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Abraham ist nie ein Götzendiener gewesen

Wie kann der Koran Abraham als das größte Vorbild der Monotheisten darstellen und die Aussage machen, er habe nicht zu den Beigesellern gehört und dennoch in Sure 6:74-82 eine Episode der Kontemplation aus seinem Leben berichten, in welcher er zunächst einen Stern, dann den Mond und dann die Sonne als seinen Herrn bezeichnet?

Zwar ist zunächst voll darin zuzustimmen, dass die Anerkennung eines Himmelskörpers als Herrn1 - im Normalfall und äußerlich betrachtet - tatsächlich Beigesellung ist. Dies ändert dennoch auch mit Betrachtung der genannten Versgruppe nichts an der Richtigkeit der Aussage, dass Abraham (s) nie zu den Beigesellern gehört hat. Ein Beigeseller kann man nämlich nur sein, wenn man auch die Absicht hat, Gott einen Teilhaber hinzuzusetzen. Dies geht konform mit dem vernunftmäßigen und in einer authentischen Aussage des Propheten Mohammed (s) wiederzufindenden Grundsatz, dass es die Absichten sind, welche die Werke ausmachen.2 Eine weitere Voraussetzung ist eine geistige Mindestreife, und dass man schon für seine Taten verantwortungsfähig ist. Vor diesem Hintergrund ist kein Widerspruch feststellbar. Denn:

  • Abraham (s) wusste bereits, dass der Allschöpfer die einzige Gottheit und der einzige Herr, und dass Beigesellung ein gewaltiges Unrecht ist. Was ihm jedoch zur Erfüllung der Pflicht und Sehnsucht der Anbetung Gottes anfangs fehlte, war das Wissen, wie bzw. in welche Richtung er sich an Ihn wenden sollte,3 sowie das Wissen um die absolute Transzendenz des göttlichen Wesens. Da es in der damaligen Zeit noch keine allgemein bekannte qiblah4 gab, blieb ihm subjektiv nur eines übrig: Nach demjenigen, den er bereits als einzige Gottheit erkannt hatte,5 in dem Bereich, den sein Blick erreichen konnte, zu suchen. Angesichts des Schlusssatzes von 6:76 war sein Kriterium wohl: Was hat mehr als alles andere meine Liebe verdient? Es ist darum nachvollziehbar, dass seine Wahl zunächst auf etwas fiel, das in jenem Moment alles andere an Schönheit und Höhe zu übertreffen schien, nämlich ein hell leuchtender Stern/Himmelskörper. Diese Wahl machte er rückgängig, als die Erscheinung verschwand und somit Schwäche zu zeigen schien. - Somit ist nirgends zu sehen, dass er die Absicht hatte, neben Gott oder an Seiner Stelle etwas anzubeten.
  • Schon aufgrund des ersten Verses der Versgruppe liegt nahe, dass Abraham (s) sich privat schon vor der Kontemplation gegen den Götzendienst gestellt und für den Monotheismus entschieden hatte. Die Kontemplation samt der in ihr vorkommenden Fehleinschätzungen ist darum bezüglich der Absicht Abrahams als aufrichtige Bemühung und innerer Weg zur möglichst optimalen Erreichung und Verwirklichung der Vereinzigung Gottes anzusehen. Somit war es eine Bemühung gegen Beigesellung, nicht für Beigesellung. Eine solche ist nie mit echter Beigesellung identifizierbar, auch wenn sie aufgrund von (schnellstmöglich korrigierten!) Versehen Begleiterscheinungen zeitigt, welche ihrer Oberfläche nach und isoliert betrachtet Beigesellungen zu sein scheinen.
  • Auch, falls die scheinbaren Herrschaftszuordnungen den Versuch darstellen, sich - aus Furcht/Abneigung gegen Beigesellung - durch die Findung einer Alternative davor abzusichern, jemals die Götzenfiguren des Heimatvolkes anzubeten, liegt hier ein firâr min al-shirk („Flucht vor Beigesellung“) vor, der schon den vierten Kalifen Aliyy b. Abî Tâlib davon abhielt, seine Gegner zu Beigesellern abzustempeln.6
