbare Verursachung von Gemütszuständen

Wenn Gott als der völlig Unabhängige und Unbeeinflussbare von niemandem dazu gebracht werden kann, einen bestimmten Zustand zu haben, wie kann in 47:28 davon die Rede sein, dass Ihn etwas grollend mache (askhaTa), oder in 43:55 davon, dass Ihn die Leute Pharaos verdrossen hätten (âsafûnâ)? 

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Die Kausativform eignet sich als ein Element für die stärkstmögliche Kompression der Information, dass jemand eine Tat begangen habe, zu deren Kategorie in einem göttlichen Usus festgelegt ist, dass Gott sie zu begehen stets mit einer für den Täter nachteilhaften Reaktion beantwortet und Er letzteres auch getan oder nun zu tun entschieden habe.
  • Da die Kausativform für Zustandsveränderungen Gott betreffend im ganzen Koran wohl nur an den beiden1 diskutierten Stellen, Geschöpfe betreffend jedoch geradezu massenhaft2 eingesetzt wird und dies so verstanden werden kann, dass der Ehrwürdige Koran die mit ihm verbundene und in der Frage problematisierte Assoziation eher zu meiden bestrebt ist, liegt es nahe, dass mit seinem ausnahmsweisen Einsatz an den beiden Stellen die Erzeugung eines literarischen Effekts - der sich ohne die Seltenheit seines Einsatzes nicht einstellen würde - bezweckt wird. In der Tat trägt der so eingesetzte Kausativ mindestens in 43:55 dazu bei, dass diese Stelle besonders berührend bzw. bestürzend wirkt. Er lässt - bei korantypisch minimalem Einsatz von Wörtern - ahnen, dass die Schwere des zugrundeliegenden Unrechts eine unübertrefflich maximale ist und auch die letzten Grenzen des Fassbaren sprengt. D.h. das Unrecht ist so eklatant, dass, obwohl Gott (erh.) von nichts und niemandem auch nur im Entferntesten zu etwas veranlasst werden kann, es der Schwere des Unrechts angemessen ist, von diesem so zu reden, als veranlasse es Gott (erh.) doch zu einer „Reaktion“, wobei die Tatsache, dass diese Reaktion Teil der „Automatik“ eines göttlichen Usus wäre, den Einsatz dieses Stils zusätzlich legitimiert.
  • Hinter den betreffenden Verben könnte stehen, dass eine Schöpfung (z.B. der betreffende Prophet3) stellvertretend für Gott in den betreffenden Zustand versetzt wurde, und zwar eine Schöpfung, die von Gott dazu erwählt wurde, dass ihre Behandlung in der ethischen Bewertung und den Konsequenzen gleichbedeutend mit einer ebensolchen Behandlung Gottes sein soll, in Analogie zu dem entsprechenden, in den folgenden koranischen Sätzen enthaltenen Konzept:  Wer dem Gesandten gehorcht, der hat Gott gehorcht  Die dir die Treue geloben, geloben die Treue eigentlich Gott. Aufgrund der Maßgeblichkeit von Intentionen für die Werke von Menschen würde die Legitimität des Verbs mit seinem Kausativ in 43:55 noch erhöht werden, wenn damit auch gemeint ist, dass die betreffenden Unrechttäter trotz ihrer Zweifel an der Existenz des Herrn des Moses die Möglichkeit Seiner Existenz in Kauf nahmen, sich Ihn für den Fall Seiner tatsächlichen Existenz als gemütsbehaftet dachten und in ihrem Übermut und ihrer Überheblichkeit dazu neigten, durch ihr Verhalten an Ihm einen Gemütszustand der Verdrossenheit herbeizuführen.4
  • Passend wäre auch die Bedeutung, dass das Unrecht oder die Täter mit ihrem Verhalten Gott nach Seinem Maßstab und Usus berechtigten, die Täter mit einem von Grollenden oder Verdrossenen bekannten Verhalten zu behandeln.5
  • Es dürfte bei der Lektüre des Koran nicht zu übersehen sein, dass es zu seiner Lehre gehört, dass ein Geschöpf, wenn es bei einem anderen eine Zustandsveränderung bewirkt, der eigentliche Bewirkende hierbei der Schöpfer ist, und nicht das handelnde Geschöpf. Somit bewirken im Koran Geschöpfe nie die Wirkungen der ihnen sprachlich zugeschriebenen Handlungen, egal ob mit oder ohne Kausativ. Wenn dies in Bezug auf Geschöpfe der Fall ist, dann ist dies erst Recht in Bezug auf den Schöpfer der Fall. Wenn Groll eine bestimmte Kategorie von zu diesem Begriff passenden Handlungen ist, bedeutet demnach 47:28, dass nicht die betreffende Sache den Groll bewirkt hat, sondern Gott selbst. (Derweil ist dieser Groll kein Gemütszustand im menschlichen Sinne, sondern eine Handlung oder Handlungskette, oder etwas anderes von den weiter oben erwähnten Möglichkeiten.)
1 Eine dritte Stelle in Sure 9:62 wird hier nicht mitgezählt, da das betreffende Verb dort lediglich im hypothetisierenden Subjunktiv steht und zudem sein Kausativ wohl der Wahrung der stilistischen Konsistenz mit ليرضوكم geschuldet ist. - Desweiteren ließe sich Sure 33:57 in die Diskussion einbeziehen, zumal dort von der „Zufügung von Unbill“ die Rede ist. Dies wird allerdings dadurch relativiert, dass der Ausdruck erstens quasi im Bedingungsteil eines Konditionalgefüges steht und zweitens für die Ausdrucksweise die Bezugnahme auf die reine Absicht - ohne ihre realitäre Manifestation - genügt (vgl. Sure 3:21).
2 Suren 9:8, 9:62, 16:27, 20:58, 58:19, 59:19 u.v.m.
3 Nach dem Verfassen dieses Punktes so in den Exegesewerken des Mâwardiyy (gest. 450 n.H.) und des Fairuzabadiy (gest. 817 n.H.) zu Sure 43:55 gefunden, auf Moses (s) bezogen. Die gleiche Meinung, allerdings auf die Gesandten Gottes allgemein statt nur Moses (s) bezogen, vertrat in seinem Kommentarwerk auch Al-'Izz b. Abdissalâm, der als einer der Hauptgelehrten des Islam angesehen wird.
4 Ebd.
5 Ähnlich Samarqandiyy (gest. 375 n.H.) in seinem Exegesewerk zu 43:55

