Was wurde zuerst erschaffen: Himmel oder Erde?

Wenn der Koran von den sieben Himmeln spricht, meint er offenbar ungefähr das, was wir heute das Universum nennen (abzüglich der Erde). 1 Zur Erschaffung des Universums heißt es im Koran in Sure 2:29: Er ist derjenige, der für euch das, was auf Erden ist, insgesamt erschaffen hat. Sodann wandte er sich dem Himmel zu, worauf er sie zu sieben Himmeln ausformte. Und in Sure 41:9-12: Sag: Werdet ihr wirklich demjenigen entkennend, der die Erde in zwei Tagen erschuf und bestimmt Ihm Rivalen? Das ist der Herr der Welten! Und in vier Tagen setzte Er Verankertheiten über ihr in sie, gab Segen in sie hinein und bemaß ihre Nahrungsarten in ihr, vollendet für die Fragenden. Sodann wandte Er sich dem Himmel zu, als dieser noch Rauch war, worauf Er zu ihm und zur Erde sagte: Kommt, freiwillig oder widerwillig. Sie sagten: Freiwillig sind wir nun gekommen. Da schloss er sie zu sieben Himmeln in zwei Tagen ab und inspirierte in jeden Himmel dessen Befehl . Heute ist jedoch klar, dass das Universum älter als die Erde ist. Widersprechen die Verse darüber hinaus nicht auch dem folgenden Koranvers (Sure 79:27-33), der die umgekehrte Reihenfolge zu beinhalten scheint? Seid ihr etwa schwerer zu erschaffen als der Himmel? Er erbaute ihn: Er erhob seine höhere Schicht, worauf Er ihn ausformte und seine Nacht finster machte und sein Vormittagslicht hervorholte. Und die Erde2 hiernach richtete Er an3: Er brachte ihr Wasser und ihre Weide aus ihr hervor. Und die Berge verankerte Er. Als Nießbrauch für euch und euer Vieh.