  • Abraham (s) dürfte angesichts dessen, wie unbekannt ihm die Eigenschaften der Himmelserscheinungen zu sein scheinen, zu diesem Zeitpunkt so jung gewesen sein, dass er noch nicht voll für seine Taten und Aussagen verantwortlich war (und dennoch gerade durch seine Kontemplation im Rahmen seiner begrenzten Verantwortlichkeit das seinen schwierigen Umständen gemäß maximale Maß an Vereinzigung aufbrachte).7
  • Nirgends steht, dass Abraham voreilig Konsequenzen ergriffen und einen der Himmelskörper angebetet habe. Darum wäre selbst dann eine essentielle Ebene auch der bloß äußerlichen Beigesellung nicht nachweisbar, wenn zu sehen wäre, dass er die Absicht hatte, neben Gott oder an Seiner Stelle etwas anzubeten.
  • Aufgrund des letztgenannten Punktes wäre zudem in Betracht zu ziehen, ob der Satz „Dies ist mein Herr“ nicht einfach nur eine Kurzform ist, für: „Ich gehe probehalber - also nicht ernsthaft und konsequent - davon aus, dass dies mein Herr ist.“ - Ein Teil der Kommentatoren hielt es immerhin nicht für unmöglich, dass der Satz (mindestens leicht) fragend gemeint ist:8 „Dies ist mein Herr?“ bzw. „Dies soll mein Herr sein? (Das will ich prüfen.)“
  • Mit der Aussage Er sagte: Dies ist mein Herr kann auch lediglich gemeint sein, dass sich im Inneren Abrahams beim ersten Anblick der jeweiligen Erscheinung der unwillkürliche Gedanke aufdrängte, sie könnte den Allschöpfer repräsentieren. Diese Art von Gedanken lässt sich nur schwer verhindern und gehört nicht unbedingt zu den Gedanken, mit denen sich die jeweilige Person identifiziert. Man mag zwar fragen, warum er sich dann erst nach dem Verschwinden der Erscheinung gegen den Gedanken entscheidet, doch es genügt, wenn er sich auch zu keinem Zeitpunkt bewusst für ihn entschieden hatte.
1 Im absoluten Sinne bzw. im Sinne des englischen Begriffs „Lord“.
2 Saħîħ al-Bukhâriyy, kitâbu bad°i l-waħy, Hadith Nr. 1.
3 Passend dazu seine Benutzung des Richtungsbegriffs in 6:79, nach Ablehnung aller Himmelserscheinungen. Abraham ist zu der Erkenntnis gelangt, dass man sein Angesicht nicht physisch zu Gott wenden kann, sondern ausschließlich im Herzen. Dies tut er nach dieser Erkenntnis voll und ganz. Vgl. auch Sure 2:177. - Interessant ist auch, dass sich diese Erkenntnis scheinbar bei einem der größten deutschen Dichter, Rainer Maria Rilke, findet. In seinem Brief an Ilse Blumenthal-Weiß, in welchem er auf den Islam und das islamische Gebet zu sprechen kommt, schreibt er: „Religion ist etwas unendlich Einfaches, Einfältiges. Es ist keine Kenntnis, es ist kein Inhalt des Gefühls [...], es ist keine Pflicht und kein Verzicht, es ist keine Einschränkung: sondern in der vollkommenen Weite des Weltalls ist es: eine Richtung des Herzens.“
4 Wie heutzutage die Kaaba in Mekka.
5 Immerhin steht Abraham in Vers 77 zwischen der Ablehnung der Monderscheinung und der Akzeptanz der Sonnenerscheinung nicht herrenlos da, sondern benutzt den Ausdruck rabbî („mein Herr“), was nahelegt, dass dies eine von den Erscheinungen unabhängige Konstante ist.
7 Für eine sehr frühe Jugend spricht nicht nur die offensichtliche Unbedarftheit gegenüber den Himmelsphänomenen, sondern auch, dass Abraham in Sure 21:60 im Kontext eines noch späteren Zeitpunktes fatâ („Junge“) genannt wird. Mit diesem Wort kann ein Jugendlicher, aber auch ein männliches Kleinkind bezeichnet werden.
8 Erwähnt im Kommentarwerk des Qortobiyy, zu Vers 6:76. Es ist unklar, ob es im Koran völlig fragepartikellose Entscheidungsfragesätze gibt. Kandidaten dafür wären jedenfalls: Suren 26:22, 65:1, 90:11