Was am Menschen erblindet

Sure 22:46 sagt, dass Augen nicht erblinden, doch laut 47:23 habe Gott die Augen gewisser Leute blind gemacht.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Sure 22:46 stellt die Augen dem Herzen gegenüber und somit eindeutig etwas Äußeres dem Inneren, und somit wiederum sind hier die äußeren Augen gemeint. In 47:23 ist offensichtlich das innere Auge gemeint. Es ist eindeutig zu erkennen, dass hier nicht von der äußeren, optischen Erblindung die Rede ist, sondern von der inneren, spirituellen Erblindung.
  • Das Wort  baSar kann sowohl 1.) „Auge(n)“ als auch 2.) „Sehen“ bzw. „Sehsinn“ bzw. „Sehkraft“ bedeuten. Zu 22:46 passt die erstgenannte Bedeutung, zu 47:23 die zweitgenannte, solange sie das spirituelle und/oder rationale Sehen einschließt.

Wo im Menschen ist das Wissen?

Wissen wird nach der modernen neurologischen Auffassung im Kopf bzw. im Gehirn gespeichert. Wie kann es dann in Sure 29:49 über das offenbarte Sendschreiben dann heißen:  Doch sind es deutliche Zeichen in den Brustkörben derjenigen, denen das Wissen gegeben worden ist?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Wenn man weiß, dass im koranischen (17:51), wenn nicht gar im gewöhnlichen damaligen Arabisch, die Redewendung „im Brustkorb“ die Bedeutung „in der Auffassung“ besitzt, und man die Suren 17:107, 22:54 und 34:6 als inhaltliche Parallelen hinzuzieht, wird deutlich, dass der Vers hier nicht unbedingt darauf  hinaus möchte, dass der Koran in der Brust gespeichert wird, sondern, dass die Inhaber des Wissens den Ehrwürdigen Koran als Wahrheit erkennen und dies zu ihrer Auffassung wird - unabhängig davon, ob sie seinen Text auswendig können. Unterstützt wird dies durch die Formulierung des Verses selbst, welche nicht ist, er sei deutliche Zeichen in der Brust derjenigen, die ihn auswendig können, sondern derjenigen, denen das - anscheinend hier mit dem Koran eben nicht identische - Wissen gegeben worden sei.1
  • Da es also in erster Linie um Erkennen und nicht um Wissen gehen dürfte (auch wenn auf dieses als dorthin führend angespielt wird), besteht sogar die Möglichkeit, dass selbst das wörtliche Verständnis unproblematisch ist. Denn letztgültige Erkenntnis (im Sinne der ethisch relevanten, willentlichen Annahme des Ergebnisses eines hirnbasierten Denkprozesses) gehört zum Aufgabenbereich des nonkardialen Herzens, welches wahrscheinlich in der Brust verortet oder verortungsäquivalent mit der Brust verknüpft ist.2
  • Die Deutlichkeit von Beweisen kann sich durchaus in einem speziellen Brustgefühl niederschlagen. Dies stünde im Einklang mit Studien, welche die Sensibilität des Gefühlszustandes nicht zuletzt im Brustbereich thematisieren,2 aber auch mit Stellen im Koran wie Sure 6:125 oder 39:22.