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Das Universum, obwohl vor der Erde entstanden, befindet sich bekanntlich noch heute, lange nach dem Entstehen der Erde, in einem Prozess der fortwährenden Entwicklung und Veränderung.
  • Was in den Versen 2:29 und 41:11 mit „sodann“ übersetzt wurde, ist das arabische thumma. Dieses kann, muss im Arabischen jedoch nicht unbedingt eine zeitbezogene Reihenfolge, sondern kann auch eine Reihenfolge der Gewaltigkeit, in welcher das im positiven oder auch negativen Sinne Gewaltigste an letzter Stelle erwähnt wird, ausdrücken. So kann es auch mit „zudem“ oder „obendrein“ übersetzt werden, oder „und ansonsten, noch gewaltiger, ...“. An anderen Stellen im Koran wird eine nicht-chronologisierende Bedeutung von thumma - teils eindeutig - sichtbar.4 In 41:11 selbst existiert ein Anhaltspunkt für die nicht-chronologisierende Bedeutung, zumal diesem Vers zufolge die Erde offenbar in den Schöpfungsprozess der Himmel eingebunden ist und dies als Sprung zurück in die Zeit vor Vollendung der Schöpfung der Erde gewertet werden könnte. - Es ist hingegen der Ausdruck ba€da dhâlika in 79:27, der wörtlich „danach“ bedeutet. Auch die Partikel fa („worauf“, „da“) kann je nach Konstellation eindeutig chronologisierend sein, so auch überall in den hier besprochenen Versen.
  • Auch unter der Annahme, dass thumma hier die zeitliche Reihenfolge meint, stünde weiterhin nirgendwo in den Versen, der Himmel habe erst nach der Erde zu existieren begonnen.5 Schließlich steht dort nicht „Danach erschuf Er den Himmel“, sondern Er wandte sich dem Himmel zu, also einem bereits existierenden Himmel. - Besonders interessant: Das Pronomen in worauf Er sie zu sieben Himmeln ausformte und in worauf Er sie zu sieben Himmeln abschloss steht noch vor der expliziten Erwähnung der „sieben Himmel“ im echten Plural (hunna) statt im Singular (), und schon zuvor das Wort „freiwillig“ in Freiwillig sind wir nun gekommen im Plural (Tâ°i€în) statt im erwarteten Dual (Tâ°i€ayn). Offenbar existierte nach dem Koran der Himmel nicht nur bereits, sondern lag auch schon in Form mehrerer Himmel vor. Also meinen die Verse nicht den Beginn der Existenz der Himmel, sondern die (weder eine Milliarden Jahre lange Entwicklung noch spätere Phasen des Niedergangs ausschließende) letzte Phase der Vollendung ihrer Form. Darauf deuten die verwendeten Begriffe des Abschließens (qaDâ) und Ausformens (sawwâ) hin. Besonders Letzteres muss vom Begriff des Erschaffens und allgemeinen Formens (khalaqa) gut unterschieden werden, assoziiert Vollendung und bezeichnet näherungsweise etwas wie den „letzten Schliff“.6
  • Auch ist 79:27-33 nicht klar zu entnehmen, dass die Erde nach dem Himmel erschaffen wurde, sondern nur, dass sie danach angerichtet (daħâ)3 wurde. Ebenfalls ist an der Versgruppe nicht zu sehen, wann die Gebirge zu entstehen begannen, da nur von ihrer Stabilisierung die Rede ist, was eher eine Endphase der Gebirgsentwicklung sein wird. Doch aus syntaktischen Gründen7 ist auch die genaue Chronologisierung dieser Stabilisierung anhand der Versgruppe nicht wirklich möglich. Lediglich aufgrund des Anscheins lässt sich vielleicht sagen, dass den Versen zufolge die Stabilisierung nach oder mit dem „Anrichten“ des Erdbodens erfolgte.
1 Dies wird im Lichtwort-Artikel „Terminologie des Himmels“ näher erläutert (hier)
2 arab. arD; bedeutet auch: Land oder Boden.
3 Auch: „ausgebreitet“, doch ist dies unsicher. Das entsprechende, schon damals seltene arabische Wort daħâ دحا wird semantisch als mit daħħa دحّ weitgehend identisch angesehen und kann im Arabischen bedeuten: „aufblähen“, „geräumig machen“, „füllen“, „stoßen“, „werfen“, „einstampfen“, „schlagen“, „bewachsen lassen“, „anwachsen lassen“. Goldschmidt übersetzt: „Und die Erde bereitete er hinterher.“ - Wie dem auch sei, aufgrund der Syntax und auch nach der Meinung von Ibn Abbâs, dem wichtigsten Koranexegeten, ist die Erläuterung des Wortes in dem darauf folgenden Satz zu suchen, nämlich: Er brachte ihr Wasser und ihre Weide hervor.
4 Siehe Suren 3:59; 6:1; 6:154; 7:11; 10:103; 20:82; 25:45; 32:7-9; 90:17, 23:15 und evtl. 4:153, 5:93, 20:50, 35:32, 39:6. Ein Teil der frühen Exegeten ging bei 7:11 offensichtlich davon aus, dass thumma in mindestens einem seiner dortigen Vorkommnisse entgegen der Chronologie eingesetzt wurde. Der persische Koranexeget Tabariyy wendete sich zwar gegen diese Deutung, allerdings auf der Grundlage, dass ihm seiner Meinung nach zu wenige Sprachzeugnisse hierfür zur Verfügung standen. Doch die Auslegungsweise eines großen Teils der von ihm selbst reichlich zitierten Altvorderen bei diesem Vers hätte er ebenfalls als Sprachzeugnis berücksichtigen müssen. In Sure 23:15 werden thumma und ba€da dhâlika zugleich benutzt, so dass es plausibler ist, dass eines der beiden nicht-chronologisierend gemeint ist, zumal eine gegenseitige Verstärkung rein chronologisierender Elemente nicht besonders sinnvoll erscheint. Auch in der Alltagssprache scheint thumma diese Eigenschaft gehabt zu haben, siehe Ibn Umars Aussage: خلق اللّه أربعة أشياء بيده: العرش والقلم وآدم وجنّة عدنٍ ثم قال لسائر الخلق كن فكان - Kurios: Der Koranexeget Qortobiyy leitet - womöglich unbewusst - seine eigenen Worte, in denen er zu 6:154 über das dortige thumma rätselt, mit einem eindeutig nicht-chronologisierenden thumma ein...
5 Es sei allerdings nicht verschwiegen, dass sich unter der Annahme, dass doch eine zeitliche Reihenfolge gemeint ist, ein scheinbarer Konflikt mit dem aktuellen wissenschaftlichen Stand zur Entstehung von Erde und Sonnensystem ergibt, zumal sich fragen lässt, wie denn das Sonnensystem bzw. der betreffende „Himmel“ noch „Rauch“ gewesen sein könne, als die Erde schon vollendet war. Hierzu ließe sich spekulieren, dass 1.) die Entwicklung des Sonnensystems stark von Asynchronitäten geprägt war und große Teile sich erheblich später als die Erde entwickelten, oder 2.) der thumma-Vers (Vers 11) sich an Vers 9 und nicht Vers 10 anschließt, so dass Vers 10 als Einschub zu betrachten wäre. Ähnliches nimmt der Koran anscheinend auch an anderer Stelle vor, z.B. in Sure 7:142.
Allgemein ist zu beachten, dass die Verse 9 und 10 nicht unbedingt die Vollendung der Erde mitteilen, zumal khalaqa im koranischen Arabisch auch allein den Beginn des Erschaffens meinen kann (vgl. 77:20-21), das Setzen einiger Berge nicht genügte und die bloß bestimmungsmäßige Festlegung der Nahrung nicht ihre Hervorbringung bedeutete..
6 Gut sichtbar ist der Unterschied zwischen khalaqa und sawwâ in den folgenden Koranstellen: 15:28-29; 19:17; 38:72; 75:38; 87:2.
7 Der Satz wird nur mit einem nicht-chronologisierenden „und“ eingeleitet, und sein Satzbau wechselt im Vergleich zum vorhergehenden Satz so stark, dass sich die Stabilisierung der Berge nicht unbedingt in eine Reihe mit den anderen Phänomenen der „Erdanrichtung“ bringen lassen muss.


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