Abraham und die Himmelskörper (I)

Ist es nicht merkwürdig, dass Sure 6:75 ff. wirkt, als sehe Abraham zum ersten Mal in seinem Leben Sterne, Mond und Sonne? Wie kann es sein, dass er bereits den Götzendienst ablehnt, aber so fasziniert von Himmelskörpern ist, die er tausendfach gesehen haben müsste und nichts Ungewöhnliches mehr für ihn sein dürften, dass er drei Mal sagt: „Dies ist mein Herr“? Auch scheint er zum ersten Mal zu erfahren, dass Himmelserscheinungen, insbesondere die der Sonne, untergehen bzw. verschwinden, denn sonst wäre es schon vor ihrem Anblick ein Argument gewesen, ihnen keine Herrschaft zuzuordnen. Doch dies nimmt er erst zurück, als er in der betreffenden Situation das Verschwinden der Erscheinungen wahrnimmt. Wie kann jemand so wenig über die Welt wissen?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Mancher, der Kinder hat, wird wissen, dass manches Kind erst nach mehreren Jahren die Dinge am Himmelszelt bewusst wahrnimmt. Darum können gerade diese „Merkwürdigkeiten“ der Versgruppe als Hinweis darauf angesehen werden, dass Abraham zu diesem Zeitpunkt sehr jung war1 und ihm u.a. gerade darum der hohe Rang im Koran zugewiesen wird, zumal er nicht nur ohne menschliche Hilfe, und ohne in eine monotheistische Kultur hineingeboren zu sein oder von einer solchen auch nur gehört zu haben, den geistigen Weg zu Gott und der Anerkennung Seiner Einzigkeit beschritt, sondern dies auch schon zum absolut frühestmöglichen Zeitpunkt und einem minimalem Maß an Reife des ethischen und logisch-empirischen Urteilsvermögens.
  • Kinder verbringen weit mehr Zeit zu Hause als Erwachsene, was zusätzlich dazu beiträgt, dass Himmelsphänomene vor dem Kind eine lange Zeit praktisch verborgen bleiben. Man darf dabei übrigens nicht unbedingt von Kindern im heutigen Westen ausgehen, die im Kindergarten oder durch Bewegtbilder und Fotos in Magazinen, Büchern, TV-Sendungen etc. viel früher damit vertraut gemacht werden.
  • Er könnte in einer Gegend und zu einer Zeit gelebt haben, in welchen der Himmel die meiste Zeit bewölkt war oder häufig Nebel herrschte. Ebenfalls möglich ist eine begrenzte, dennoch mehrere Wochen oder Monate umfassende bewölkungs- oder nebelreiche Phase (z.B. Monsunzeit2, Winterzeit), welche zu einem Zeitpunkt der Jugend Abrahams eintrat, zu dem er aufgrund dieser frühen Jugend auf das Himmelsgeschehen noch nicht voll aufmerksam geworden war. Eine solche Phase kann bei einem Kind zu einem früheren Zeitpunkt erfolgte Wahrnehmungen der Himmelsphänomene aber auch wieder in den Hintergrund des Bewusstseins rücken und diese nach Beendigung der Phase neu erscheinen lassen.
  • Außerdem kann er in einer Stadt oder einem Stadtviertel gelebt haben, dessen Straßen ähnlich so manchen Märkten noch im heutigen Orient mit pflanzlichem oder anderem Material überdacht waren, das dicht genug war, um die Himmelskörper überwiegend verborgen bleiben zu lassen, aber lichtdurchlässig genug, um die Straßen tagsüber einigermaßen zu beleuchten.3
1 Passend dazu wird Abraham in Sure 21:60 im Kontext eines noch späteren Zeitpunktes fatâ („Junge“) genannt. Mit diesem Wort kann ein Jugendlicher, aber auch ein männliches Kleinkind bezeichnet werden.
2 Im Nahen Osten tritt der Monsun immerhin im Oman noch heute auf: Bildbeispiel

Abraham und die Himmelskörper (II)

Zur Kontemplation Abrahams in Sure 6:75 ff.: Aus der Formulierung der Verse geht hervor, dass Abraham die Erscheinungen der drei Himmelskörper ausschließlich nacheinander gesehen haben soll. Wie kann dann die Reihenfolge Stern-Mond-Sonne dann stimmen? Müsste er nach dem Untergang des Sterns in einer mondlosen Nacht nicht zuerst die Sonne gesehen haben, und erst dann, in der nächsten Nacht, den Mond?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn um einen Stern und den Mond erst nacheinander zu bemerken, ist nicht mehr als eine einzige Nacht nötig. Bewölkung und Art der Bewölkung, Bebauung der Umgebung, Bäume, Unebenheiten der Erde (Hügel, Berge), Unterbrechung durch Schlaf und Wechsel des Standorts sind genügend mögliche Faktoren, durch welche eine sukzessive Wahrnehmung von Himmelsobjekten zustande kommen kann. Eine Stützung dieser Möglichkeit mag man in dem zumeist als „aufgehen“ übersetzten, jedoch schon damals relativ selten für Sonne und Mond benutzten Verb bazağa sehen. Dieses bedeutet ursprünglich „schneidend durchbrechen“, was zum Hervorstrahlen hinter Gewölk und dergleichen passen dürfte. Das Wort kann, muss aber nicht das anfängliche Aufgehen der Erscheinung des Himmelskörpers meinen.1

1 Beispiel: Was im Saħîħ-Werk des Bukhariyy mit فما أيقظنا إلا حرُّ الشمسِ umschrieben wird, wird im Saħîħ-Werk Muslims bei derselben Erzählung mit فغلبتنا أعيننا حتى بزغتِ الشمس [...] فلما رفع رأسَه ورأى الشمسَ قد بزغت قال ارتحلوا wiedergegeben.

Abraham und die Himmelskörper (III)

Ist es nicht merkwürdig, dass Abraham in Sure 6:75 ff. seinen Fehler, den er schon beim Stern erkannt hat, beim Mond wiederholt, ihn dann wieder erkennt, und dann ein drittes Mal bei der Sonne begeht, bevor er sich endgültig entscheidet?

Hiermit ist kein Fehler feststellbar, denn:

  • Dies ist nicht verwunderlich, wenn er jeden Himmelskörper zum ersten Mal in seinem Leben bewusst wahrnahm und noch nicht wusste, dass sie für das Auge regelmäßig verschwinden oder untergehen. Darauf, dass dieses wirklich die ersten Male waren, deutet dürfte der Vers 6:76 ein genügender Hinweis sein.
  • Durch die Stärke der Sehnsucht nach Gott {erh.} könnten die beiden ersten Male außerdem aus dem Gedächtnis verdrängt worden sein.


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