Für die vorangegangenen Punkte ist es nützlich zu wissen, dass der Satzbau völlig unproblematisch die folgende Übersetzungsform zulässt, wenn nicht sogar fordert: „Er besteht aus Zeichen, die in den Brustkörben der Wissensinhaber deutlich[e Beweise] sind.“ - Darauf aufbauend: Der Koran besteht aus Zeichen, die sich in den persönlichen Feststellungen oder im Brustgefühl der Wissensinhaber als deutlich erweisen. - Desweiteren:

  • Beim Rezitieren des Ehrwürdigen Koran breiten sich die Schallwellen insbesondere in Lunge und Brust aus.3
  • Falls doch das Auswendigkönnen gemeint ist, so war diese Redeweise die damals zum Kommunizieren dieser Bedeutung diejenige, die der Eindeutigkeit und Zweckmäßigkeit am nächsten kam. Die Verortung des auswendiggelernten Wissens in jedem anderen Körperteil einschließlich des Kopfes wäre kommunikationstheoretisch zunächst völlig inhaltsleer gewesen.
  • Der Speicherort des Langzeitgedächtnisses ist entgegen früherer Auffassungen nicht der Hippocampus, sondern nach der neueren Forschung die Großhirnrinde.4 Falls zukünftige Studien nachweisen sollten, dass im Falle von Texten der Speicherort vornehmlich in der vorderen Hälfte dieses cortex cerebri liegt, lässt sich dies mit der ursprünglichen linguistischen Bedeutung2 von  Şadr, das hier mit „Brustkorb“ übersetzt ist, in Verbindung bringen, nämlich „obere Vorderseite“, als welche beim Menschen sein Stirn- und vorderer Schädelbereich angesehen werden kann.
  • Der Vers verneint nicht, dass Informationen im Gehirn gespeichert werden. Der Koran kann ein speziellen Fall darstellen, in welchem er zusätzlich auf einer transzendenten Ebene mit dem Brustbereich verknüpft ist.5
1 Dass früheste Koranexegeten wie Qatadah und Muqatil in dem Vers „er“ statt „es“ verstanden und darin nicht den Koran, sondern den Propheten sahen, legt nahe, wie sprachlich selbstverständlich und mit der hier angegebenen Bedeutung übereinstimmend schon damals die unwörtliche Verwendung des Ausdrucks „in den Brustkörben“ war. Siehe auch Samarqandiy (gest 375 n.H.) und die Präposition „für“ in seinem Erläuterungswerk zu dem Vers: „[Der Vers bedeutet,] es sei für die Leute des Wissens eine Gewissheit, dass er ein Prophet ist.“
2 Siehe dazu den Lichtwort-Artikel Terminologie des Herzens.
3 Walter Wagner in  „Stimmveränderung“ aus „Didaktik der Chemie“, Universität Bayreuth (Letzter Abruf: Februar 2016).
4 Langzeitgedächtnis in der Hirnrinde, Max-Planck-Gesellschaft (Letzter Abruf: Februar 2016)
5 Ein als authentisch überliefertes Prophetenwort schildert ein Traumgesicht des Gesandten   (s)), in welchem jemandem, der den Koran nimmt (lernt), dann jedoch fallenlässt (ihn nicht mehr rezitiert bzw. nach ihm handelt), und außerdem das Gebet verschläft, wie zur Strafe mit einem Stein nicht die Brust, sondern der Kopf zerschmettert wird.  (Saħîħ al-Bukhâriyy, kitâb at-tahajjud, Hadith Nr. 1092)

Das Zeitalter der Thamud

Dem Koran lässt sich klar entnehmen, dass das durch ein göttliches Strafgericht untergegangene Volk der Thamud, das Gebäude in Berge gemeißelt habe und zu welchem der Prophet Saleh als Warner entsandt wurde, vor Moses und somit sicher vor mehr als 3200 Jahren gelebt habe. Die aus Felsen gemeißelten architektonischen Werke in Petra und den Mada'in Saleh in Saudi-Arabien sind jedoch Leistungen der Nabatäer, die nach heutigem Forschungsstand (und auch am Stil erkennbar) viel später entstanden, nämlich vor nur ungefähr 2000 Jahren.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

Es ist fraglich, ob sich aus dem Ehrwürdigen Koran direkt die genaue Region schließen lässt, in welcher die Thamud lebten.1 Da die Arabische Halbinsel und ihre Umgebungsregion viele mittlerweile „untergegangene“ Kulturen beherbergte, kommen viele Völker für die Identifikation mit den Thamud in Frage, ganz abgesehen von bisher noch nicht entdeckten oder noch nicht eindeutig von anderen abgegrenzten Völkern. Die Felsbearbeitungen der Nabatäer mögen die eindrucksvollsten bisher entdeckten dieser Art sein, sind aber ansonsten kein Alleinstellungsmerkmal dieses Volkes, an verschiedenen Orten der Erde lassen sich noch heute ganze Felsstädte bewundern, die in Berge u.ä. gemeißelt wurden, wenngleich nichts davon als Werke der Thamud ernsthaft in Frage zu kommen scheint.2 Dass die Entdeckung derartiger Werke als Kandidaten für Stätten Thamuds bisher noch nicht bekanntgegeben wurde, kann gleichwohl verschiedene Gründe haben:

