Geozentrismus im Koran?

Aus den Versen 18:86-90 scheint hervorzugehen, dass der Koran von einem geozentrischen Weltbild ausgeht, da dort der Protagonist „der Zweigehörnte“ (dhu l-qarnayn) scheinbar „den Ort des Sonnenuntergangs erreicht“, bzw. „den Ort des Sonnenaufgangs“. An anderen Stellen ist ebenfalls von „Sonnenaufgang“ und „Sonnenuntergang“ die Rede.

Hiermit ist kein Fehler nachweisbar, denn:

  • Noch in unserer heutigen Sprache existieren trotz unseres nicht mehr geozentrischen Weltbildes die unverzichtbaren Termini „Sonnenuntergang“ und „Sonnenaufgang“, so dass dem Koran diese Sprechweise zum Vorwurf zu machen dem Messen mit zweierlei Maß gleichkäme.
  • Schon zur Offenbarungszeit des Koran gab es den Ausdruck maghrib („Ort des Sonnenuntergangs“) als Bezeichnung für im entfernten Westen gelegene Gebiete, ohne dass jemand sich einbildete, die Sonne versinke in den Boden jener Gebiete. Dass sich auch der Koran dergleichen nicht einbildet, lässt sich an Sure 7, Vers 37 sehen: Und Wir gaben dem Volk, das unterdrückt zu werden pflegte, die östlichen und die westlichen Gebiete1 der Erde zum Erbe. Dies zeigt, dass sich das Arabische bei dieser und semantisch analogen Wortwurzeln mit der optikbasierten Lokalisierung des von ihr indizierten Vorgangs begnügt. Somit ist quasi fast jeder Ort auf der Erde ein Ort des Sonnenuntergangs und der Inhalt des Verses lässt sich nicht verneinen. Einzig die Frage lässt sich stellen, was für einen Sinn es dann habe, vom Erreichen desOrtes des Sonnenuntergangs zu reden. Dazu lässt sich sagen:

    • Der Vers könnte einen der (ersten?) Zuhörerschaft bekannten westlichen Ort voraussetzen, so wie es auch viele Berge oder Sperren gibt und 18:93 trotzdem ebenso unvermittelt von zwei bestimmten spricht, die der Protagonist erreicht habe.
    • Bestimmte Eigenschaften des Ortes oder vorherrschende Assoziationen mit ihm könnten ihn zu einem Sonnenuntergangsort par excellence gemacht haben. Diese Option erweist sich im Lichte einer Lichtwort-Untersuchung als hochwahrscheinlich.
  • Die Verse sind gute Kandidaten für das Vorliegen einer „Ibn-Mas€ûd-Uneigentlichkeit“2.
  • Als Redewendung verstanden würde es schlicht bedeuten, dass die in den Versen gemeinte Person extrem weite Strecken west- und ostwärts zurückgelegt hatte, ähnlich wie wenn man sagte, jemand habe eine halbe Mondreise gemacht.3
  • maghriba sh-shamsi kann im Arabischen nicht nur „den Ort des Sonnenuntergangs“, sondern auch „zur Zeit des Sonnenuntergangs“ bedeuten.4 Ebenso kann maTli€a sh-shamsi nicht nur „den Ort des Sonnenaufgangs“, sondern auch „zur Zeit des Sonnenaufgangs“ bedeuten.5

Siehe auch: Die Sonne und die Schlammquelle

1 wörtlich: maghârib (Plural von maghrib). Noch heute redet man von den „Maghreb-Staaten“.
2 Siehe „Die Ibn-Mas€ûd-Uneigentlichkeit“ im Lichtwort-Artikel „Die Altvorderen und koranische Metaphorik“ (Dritte Version, www.lichtwort.de).
3 s. Ibn Kathîr in seiner Erläuterung zu diesem Vers.
4 Bemerkenswert ist, dass der Ausdruck maghrib ash-shams in mehreren Hadithen bei Bukhariy und Muslim vorkommt und in dieser Form dort ausschließlich eine Zeitangabe meint.
5 Auch erwähnt in lisân al-€arab von Ibn Manzôr. Vgl. auch Sure 97:5, in der kisâ°iyy- und der khalaf-Lesart, mit حتى als klaren Hinweis auf eine Zeitangabe.
Der als Gegenargument gemeinte Hinweis auf die dritte Ankunft, welche ja ohne Zeitangabe erwähnt wird, ist eher eine Bestätigung. Dadurch, dass bayna im Arabischen nie ein Subjekt oder Objekt ist, kann es in dem Vers nur als Adverb und nicht als Objekt von balagha angesehen werden. Falls dies ein syntaktischer Parallelismus zu den Erwähnungen der ersten beiden Ankünfte ist, sind auch maghriba sh-shamsi und maTli€a sh-shamsi nicht als grammatische Objekte anzusehen, so dass nur die Auffassung als Zeitangaben bliebe. Dies schließt nicht aus, dass die Symbolik und die Ähnlichkeit zu Aussagen, er habe die Orte des Sonnenuntergangs und -aufgangs erreicht, beabsichtigt ist, um die Zurücklegung extrem weiter Strecken nach Westen und Osten anzudeuten.
Die Behauptung, die Auffassung als Zeitangabe könne unter keinen Umständen einen Sinn ergeben, lässt sich anhand eines oder zweier Szenarien leicht entkräften:
  • Erstes Szenario:

    Als ihm zur Abendzeit einige Vertreter seines eigentlichen Zielortes bereits in der Wüste entgegenliefen, um ihn willkommen zu heißen, wusste er, dass er angekommen war. Der Ort selbst war hinter Dünen oder einem Palmenhain verborgen. Als er diese natürlichen Vorhänge durchschritten hatte, stellte er fest, dass die Gegend, in welcher er sich nun aufhielt, und in welcher gerade dasEreignisdes Sonnenuntergangs noch stattfand (nicht, in welcher die Sonne als solche herabkam), schlammig und zu weiten Teilen von dem Wasser einer oder mehrerer Quellen überspült war.
  • Zweites Szenario:

    Er kam zur Abendzeit in seinem eigentlichen Zielort an. Ihren Untergang betrachtend und in Richtung der untergehenden Sonne laufend, bemerkte er, nachdem er wie erhofft eine bessere Sicht auf sie bekommen hatte, ihre Spiegelung und ihr Abendrot unterhalb des Horizonts. Es war die Wasseroberfläche eines Quellsees. Als er sich diesem näherte, bemerkte er nicht nur, dass dieser warm und schlammig war, sondern auch, dass in seiner Umgebung Menschen lebten.


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