Jinnen: Erschaffen aus Feuer oder aus Wasser?

Sagt der Koran nicht explizit, Jinnen (Daimonien) seien aus Feuer erschaffen worden (15:27, 55:15), während ihm zufolge andererseits alles Lebendige aus Wasser erschaffen wurde (21:30)?

Hiermit ist kein Widerspruch feststellbar, denn:

  • Dass Daimonien aus einem so bezeichneten „Feuer“ erschaffen wurden, heißt weder, dass jenes Feuer seinerseits nicht aus etwas Anderem entstanden war, noch dass die Daimonien Feuer geblieben sind (wie auch der erwachsene Mensch weder Lehm noch ein Gemisch aus Eizelle und Spermium ist). Daher ist Wasser als eine von mehreren Entwicklungsphasen auch bei Daimonien denkbar.
  • Das Wort ja€ala in 21:30 bedeutet wörtlich nicht „erschaffen“ (khalaqa), sondern „(zu etwas) bestimmen, zuweisen“ oder auch „(an-/fest-)legen, (ein-)setzen, hintun“. Folgende Übersetzung kommt daher in Betracht: „Wir bestimmten, [dass] alles Lebendige aus dem Wasser [kommt].“ Somit würde es genügen, dass sich das erste Daimonium vor oder nach (oder während, s.u.) der Feuerphase eine zeitlang im Meer befand.
  • Wenn der Koran an den vielen bekannten Stellen sagt, er habe etwas aus Wasser erschaffen, benutzt er für „Wasser“ die unbestimmte Form mâ° („ein Wasser“), passend dazu, dass es nicht echtes/reines H2O ist, sondern Befruchtungsflüssigkeit. In 21:30 jedoch wird die bestimmte Form benutzt: al-mâ°, so dass nur zwei Dinge in Frage kommen, nämlich entweder echtes/reines H2O oder aber die rätselhafte Entität, die der folgende Vers al-mâ° nennt: Er ist derjenige, der die Himmel und die Erde in sechs Tagen erschuf, und es war Sein Thron auf dem Wasser.1 Da weder die Natur jenes „Wassers“ bekannt ist,2 noch ob es substantiell mit unserem Wasser überhaupt verwandt ist oder etwas ist, was die Vorstellungskraft des Menschen übersteigt, ist die Behauptung eines Widerspruchs zum Feuerursprung der Daimonien blinde Spekulation.
  • Da Jinnen zum Reich der Tranzendenz gehören, ist auch die Natur jenes Feuers nicht bekannt, so dass auch aus diesem Grund - zusätzlich zum im vorigen Punkt genannten Grund - ein Widerspruch nicht festgestellt werden kann. Immerhin kennen wir mit Magnesiumfeuer sogar ein nicht-transzendentes Feuer, das auch unter Wasser brennen kann. So konnte sich der erste Jinn oder seine Vorsubstanz auch während der Feuerphase z.B. in einem Meer befunden haben.
  • Das Wort nâr muss kein Feuer im Sinne von Flammen meinen, sondern kann auch schlicht eine stark und vollständig glühende Substanz bezeichnen - in Sure 18:96 ist es in einem anderen Zusammenhang Eisen.3 Auch unter diesem Aspekt konnte sich der erste Jinn während der Feuerphase im Wasser befunden haben.
  • Aufgrund der in 21:30 enthaltenen Präposition min (arab. „von“, „aus“, „gehörend zu“) ergibt sich auch die Übersetzungsmöglichkeit: „Wir bestimmten, [dass] alles Lebendige zu dem Wasser gehört.“ Dies kann bedeuten, dass alles Lebendige ein Teil oder eine Unterart jenes Wassers ist, was hinsichtlich unseres bekannten Wassers schwer vorstellbar ist, jedoch beim transzendenten „Thronwasser“ offengelassen werden muss.
  • Aufgrund der sprachlichen Eigenschaften der Präposition min kann die im vorigen Punkt genannte Übersetzungsmöglichkeit auch eine sonstige Zuordnung zum Wasser ausdrücken, ohne zu behaupten, alles Lebendige sei ein Teil oder eine Unterart davon oder stamme von ihm ab.4
  • „Leben“ hat so verschiedene Definitionen, dass sie bei der Benutzung des Ausdrucks kaum alle zugleich gemeint sein können. So sind beispielsweise die Lebendigkeit der Seele und organisch-zelluläres Leben zwei völlig verschiedene Konzepte. Der Vers dürfte ausschließlich dieses organische Leben meinen und Daimonien kein solches zueigen sein.
1 Sure 11:7.
2 In einigen auf den Propheten (s) zurückgeführten - wenn auch schwachen - Überlieferungen erscheint „das Wasser“ als eine Art Welt oder sonstige Entität oberhalb des sichtbaren Universums (siehe Terminologie des Himmels). Siehe auch authentische Hadithe, in denen „das Wasser“ etwas Vorkosmisches zu sein scheint, was den Eindruck verstärkt, dass etwas Immaterielles damit gemeint ist: Saħîħ al-Bukhâriyy, kitâb at-tawħîd, Hadith Nr. 6982; kitâb bad° il-khalq, Hadith Nr. 3020
3 Dass Sure 111:3 bezüglich eines bestimmten Feuers explizit erwähnt, dass dieses Flammen besitze, legt zusätzlich nahe, dass für den Koran Feuer keine Flammen haben muss, um Feuer genannt werden zu können.
4 Vgl. Sure 3:28 (fa-laysa min allâh) oder den Prophetenausspruch: man raghiba €an sunnatî fa-laysa min-nî. („Wer meinen Usus zugunsten von etwas anderem vernachlässigt, gehört nicht zu mir.“)


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