  • Die für sie typischen Felsaushöhlungen, gleich ob im wahrscheinlicheren Südarabien oder in der nördlichen Region der Mada'in Saleh selbst gelegen, können durch Erd- und Sandmassen oder Anderes im Laufe der Jahrtausende zugedeckt worden sein. Gerade Bauwerke in der Wüste sind für diese Art des Verschwindens anfällig, besonders, wenn sie in Bodennähe entstanden wie z.B. der ägyptische Tempel von Abu Simbel, der - ebenfalls eine Felsbearbeitung -  vor seiner Entdeckung von Sandmassen verdeckt war.
  • Falls die Hypothese zutrifft, dass das Volk durch einen Vulkanausbruch unterging,3 ist es möglich, dass Lavamassen (wie jene, aus denen die bekannten weitreichenden Lavafelder Arabiens bestehen) und anderes vulkanisches Material die Entdeckung der Aushöhlungen erschweren.
  • Gewisse koranische Formulierungen deuten auf ein Erdbeben hin. Von der georgischen Höhlenstadt Wardsia ist bekannt, dass nach einem Erdbeben über 90 % der Felswohnungen zerstört wurden.
  • Sure 91:14 scheint von Einebnung zu sprechen. Geologisch interpretiert kann dies ebenfalls zur Erklärung beitragen.
  • Nicht völlig ausgeschlossen ist, dass die Nabatäer und andere Kulturen mit den Relikten in Mada'in Saleh und andernorts lediglich Werke der Thamudäer übernahmen und sie so erweiterten, vertieften und ihnen ihren Stil aufprägten, dass die allermeisten Hinweise auf die thamudäische Urheberschaft nicht mehr sichtbar sind.4 Da die archäologische Forschung auf der Arabischen Halbinsel u.a. aufgrund der lange Zeit restriktiven Regularien Saudi-Arabiens bisher recht dürftig waren, warten Resthinweise auf eine solche Urheberschaft womöglich noch auf ihre Entdeckung.

Es ließe sich angesichts von Sure 27:52 einwenden, dass der Ehrwürdige Koran scheinbar davon ausgeht, dass die Felsbauten der Thamud noch zu sehen sind. Aber:

  • Es lässt sich der Stelle nicht entnehmen, dass sie die Aushöhlungswerke meint, es können ihre Wohnstätten gemeint sein, und umgekehrt.
  • Und auch, wenn es so wäre, so hat sich zeigen lassen, dass die Werke der Nabatäer einer ursprünglichen Urheberschaft der Thamud nicht unbedingt entgegenstehen.
  • Formulierungen wie „Das sind...“ müssen nicht unbedingt eine visuelle Sichtbarkeit für jedermann implizieren (vgl. 11:59), vielmehr kann Gottes Wissen und Sehen gemeint sein oder es an Sucher oder spätere Generationen gerichtet sein. Auch der umgekehrte Fall ist denkbar, nämlich dass die ersten Adressaten des Koran mehr von den Relikten sahen und kannten als wir heutzutage, insbesondere in der Umgebung Mekkas.

1 Die nachträgliche Benennung „Mada'in Saleh“ ist in etwa so irrelevant wie die Zuordnung gewisser populärer Gräber zu bestimmten Propheten, wie z.B. das Danielgrab, als welches Gräber in Kirkuk, Mosul, im iranischen Susa und sogar im ägyptischen Alexandria bezeichnet werden. - Die in Sure 15:80 erwähnten Leute von Hegra - wenn mit al-ħijr überhaupt Hegra gemeint ist - können derweil eine Generation der Lihyaniten sein, die ebenfalls Hegra bewohnten und lange vor der Zeitenwende von der Bildfläche verschwanden. Auch ihnen werden Aushöhlungswerke in Bergen und Felsen zugeordnet.
Was die als authentisch klassifizierten, auf Abdullâh ibn Umar im Ṣaħîħ-Werk Bukhâriys zurückgeführten Hadithe betrifft, denen zufolge al-ħijr auf dem Feldzug nach Tabuk eine Zwischenstation war, und die diese Gegend mit Thamud in Verbindung bringen, so wird diese Verbindung in den darin aufgeführten Prophetenzitaten nicht erwähnt und kann eine nachträgliche Interpretation des Überlieferers sein. Auch scheinen sie sich teilweise zu widersprechen. Ibn Hajar von Askalon schreibt in seinem Bukhariy-Kommentar: „Es wird noch folgen, dass er, Gott segne ihn fürsorglich und umgebe ihn mit heilvollem Frieden, dort überhaupt nicht Rast gehalten hat. [...] ‚Sodann verhüllte er seinen Kopf und ritt schnell weiter, bis er durch die Tiefebene ganz hindurchgeritten war.’ Dies zeigt, dass er weder abstieg noch dort betete, ganz so, wie Aliy es am Untergangsort Babels (später) tat.“ - Ibn Hajar geht nicht darauf ein, dass es im anderen, im selben Werk überlieferten Bukhariy-Hadith, ebenfalls von Ibn Umar überliefert, hingegen heißt: „Als der Gesandte Gottes (s) auf dem Tabuk-Feldzug in al-ħijr abstieg, befahl er ihnen, nicht aus seinem Brunnen zu trinken...“ - Hinzu kommt, dass der Ort dann bestenfalls im Norden, zwischen Medina und Tabuk, zu suchen wäre und dieser durchaus in der Gegend der Mada'in Salih zu finden sein könnte, doch von einer präzisen Lokalisierung oder gar einer zuverlässigen Identifikation mit den Mada'in Salih wäre er nach wie vor weit entfernt.
2 Andererseits mögen die Thamud zwar hauptsächlich eine Region auf oder in nächster Nähe der Arabischen Halbinsel besiedelt haben, worauf der arabisch scheinende Name ihres Propheten hinzuweisen scheint, doch es ist nicht völlig auszuschließen, dass die Berge, in welche sie Behausungen meißelten (nichts weist darauf hin, dass sie sie bewohnten), sich in ganz anderen Regionen befinden. Von den Aushöhlungen im türkischen Derinkuyu ist beispielsweise nicht genau bekannt, welche Kultur sie ursprünglich initiierte. In Betracht gezogen werden u.a. die Hethiter und Erstaushöhlungen schon vor 4000 Jahren.
3 https://www.britannica.com/topic/Thamud
4 Von den Aushöhlungen in Derinkuyu wird durchaus angenommen, dass trotz der eindeutig späten Bearbeitungen die Höhlensysteme teils viel älter sind und lediglich übernommen und erweitert wurden.

