Das Niederstirnen Jakobs

Wenn nur Gott angebetet werden darf, warum stirnen in 12:100 der Prophet Jakob und seiner Familie vor Joseph nieder, ohne dass es ihm von Gott befohlen wurde, und obwohl er es als Prophet besser wissen müsste?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Ein Niederstirnen ist äußerlich zunächst nichts als ein Element einer gestikulären Sprache. Die Deutung einer Folge von Bewegungen hängt wie die Deutung einer Folge von Lauten von den Konventionen der jeweiligen Gesellschaft ab. Somit ist davon auszugehen, dass das Niederstirnen in dem Vers nicht wie heute bei den Muslimen bedeutete „Ich bin dein Eigentum“, sondern lediglich „Du bist respektabel“ o.a.
  • Zu beachten ist, dass das Niederstirnen anscheinend erst erfolgte, als die Eltern auf den Thron gebracht wurden. Im Lichte dieser Tatsache wird die große, typisch prophetische innere Bescheidenheit des Propheten Jakob ihn gezwungen haben, mit dem Niederstirnen einen Ausgleich für eine derart gewaltige Erhöhung zu schaffen1, und die restliche Familie es nicht gewagt haben, aufrecht stehen zu bleiben, während Jakob niederstirnt. Auch unter diesem Aspekt läge folglich keine Anbetung vor, Erhöhung und Niederstirnen hätten sich vielmehr gegenseitig neutralisiert.
  • Es gibt mehr als nur eine Art des „Niederstirnens“, wenn dies überhaupt die akkurate Übersetzung für das in dem betreffenden Vers benutzte sujûd ist . Sure 17:107 legt nahe, dass sich nicht nur das Legen der Stirn auf den Boden sujûd  nennen lässt, sondern auch den Boden lediglich mit dem Kinn zu berühren. Letzteres ist weit weniger eindeutig ein Ausdruck der Anbetung desjenigen, vor dem es ausgeführt wird.
  • Es gehört zu den Lehren des Propheten des Koran (s), dass Werke nach ihren Absichten zu beurteilen sind.
1 Aus einem ähnlichen Grund muss sich die Verneigung von Bühnenkünstlern eingebürgert haben, wenn ihnen nach ihrer Darbietung applaudiert wird.


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