Brauchen oder nicht brauchen?

Wenn Gott Sich selbst genügt, braucht Er sich selbst?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • „Der Sich selbst Genügende“ ist eine fragwürdige Übersetzung für al-ghaniyy. Eine bessere Übersetzung lautet: „Der Unbedürftige“
  • Die Frage, ob Gott (erh.) Sich selbst brauche, ist in dieser Formulierung eine sprachliche Falle. Wenn Gott irgendetwas bräuchte, wäre seine Unabhängigkeit und Unbedürftigkeit unvollkommen, jedoch sind alle seine Wesenseigenschaften vollkommen. Also müsste man unter diesem Aspekt die Frage verneinen. - Andererseits könnte jemand einwenden, ohne Sein eigenes Wesen wäre die Existenz Gottes undenkbar, so dass man unter diesem Aspekt die Frage bejahen müsste. In Wirklichkeit aber sind wir es, welche sprachlich den Bezug auf das Wesen Gottes als Voraussetzung brauchen, um seine Existenz nicht in Frage stellen zu müssen. Dennoch ist nach unseren Sprachgewohnheiten die Frage so formulierbar.

Fazit: Die Frage in dieser Formulierung zu belassen, ist unmoralisch, und wegen der drohenden falschen Assoziationen ist wohl ebenso unmoralisch, sie schon vor der Umformulierung zu bejahen oder zu verneinen.

Die Schwäche von Spinnennetzen

In Sure 29, Vers 41 steht, dass das schwächste aller Häuser gewiß das Haus der Spinne sei... nun, Spinnen-Seide ist extrem robust, auch die Spinnennetze sind durabel genug, ganzen Winden entgegenzuwirken und nicht zu reißen.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Es ist ein Unterschied, ob gesagt wird, das Spinnennetz sei das schwächste aller Behausungen, oder ob gesagt wird, Spinnenseide sei das schwächste aller Materialien. Letzteres sagt der Vers eben nicht.
  • Die Schwäche eines Spinnennetzes ist ihm offensichtlich in vielerlei Hinsicht zueigen: Licht- und Luftdurchlässigkeit, Gewicht, Beweglichkeit...
  • Alle Eigenschaften, die im Ausmaß variieren können (groß, klein, lang, kurz, breit, schmal etc.), sind relative Eigenschaften, so auch die der Schwäche. Ein Spinnennetz ist insgesamt betrachtet nunmal schwächer als alle anderen Häuser. Während man auf dem Dach eines von Menschen gebauten Hauses spazieren kann, wird das Spinnennetz schon beim ersten Tritt mit dem Fuß zerstört. Spinnen müssen ihre Netze ständig neu weben, weil diese häufig durch vorbeilaufende Tiere, hindurchfliegende Vögel, herabfallende Früchte oder Äste zerstört  oder durch sich anklebenden Staub und Pollen unbrauchbar gemacht werden. Sie können sich also nicht auf sie verlassen, und so ist es mit den in der betreffenden Passage erwähnten Beigesellern, die Gott Teilhaber beigesellen: Sie können sich auf ihre Teilhaber nicht verlassen.

Im Übrigen: Womöglich lässt sich der Vers zusätzlich gerade als Anspielung auf die Stärke von Spinnenseide verstehen. Ein Konstrukt ist als schwächste Behausung eines organischen Lebewesens überhaupt nur denkbar, wenn das Baumaterial  stark genug ist, es trotz extremer Feinheit wenigstens für die „Bewohnung“ durch dieses eine Lebewesen stabil genug zu halten.

Dauer der Entstehung des Universums

Heute ist sich die Kosmologie sicher, dass die ersten Sterne ca. 400 Millionen Jahre nach dem Urknall entstanden. Dem Koran zufolge dauerte die Schöpfung des Universums einschließlich der Erde sechs Tage.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Wenn im Koran andere Tage erwähnt und diese explizit als 1.000 und 50.000 Jahre umfassend angegeben werden,1 die Entstehungstage nicht als Erdentage bezeichnet werden und schon von den Planeten unseres Sonnensystems bekannt ist, dass ihre Tage teils völlig unterschiedliche Längen haben (Erde 24 Stunden, Jupiter ca. 10 Stunden, Venus fast zwei Monate), gibt es ohne Weiteres keine ernstzunehmende Möglichkeit, die sechs Schöpfungstage als auf 24-Stunden-Abschnitte begrenzt und als etwas anderes als Entstehungsphasen anzusehen. Der nach Ibn Abbâs berühmteste Koranexeget der Altvorderen und einer ihrer frühesten, Mujâhid ibn Jabr, sah in den Tagen denn auch viel gewaltigere Zeitspannen, obgleich er sie mit der Ansicht, es handele sich um Jahrtausende, dennoch unterschätzte.
  • Sure 50:38-39 ermutigt den Gesandten (s) zur Geduld, indem sie ihn an die sechs Tage, welche die Entstehung des Universums gedauert habe, erinnert: Und wahrlich, erschaffen haben Wir die Himmel und die Erde, sowie das, was zwischen ihnen ist, in sechs Tagen, und es berührte Uns keinerlei Mattigkeit. Sei also duldsam mit dem, was sie zu sagen pflegen. Subtextuell lautet das Argument: Auch wenn die Erlösung auf sich warten lässt, so dauerte es ja auch lange , bis das Universum in seiner jetzigen Form entstanden war. Nun ist es sehr sicher, dass er (s) zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren die Repressalien der Mekkaner geduldig ertrug. Diesen und den noch kommenden langen Jahren sechs Tage gegenüberzustellen, wird kaum dem Zweck der Verse entsprechen, wenn sie nicht wenigstens zusammengenommen eine erheblich längere Zeitspanne darstellen als die, welche sich Mohammed (s) zu gedulden hatte - idealerweise sind sie eine Zeitspanne, der gegenüber die Jahre in Mekka als verschwindend gering erscheinen. Diese Schlussfolgerung lässt sich mit Sure 70:4-5 untermauern, die ebenfalls zu Duldsamkeit anhält, ebenfalls mit einem also (fa), und ebenfalls direkt im Anschluss an die Erwähnung einer Zeitspanne - hier aber eine, deren Gewaltigkeit unübersehbar ist: an einem Tag, dessen Ausmaß fünfzigtausend Jahre sind. Sei also in schöner Weise duldsam.
1 Suren 29:14, 32:5

Der Begriff der Täglichkeit in Bezug auf Gott

Wie ist es zu verstehen, wenn Gott nach Sure 55:29 jeden Tag mit einer Angelegenheit befasst ist, wo Er doch erhaben über Raum und Zeit ist?

Vorab: Dieser Vers kann als Hinweis dafür verstanden werden, dass auch sehr kleine Zeitspannen im Zusammenhang mit der Aktivität Gottes „Tage“ genannt werden können, denn auch für den einfachen Geist ist es selbstverständlich, dass Gott (erh.) mehr als nur eine Angelegenheit eines Erdentages zu behandeln imstande ist.1 Andererseits kann „Angelegenheit“ hier auch Pluralbedeutung haben.2

Ansonsten ist hiermit kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Auch wenn das Wesen Gottes über Zeitlichkeit erhaben ist, lässt sich von einer „zeitlosen Zeit“ reden, d.h. es lässt sich zwischen einem physikalischen und einem nicht-physikalischen Begriff der Zeit unterscheiden, indem die maximal mögliche Abstraktion von Zeit bedacht wird.3 „Jeder Tag“ wäre dann diese eine „Zeit“. Die Frage nach dem Sinn der Formulierung „jeden Tag“, wenn es nur einen Tag gibt, noch dazu einen, der nicht einmal eine physikalische Zeitspanne ist, ließe sich damit beantworten, dass sie auf dem Wege der reinen Assoziationswirkung zu sagen geeignet ist, dass sich dem ewigen Schöpfer keine Untätigkeit zuschreiben lasse.
  • Falls eher Zeitspannen dieser Welt gemeint sind, ist dies wenig problematisch. In diesem Fall enthält der Vers eine wichtige Lehre, welche deistisch-deterministischen Tendenzen entgegentritt, denen zufolge beispielsweise Gott den Kosmos bloß wie ein aufziehbares Uhrwerk angelegt habe, das jetzt von alleine laufe, so dass kein Ereignis im Universum mehr direkt von Gottes Wirken betroffen sei. Demgegenüber lässt sich in dem Vers die Aussage sehen, dass es keine noch so kleine Zeitspanne in der Existenz des Universums gebe, in der sich nicht etwas vom schöpferischen und lenkenden Wirken Gottes manifestiere. Dies geht konform mit dem aktuellen Stand der modernen Naturwissenschaft, welche auf der klassischen, newtonschen Physik aufbauende deterministisch-mechanistische Ansichten mittlerweile aufgegeben hat.
    Dass dem Anschein nach der Wortlaut Gott (erh.) in die Täglichkeit einbezieht, dürfte in dem Fall etwas damit zu tun haben, dass Sein Wirken nunmal in der Zeit „ankommt“ und eine rhetorische Uneigentlichkeit vorliegt, die sich an der Sichtweise der innerhalb der Zeit befindlichen Geschöpfe orientiert und mit Aussagen zu vergleichen wäre wie: „Bei uns geht die Sonne im Meer unter“, oder (man beachte den Dativ:) „Auf dem Mond scheint kein Mond, auf der Erde schon.“
    Dem entsprechend, und angesichts der im Jederbegriff naturgemäß enthaltenen Negationen („jeder ist“ = „es ist keiner, der nicht“) lässt sich der Satz folgendermaßen lesen: „Es gibt keinen (Erden-)Tag, an dem (gesagt werden könnte, dass) Er untätig ist.“
  • Sätze in menschlichen Sprachen - mit dem Arabischen setzt das Wort Gottes eine solche ja ein -  haben immer einen scheinbaren zeitlichen Bezug. Darum beinhalten auch nicht-zeitbezogene Universalaussagen häufig Elemente wie „immer“ oder „niemals“,4 obwohl diese ursprünglich zu zeitbezogenen Konzepten gehören. Wenn das Wort „niemals“ zeitunabhängig verwendet werden kann, warum dann nicht auch sein Synonym „zu keiner Zeit“, und wenn letzteres, warum dann nicht auch „an keinem Tag“?
  • Der Rezitationsstopp könnte auch so gesetzt werden, dass zu lesen wäre: „Es bittet Ihn, wer im Universum ist, jeden Tag. Er ist mit (einer (großen)5) Angelegenheit[en] befasst.“ - Für die Bevorzugung dieses Stopps gegenüber demjenigen, der sich eingebürgert hat, spricht der arabische Satzbau.6
1 Ibn Âshûr deutete den „Tag“ dementsprechend als Moment bzw. Augenblick.
2 Vgl. Sure 24:62
3 In einer ersten Abstraktionsstufe wäre ein allgemeinerer als der Begriff der physikalischen Zeit der Begriff einer Zeit als Raum i.S. der Möglichkeit der Existenz kontingenter Entitäten. In einer zweiten Abstraktionsstufe lässt sich der Begriff von einer Zeit als Möglichkeit der Existenz einer Entität überhaupt bilden. Wie in jeder logischen Notwendigkeit ist in der Notwendigkeit der Existenz Gottes die Möglichkeit dieser Existenz inbegriffen (sie ist ja offensichtlich nicht unmöglich). Damit liegt Zeit im Sinne eines Zeitbegriffes der höchsten Abstraktionsstufe vor - diese ist lediglich kein umgebendes Kontinuum.
(Es ist allerdings aufgrund der Gefahr der Missverständlichkeit davor zu warnen, in der Alltagssprache Gott nur deswegen „Zeitlichkeit“ zuzuschreiben.)
4 ... wie sogar in dem ersten Satz desselben Abschnitt. Weitere Beispiele: „Eine Eigenschaft ist nie eine Substanz.“ „Eine Gottheit ist immer etwas Unerschaffenes.“ „Eine Primzahl größer Zwei ist immer eine ungerade Zahl.“ etc.
5 Der Begriff des sha°n geht im Arabischen über den Begriff des °amr hinaus und mit dem Konnotat der Gewichtigkeit und Größe einher.
6 Mit der anderen Stoppweise in diesem Vers würde ein Satz direkt mit kulla als Umstandsangabe beginnen. Dies kommt im übrigen Koran außer in konjunktionalen kullamâ-Konstrukten nicht vor, und allgemein wirkt im Arabischen ein solcher Satzbau stilistisch fragwürdig, sofern nicht gerade eine außergewöhnliche Betonung beabsichtigt ist (für welche hier im Umtext kein Anlass sichtbar ist). An allen sonstigen betreffenden Koranstellen geht dementsprechend irgendein Satzglied dem kulla bzw. fî kulli (äquivalent zu kulla) voraus.

„Gehenna“ und „Mâlik“

Der Name des nachweltlichen Ortes der ewigen Bestrafung der Frevler lautet im arabischen Original des Koran jahannam, was sich sehr nach dem hebräischen gehinnom anhört. Letzteres war ursprünglich, wie sich durch Bibelstellen nachzeichnen lässt, aber ein Tal in der Nähe Jerusalems, in welchem dem Götzen Moloch menschliche Brandopfer dargebracht wurden. Im Koran (43:77) taucht ein Engel auf, den die Feuerinsassen anflehen, sein Herr möge ein Ende mit ihnen machen. Sein Name lautet dort mâlik, was die selbe Sprachwurzel wie molech (hebr. Moloch) zu haben scheint.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Gott (erh.) hat die absolute Freiheit, Bezeichnungen zu wählen, wie Er will und es Seiner Weisheit entspricht, ob es sich nun um ansonsten völlig unbelegte Namen oder bekannten Dingen entlehnte Bezeichnungen handelt. In diesem Fall, falls das allererste, was gehinnom hieß, tatsächlich jenes irdische Tal war, hilft diese Bezeichnung Menschen mit jüdischem oder christlichem Bildungshintergrund, die Peinigung im Jenseits mittels allein durch eine Namensnennung induzierte plastische Vorstellungen zu fürchten.
  • Das  hebräische Wort gehinnom bedeutet „Tal des Hinnom“, wobei davon ausgegangen wird, dass Hinnom eine unbekannte Person ist. Das Wort hinnom bedeutet aber „Seufzen“ oder „Stöhnen“,1 was diese Theorie recht unwahrscheinlich macht. Dafür ist nicht ausgeschlossen, dass das irdische Tal aufgrund der Praxis der Brandopfer nach dem möglicherweise in einer heute verlorenen alten Offenbarung mit diesem Namen erwähnten nachweltlichen Strafort benannt wurde.
  • Es scheint tatsächlich einen altsyrischen Götzen namens mâliku gegeben zu haben, von dem molech abgeleitet ist.2 Interessanterweise wurde er als Unterweltsgott aufgefasst. Wenn man nun bedenkt, wie oft es in der Geschichte der Menschheit vorkam, dass bestimmte oder gar Engel allgemein von Menschen vergöttlicht wurden, bietet sich in diesem Lichte eine gute Lösung für das Scheinproblem um den im Koran erwähnten, mâlik genannten Engel. Demnach kannte man in noch älterer Zeit zuerst den Engel mâlik, dessen Vorstellung sich erst danach zu dem Götzen entwickelte.
  • Im Koran steht nicht explizit, Gott (erh.) habe den Engel so genannt, sondern der Name taucht ausschließlich in einem Zitat von Worten der Feuersinsassen auf. Es ist daher nicht unmöglich, dass ihn einige von ihnen spekulativ mit einer fiktiven Figur identifizieren werden, die sie aus ihrer heidnischen Religion im irdischen Leben kennen, und ihn nur darum mit dem Namen mâlik ansprechen werden.
  • Derart detaillierte, sogar vielen religiös gebildeten Juden und Christen und erst recht einem qurayschitischen Araber unbekannte Informationen über den Zusammenhang zwischen den Namen gehinnom und mâlik stärkt eher die Position des Ehrwürdigen Koran als Gotteswort.
1 Eintrag „Hinnom“ in: Kleine Namenkonkordanz - Biblische Namen in deutscher Übersetzung (Dr. Emil Dönges)

Das Wort yay°as in Sure 13:31

Wenn der Koran unverfälschbar ist (15:9, 41:42), wie ist es zu erklären, dass der prominente Korangelehrte und Prophetengefährte Ibn Abbâs in Sure 13:31 yatabayyan statt yay°as las und laut einer als authentisch eingestuften Überlieferung gesagt haben soll: „Die andere (Lesart) wurde vom Schreiber im schläfrigen Zustand geschrieben“? Darüber hinaus kennt man mittlerweile Manuskripte, welche die yatabayyan-Lesart zu stützen scheinen.

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Es ist nur eine einzige Basisüberliefererkette, von der diese Überlieferung gestützt wird. Die authentischen Überliefererketten, welche die Standardlesart belegen, sind deutlich zahlreicher, ein Teil dieser geht sogar auf Ibn Abbâs selbst zurück. Damit ist klar, dass yay°as zweifellos zum originalen Offenbarungstext gehört und sich nicht „eingeschlichen“ hat. Die Frage ist somit nicht, wie yay°as sich etablieren konnte, sondern eher, wie sich jene verwaiste Randüberlieferung erklären lässt.
  • Eine einwandfreie Überliefererkette alleine garantiert in der Überlieferungswissenschaft noch nicht die Authenzität einer Überlieferung. Darüber hinaus muss der Korpus (matn) auch frei von inhaltlichen Störungen z.B. in Form interner oder externer Widersprüche (ilal, sg. illah) und frei von extremer Seltenheit (shudhûdh) sein.1
  • Die alternativen Schreibweisen in anderen Manuskripten schließen in keinster Weise die yay°as-Lesart aus, im Gegenteil: An der Abständeverteilung in dem Wort ist zu erkennen, dass auch diesen die yay°as-Lesart zurundeliegt.
  • Falls Ibn Abbas tatsächlich eine derartige Aussage getätigt hat, ist fraglich, ob er hier nicht schlicht missverstanden wurde. Das weit Plausiblere ist nämlich nicht, dass er die yay°as-Lesart kritisierte (das sagt er ja auch nicht explizit), sondern vielmehr die in beiden Lesarten schwer erklärbare Orthographie dieser Stelle, genauer gesagt einen alif-Buchstaben, welcher Ibn Abbâs' (wahrscheinlich völlig legitime2) Zusatzlesart gegenüber der anderen mehr benachteiligt.
  • Diese Überlieferung wurde schon in früher Zeit ganz offen diskutiert und in der frühen Hadithwissenschaft nie unterdrückt (obwohl sie viele Korangelehrte durchaus störte) - nicht einmal aus der relativ guten Qualität ihrer Überliefererkette wurde ein Hehl gemacht. Dies belegt die hohe Vertrauenswürdigkeit und Unabhängigkeit der frühislamischen Überlieferungswissenschaft.
1 Für das tatsächliche Vorliegen solcher Mängel gibt es in der Hadithwissenschaft detaillierte Kriterien.
2 Als ein Text nichtmenschlichen Ursprungs ist der Koran keine eindimensionale Entität, sondern eine regulative Komposition, in welcher Lesarten erlaubt und andere untersagt sind. So zirkulierten schon zu Lebzeiten des Propheten von ihm selbst unbeanstandete, hilfreiche und die Hauptlesart(en) erläuternde Lesarten, die vom Grundschriftbild der schriftlichen Fixierung nicht abwichen.


Widerspruchsfreiheit zu naturwissenschaftlichen Fakten: Übereinstimmung mit anderen externen Fakten: Theologie und Dogmatik: Ethik: Geschlechtergerechtigkeit:
Innere Widerspruchsfreiheit: Sonstiges: