Letzte Änderung: 27.03.2017 um 21:55:00 ● Erstveröffentlichung: 27.02.2017 ● Autor: Muħammad ibn Maimoun
Erläuterungen: {erh.} = „Erhaben und herrlich gepriesen sei Gott“ / (s.) = „Segen und Friede sei mit dem Propheten“

Die Urwahrheit:
Evidenz und Mysterium

Nichts ist vor irgendeiner Erkenntnis so verborgen wie das Wesen Gottes. Es ist das ewige Mysterium, das verborgenste aller Mysterien. Geradezu überwältigend wirkt indes die Feststellung, dass zugleich nichts der Erkenntnis so nahe ist wie Seine Existenz.

Zum stillschweigenden ideologischen Korpus des kriselnden Westmodernismus gehört die als Binsenweisheit gehandelte Auffassung, die Existenz der absoluten Urentität sei nicht beweisbar. Der Kronzeuge, auf den für diese Auffassung hauptsächlich verwiesen wird, ist der spätaufklärerische Philosoph Immanuel Kant (1724-1804). Manchem, der sich mit seinem Werk auseinandergesetzt hat, mögen apodiktische Aufrufe zum Glauben an Gott und besonders evtl. dazugehörige Begründungen überholt vorkommen, oder er mag sich berechtigt fühlen, sich eine solche Überholtheit einzureden. So wird es ihm wohl auch mit einem Teil der Inhalte dieses Artikels ergehen.

Da dieser jedoch eben nur zum Teil Berührungspunkte mit den in der „Kritik der reinen Vernunft“ von Kant geführten Entkräftungsunternehmungen hat und außerdem ohnehin nicht in erster Linie für spezialisierte Geisteswissenschaftler, sondern für den allgemeinen gebildeten Menschen geschrieben ist, sei die intensive Aufzeigung der Irrelevanz des Verweises auf Kant und seine Einwände auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.1

Von „Gottesbeweisen“ - ob solche nun sprachlogisch möglich sind oder nicht, ob solche im Folgenden vorkommen oder nicht - brauchen wir nicht zu reden, und dies sollten wir vielleicht auch nicht, schon aus Gründen des Stils und der Ehrfurcht nicht, und mancherorts aus methodischen Gründen, wohl reden lässt sich aber von einer völligen Unausweichlichkeit des Glaubens an die einzige urwahre lebendige Entität. Diese Tatsache ist es, deren Einsichtlichkeit der vorliegende Artikel bewusst zu machen beabsichtigt.

1. Intuitive Evidenz

Kein ehrlicher, unvorbelasteter und rational denkender Mensch (sofern er sich seine Rationalität nicht nur einbildet), der aufrichtig das zeitliche Sein um sich herum betrachtet, sei es in seiner hochgradig komplex-systematischen oder auch nur in seiner primitivsten Form, kann sich dem Eindruck der Gegebenheit oder gar der Angelegtheit und Eingerichtetheit des umgebenden Kosmos entziehen. In Gesprächen mit vermeintlichen Atheisten aus areligiösem Hause lässt sich feststellen, dass dies keineswegs eine besondere erziehungsmäßige Vorgeprägtheit des Individuums zur Voraussetzung hat - immerhin oft genug fallen ohne besondere Einflussnahme Sätze wie: „Ich glaube jetzt nicht an einen Gott oder so, aber angesichts von ... [beliebige Naturphänomene] denke ich schon: Da ist auf jeden Fall etwas.“

Dies lässt sich als Indiz dafür auffassen, dass Manche nur vordergründig, nicht aber wirklich die Existenz einer ewigen und unbegreiflichen Entität leugnen, sondern lediglich vor den Implikationen des Gottesbegriffs fliehen, als Selbstschutz vor dem Missbrauch dieses Begriffs, und zwar in Form von willkürlichen Vorschriften, die, in das Gewand göttlicher Autorität gekleidet, zur Steuerung und Kontrolle leichtgläubiger Menschen dienen.

Es braucht nicht besonders betont zu werden, dass es in diesem Fall klüger wäre, den Ursprung der als willkürlich verdächtigten Vorschriften in Frage zu stellen, statt die obige widersprüchliche Haltung zu hegen.

Ein weiterer Grund für diese zumindest scheinbar widersprüchliche Haltung dürfte ein aus kulturellen Gründen fehlerhaftes Sprachverständnis sein, durch welches der Gottesbegriff falsch definiert oder zu stark eingegrenzt wird, und zwar in einem anthropomorphistischen Sinne oder dem eines kontingent vorgeprägten Wesens. Dass die von biblischer Rhetorik beeinflusste Auffassung, die irregeleitete Vorstellung einer seniorenhaften (vielleicht nicht einmal:) voluminöseren Gestalt „irgendwo da oben“ sei essentiell für den Begriff, in einer scheinbaren Ablehnung der Existenz Gottes mündet, sollte nicht verwundern.

Intuitiv hat jeder schon bei flüchtiger Betrachtung das Bewusstsein: Normal wäre es, wenn nichts von alledem um ihn herum, sowie über ihm unter ihm, existierte oder jemals existiert hätte. Dies wäre jedenfalls erheblich normaler als das jetzige Universum. Mit anderen Worten: Wir und unser Universum sind bis auf Weiteres eine Anomalie. Natürlich könnte man diese Erstaunlichkeit einfach ignorieren und somit normal und anormal, Sein und Nichtsein gleichsetzen. Man lebt dann allerdings in einer Haltung, welche der gesunden Intuition widerspricht. Die einzige in diesem Sinne gesunde Alternative ist, die Anomalie denkerisch zu normalisieren, indem man von einem im Wesen unbekannten, nicht in der Welt selbst enthaltenen Faktor ausgeht, auf den die Welt in einer wiederum unbekannten Weise, jedenfalls aber in einer Weise, durch welche sich die Anomalie denkerisch aufheben lässt, letztlich zurückgeht (die sogenannte Möglichkeit des infinitiven Regresses spielt hier wegen seiner Kontraintuitivität keine Rolle). Selbstverständlich funktioniert die Normalisierung nur, wenn jenes Etwas selbst vom Wesen her - auch wenn (oder gerade weil) wir aufgrund seiner Verborgenheit nicht erblicken können, warum - als normal angenommen wird. Die Existenz einer Anomalie verlangt nach einem Faktor, der selbst keine Anomalie, aber auch nicht Nichts ist - einem Faktor, der das einzige „Normale“ ist, das wir „kennen“.

Primäre Implikationen

Man mag geteilter Meinung sein, ob weitergehende notwendige Annahmen noch zur spontanen Intuition des Menschen gehören, oder doch nur zu seiner passiven Intuition. Letzteres bedeutete, dass gewisse weitere natürliche Überzeugungen erst nach einer von außen erfolgenden Herantragung der betreffenden Konzepte durch die darauffolgende Feststellung einer besonderen (von Indoktrination und sinnlichen Neigungen unabhängigen) Vertrautheit dieser Konzepte zustande kommen. In einer Welt allerdings, in welcher ohnehin der Einzelne permanent nahezu mit allen möglichen Konzepten und Dogmen konfrontiert wird, macht dies im Endeffekt für die Intuitivität keinen nennenswerten Unterschied.

Jedenfalls dürfte die besagte Vertrautheit mit den scheinbar hinzukommenden Konzepten aus in der Anerkennung einer „Urnormalität“ von Anfang an enthaltenen Implikationen resultieren:

Als Konsequenzen aus diesen primären Implikationen, aber auch aus einer näheren Weltbetrachtung, durch zulässige Zusammenfassungen einiger von ihnen sowie durch aspektabhängige Begriffsvariationen und sprachlich notwendige Entlehnungen, ergeben sich z.B. universale Kontrolle und Supervision, Vollkommenheit, Weisheit, Lebendigkeit und weitere Zuordnungen, welche in der Feststellung der Göttlichkeit kulminieren.

Diese ist für die Intuition unmittelbar evident, da die Vernunft nichts annähernd so Erhabenes kennt oder denken kann, wie etwas, dem die erwähnten Attribute zukommen. Hinzukommt, dass der Begriff der Göttlichkeit in einer seiner von ihm untrennbaren Dimensionen ein Synonym von Anbetungswürdigkeit ist und Anbetung wiederum im Kern eine praktizierte Anerkennung des (mit dem Erschafferstatus offensichtlich vorliegenden) Eigentümerstatus des Angebeteten darstellt, so dass auch unter diesem Aspekt, samt aller Implikationen wie Heiligkeit, Herrlichkeit und Majestät, die Göttlichkeit feststeht.

2. Ethik

Vor dem Hintergrund der intuitiven rationalen Evidenz mag das bis zum Ende aufrecht erhaltene Nichtglauben an Gott den Anschein haben, auf einen (z.B. angeborenen) Defekt in der Rationalität des Nichtglaubenden zurückzuführen zu sein. Bei einem (vermutlich eher geringen) Teil der Nichtglaubenden mag das sogar der Fall sein. Doch das eigentlich Schwerwiegende am Nichtglauben ist weniger ein intellektuelles Unvermögen, für das der Unvermögende möglicherweise nichts kann, sondern das eigentlich Schwerwiegende ist vielmehr seine unethische Haltung:

3. Die wichtigste aller Sicherheitsmaßnahmen

Agnostizismus, ganz zu schweigen vom Atheismus, gehört zu den riskantesten Glücksspielen, die man sich überhaupt vorstellen kann. Es würde implizieren, dass man auch nicht daran glaubt, dass wir allein zur Anbetung Gottes und nach Seinem legislativen Willen zu leben erschaffen wurden, und auch nicht an einen Tag der Abrechnung, der dieses zum Hauptgegenstand hat. Liegt der hieran tief Glaubende richtig, hat er im Diesseits im erhebenden Bewusstsein des Daseins eines unermesslich herrlichen Schöpfers und Seiner Wohltaten gelebt und geht im Jenseits in die ewige Glückseligkeit ein. Ansonsten hat er im Diesseits aufgrund seines Bewusstseins der Relativität und Kleinheit alles Zeitlichen zumindest ein Leben des Seelenfriedens und der Hoffnung gelebt. Liegt der Entkennende richtig, hat er im „besten“ Fall nur ein genussreiches kurzes Leben gehabt. Ansonsten stürzt er daraufhin in das ewige Unglück.3

Alle Versuche, dieses Argument zu entkräften, schlagen schon allein angesichts der Größe des Risikos fehl.

Es scheint sogar dasjenige Argument zu sein, das Nichtgläubige am meisten beunruhigt, denn als einzigen unter allen Einzelargumenten für die Existenz Gottes existiert für ihn ein eigener Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia, der teils chaotisch wie aufwendig versucht, es abzuwerten und zu entkräften. Hier eine Sammlung der am ehesten ernstzunehmenden unter solchen Versuchen und die Antworten, jeweils mit einem Kommentar dazu:4

Relativierungsversuch: Verzicht durch Glauben

Glaubende müssen auf einiges im diesseitigen Leben verzichten und riskieren, dies umsonst getan zu haben.

Selbst wenn - was Gott sei Dank in der Regel nicht so ist - sich das Leben des Glaubenden automatisch durch seinen Glauben gegenüber dem Leben des Nichtglaubenden um das Hundertfache verschlechterte, bliebe dies im Vergleich zu dem, was der Nichtglaubende zu verlieren hätte, verschwindend gering, da dies nur ein begrenztes Unglück wäre, dasjenige des Nichtglaubenden jedoch unermesslich groß. Hinzu kommt: Tief an den absolut einen Gott und den Letzten Tag Glaubenden (die sich dies weder nur einbilden, noch es lediglich vorgeben) geht es nicht nachweislich schlechter; eher kann es ihnen schon im Diesseits besser gehen, sowohl seelisch, als auch körperlich.5

Dies ist nachvollziehbar, wissen sie doch am ehesten um das geringe Gewicht weltlicher Schwierigkeiten im Angesicht der unendlichen Größe Gottes und der Gewaltigkeit des Jüngsten Tages, sind sogar in der Lage, solche Schwierigkeiten als Geschenke Gottes anzunehmen und wissen auch das geringste Wohlergehen als Gabe Gottes zu schätzen, ganz zu schweigen vom mit Glück und Ergriffenheit erfüllenden Bewusstsein um die Gegenwart und Herrlichkeit Gottes.

Relativierungsversuch: Unfähigkeit zum Glauben

Das Argument ist sinnlos, denn ohnehin niemand kann willentlich an Gott glauben.

Das ist eine pauschale Behauptung, die durch nichts hinreichend belegt ist. Jedem gesunden (!) Menschen stehen innere Strategien zur Verfügung, sich zu einer zunächst noch nicht gehegten Überzeugung durchzuringen, soweit nichts ernsthaft gegen diese spricht, und gelinge dies auch erst nach einer gewissen Zeit. Oft genügt es, häufig die Natur kontemplativ zu betrachten und auf sich wirken zu lassen.

Relativierungsversuch: Spezifizierungsrisiko

Das Argument bezieht sich doch auf eine ganz bestimmte Gottheit mit spezifizierten Eigenschaften und Forderungen. Das Risiko des Glaubenden, den maximalen Verlust zu erleiden, indem er eine falsche Spezifikation vornimmt bzw. an die falsche Gottheit glaubt, ist genau so groß wie das Risiko desjenigen, der an überhaupt keine Gottheit glaubt.

Dieser Relativierungsversuch schlägt fehl, denn:

Relativierungsversuch: Göttliche „Egozentrik“

Führt sich das Argument nicht selbst ad absurdum, indem es Gott als egozentrisch darstellt und ihm hierdurch eine (zumindest moralische) Unvollkommenheit zuschreibt?

Forscht man nach der Grundlage dieses Einwands, stellt er sich als zirkulärer Fehlschluss heraus: Die Gründe, warum Hochmut, Überheblichkeit und übertriebene Selbstbezogenheit beim Menschen verurteilenswert sind, sind zweierlei: 1.) Der Mensch stellt sich dadurch über andere Menschen, obwohl alle Menschen in ihrem Menschsein als gleichrangige Wesen geboren sind. Hierdurch nimmt er sich ein Recht heraus, das Gott  ihm nicht gegeben hat. 2.) Er setzt sich in Konkurrenz zu Gott bzw. begibt sich in die Gefahr des Versuchs, die Höchstrangigkeit Gottes zu relativieren. - Gott aber ist der Schöpfer des Menschen und selbst kein Menschenwesen, niemand ist mit Ihm gleichrangig, Sein Wille ist die Quelle aller Rechte, und ein Einwand, der lautet, mit Seiner Selbstverherrlichung setze Er Sich zu Sich selbst in Konkurrenz, wäre absurd.

Relativierungsversuch: Bewertung eines „berechnenden“ Glaubens

Ist es nicht armselig, allein aus Berechnung und ‚Sicherheitsgründen’ zu glauben? Müsste man nicht eher erwarten, dass eine erhabene und weise Gottheit gerade Individuen, die nur aus diesem Grund an sie geglaubt haben, den ewigen Lohn vorenthält?

Dazu lassen sich mehrere Dinge sagen:

4. „Transzendentale Dialektik“

Die folgenden Darlegungen würde Kant in den Bereich einordnen, den er „Transzendentale Dialektik“ nennt, und zwar im zunächst scheinbar degradierenden Sinne, zumal Darlegungen dieser Art seiner Meinung nach die Erkenntnis des Menschen nicht wirklich erweitern. Nichtsdestotrotz resultieren Betrachtungen dieser Art ihm zufolge aus der Natur der menschlichen Vernunft, und er hält fest, dass die Konzepte, zu denen sie führen, von höchster Wichtigkeit sind. Die Bewertung und Erörterung dieser Ansicht soll später an anderer Stelle erfolgen. Vorerst möge es genügen, die Betrachtungen allgemeinverständlich zu gestalten und unabhängig von der erkenntniskritischen Bewertung zu zeigen, wie unausweichlich der Glaube an Gott  für die Vernunft ist. Selbst wenn sich in einer genaueren Studie herausstellen sollte, dass keine der Darlegungen objektiv als Beweis einzustufen sei, dürfte es klar sein, dass ihre direkte Vernunftnähe (für Kant beruhen solche auf einer vernunftgemäßen „Illusion“) in Kombination mit der äußersten ethischen Erforderlichkeit des Glaubens an Gott eine absolute Unausweichlichkeit ergibt. Denn im Angesicht der ethischen Pflicht mag sich mancher damit herausreden wollen, eine reine Pflicht, an etwas zu glauben, dauerhaft zu erfüllen, sei zu schwer, wenn das, woran zu glauben sei, nicht nahe liege. Mit diesen Betrachtungen, die wohl jedem so oder ähnlich begegnet oder in den Sinn gekommen sind, ist eine solche Ausrede jedoch nicht mehr möglich:

Infiniter Regress?

Wenn man sich nicht die Welt wie den Baron Münchhausen als sich selbst am eigenen Zopf aus dem Sumpf des Nichtseienden ins Dasein ziehend denken möchte, bleibt eigentlich nur noch ein scheinbar ernstzunehmender Einwand: Im Prinzip haben die Betrachtungen allesamt gemeinsam, dass sie auf die Notwendigkeit einer Bedingung, einer Grundlage oder einer Ursache für momentan Gegebenes hinweisen. Diese Notwendigkeit ist zwar offensichtlich, doch könnte nicht die Grundlage selbst eine Grundlage haben und diese wiederum und so weiter, bis ins Unendliche, so dass es keinen einzelnen Besitzer der Eigenschaft der Urewigkeit gäbe?

Antwort: Ketten einander bedingender Elemente mögen rational akzeptabel sein, nicht aber solche, die ins Unendliche zurückreichen. Aus der Welt ist uns zwar bekannt, dass der Zustand eines Dinges scheinbar von dem eines anderen und der Zustand dieses anderen wiederum vom Zustand eines anderen usw. abzuhängen scheint, doch nirgendwo geht es bruchfrei bis ins Unendliche. Mit diesem und anderen Aspekten zusammenhängende Unterbetrachtungen rücken die rationale Akzeptabilität eines infiniten Regresses in weite Ferne:

5. Fazit

„Ich glaube nur an das, was ich sehe“, antwortete mir mal ein Mann, den ich gefragt hatte, ob er an Gott glaube. Mein entgegnender Hinweis lautete: „Strom können Sie doch auch nicht sehen.“ „Den kann ich aber fühlen.“ Da ich mich nicht zur Frage versteigen wollte, ob er schon einmal in seinem Leben einen Stromschlag erlitten habe, setzte ich anders an. Stellen wir uns eine Höhle in einer Winterlandschaft vor. Die Schneedecke ist völlig unberührt, mit Ausnahme von Fußspuren eines Tieres, z.B. eines Bären, die in die Höhle hinein-, nicht aber wieder hinausführen. „Was befindet sich in der Höhle?“ Der Mann hatte verstanden; er stimmte dem Argument nickend und ohne weitere Einwände zu.

Freilich sind die Fußspuren kein absoluter Beweis dafür, dass sich in der Höhle im Augenblick ein Bär befindet, schließlich gibt es noch die geringe Wahrscheinlichkeit, dass die Höhle einen momentan nicht sichtbaren Ausgang hat, durch den er die Höhle verlassen haben könnte. Oder er wurde von einer außerirdischen Macht an einen anderen Ort gebeamt. Oder er ist in einen unterirdischen See gefallen und inzwischen von Piranhas komplett verspeist worden... Aber die Spuren in Kombination mit den Sicherheitsbedenken angesichts der von Bären ausgehenden Gefahr genügen völlig, um nicht arglos in die Höhle hineinzuspazieren, sondern mit unserem geistigen Auge einen in der Höhle befindlichen Bären zu sehen, durch dessen Vorstellung wir vom Eintritt abgehalten werden.

Wenn man sich nun bewusst bleibt, dass dieses kleine Gleichnis nicht einmal so ausführlich ist wie die vorangegangenen Betrachtungen dieses Artikels, ist erst recht klar: Die Existenz Gottes ist eine intuitive Selbstverständlichkeit, ihre Anerkennung eine ethisch unverhandelbare Grundpflicht, fest von ihr auszugehen die größte und wichtigste aller Sicherheitsmaßnahmen und das damit zusammenhängende Konzept das edelste Produkt der Vernunft - nicht zuletzt diese vier Tatsachen in Kombination konstituieren die Unausweichlichkeit des Glaubens an die urewige Wahrheit: Ob man seinem geistigen Auge nun trauen möchte oder nicht, Gott ist hinsichtlich Seiner Existenz sichtbar, wenn auch Sein Wesen weder für das materielle noch für das geistige Auge erreichbar ist.

Eine erheblich weitergehenden Ansprüchen genügende Darlegung, welche tiefschürfend auf die wichtigsten Einwände eingeht und ein angemessenes erkenntnistheoretisches Fundament ausarbeitet, steht indes noch aus und wird noch folgen, so Gott will.


1 Hierfür soll der Artikel entweder um einen zweiten Teil erweitert werden oder sich ein zweiter zu ihm hinzugesellen.
2 In der geplanten Arbeit wären Entwürfe zu erörtern, die bei der Begründung von Ethik ohne die Rückführung auf die göttliche Autorität auszukommen vorgeben.
3 Die Argumentation wird heutzutage häufig auf den französischen Mathematiker Blaise Pascal (1623-1662) zurückgeführt. In Wirklichkeit dürfte sie das latente Motiv der meisten Glaubenden seit Urzeiten darstellen. Der Ehrwürdige Koran scheint an vielen Stellen auf die Struktur des Arguments Bezug zu nehmen bzw. diese aufzugreifen (z.B. Suren 6:81, 41:52, 79:45, 87:10), wenn auch nicht unbedingt in erster Linie, um für die schiere Existenz Gottes zu argumentieren, welche hierfür einfach zu selbstverständlich ist.
4 Die kursiv dargestellten Sätze sind keine wörtlichen, aber inhaltlich Wiedergaben der Relativierungsversuche, deren Formulierung von mir stammt.
5 Im Spätsommer 2005 berichtet die Deutsche Presseagentur (dpa) via Handelsblatt u.a.: Religiöse Meditation wirkt einer Studie zufolge deutlich intensiver als andere: Demnach sind Menschen, die spirituell meditieren, deutlich erholter und schmerztoleranter als solche, die «säkulare» Meditation praktizieren. Als Erklärung könnte eine Art Placebo-Effekt in Betracht kommen, berichtet das britische Fachblatt «New Scientist» (Nr. 2515, S. 9) in seiner kommenden Ausgabe. Amy Wachholtz und Kenneth Pargament von der Bowling Green State University in Ohio (USA) rekrutierten für ihre Untersuchung 75 Studenten, die unabhängig von ihren Glaubensüberzeugungen in drei Gruppen eingeteilt wurden. Eine Gruppe meditierte zwei Wochen täglich über Sätze wie «Gott ist Liebe» oder «Gott ist Frieden», die zweite sagte sich «Ich bin froh» und «Ich bin glücklich». Die Probanden der dritten Gruppe sollten sich schlicht entspannen. Zu Beginn und zum Ende der Testphase sollten die Probanden dann ihr Befinden einschätzen - dabei verzeichnete die spirituelle Gruppe den stärksten Angst-Rückgang. Auch die zwei mal gemessene Schmerztoleranz war hier deutlich höher: Die Probanden konnten ihre Hände mit anderthalb Minuten fast doppelt so lange in eisiges Wasser halten wie die anderen. Wachholtz sagte dazu: «Es liegt offenbar etwas in der spirituellen Meditation, das durch säkulare Meditation nicht im gleichen Maß erreicht werden kann. Aber wir wissen nicht, was es ist.» Die emeritierte Professorin Elizabeth Valentine von der Royal Holloway University in London glaubt an einen Placebo-Effekt: Die Teilnehmer der spirituellen Gruppe hätten vermutlich von vornherein die deutlichsten Effekte erwartet, weil sie an einer «richtigen» Meditation teilgenommen hätten. Die Psyche habe dann unbewusst diese Erwartungen selbst erfüllt. - Ein weiteres Beispiel: Fastende Muslime wundern sich darüber, dass Nichtglaubende sich über ihr Fasten wundern. Dies zeigt, wie schwer vielen Nichtglaubenden der Verzicht auf irdische Genüsse fällt, folglich ist jede mit Verlust verbundene irdische Schwierigkeit für viele Nichtglaubende weit größer als ganz derselbe für einen tief Glaubenden. - Siehe auch: „Why I no longer believe religion is a virus of the mind“ von Susan Blackmore.
6 Beispiel zur Erklärung: Ein Waldspaziergänger, den der Appetit überkommen hat, und der um sich herum nun viele nahrhaft aussehende Pilze erblickt und weiß, dass es giftige Pilzarten gibt, sich ansonsten jedoch überhaupt nicht mit Pilzen auskennt, wird, wenn er bei Verstand ist, sich innerlich fest so einstellen, als seien alle in seinem Blickfeld befindlichen, möglicherweise giftigen Pilze tatsächlich hochgiftig, um ja nicht in die Versuchung zu geraten, einen von ihnen anzurühren. - Natürlich würde er auf eine entsprechende Frage hin nicht behaupten, sie seien tatsächlich giftig. Dies liegt allerdings zum Einen daran, dass hier die Gefahr besteht, sich noch in nächster Zeit mit einem Irrtum zu blamieren, zum Anderen auch daran, dass an sich der Verzehr des Gifts und nicht das Nichtglauben an die Giftigkeit befürchtet wird.
7 Beispiel zur Erklärung: Die Wahrscheinlichkeit, als Autofahrer mit 30 km/h gegen ein anderes Auto zu stoßen oder eine Vollbremsung durchführen zu müssen, ist nicht geringer als mit 150 km/h auf der Autobahn. Dennoch haben wir weniger Verständnis für jemanden, der eine Minute lang mit 150 km/h, als für einen, der dieselbe Zeitspanne mit 30 km/h unangeschnallt fährt. Der Grund für das geringere Verständnis liegt also nicht in der Höhe der Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines Unfalls, sondern in seinem zu erwartenden Ausmaß. - Oder, um zum Pilzbeispiel aus der vorangegangenen Fußnote zurückzukehren: Wenn in der Vorstellung des unwissend-klugen Waldspaziergängers - vielleicht aufgrund einer Fehlinformation - die Giftigkeit von Pilzen maximal darin besteht, leichte, kurzzeitige Magenschmerzen zu bereiten, wird er vermutlich einen Pilz pflücken oder sich wenigstens wiederholt unsicher fragen, ob die Pilze nicht doch unschädlich sind und er einen probieren sollte. Womöglich wird er sich sogar dazu durchringen, die Pilze grundsätzlich als genießbar anzusehen, um sich überwinden zu können. Wenn es hingegen in seiner mangelhaft informierten Vorstellung Pilze gibt, deren Gift beim ersten Bissen den Kostenden unter grässlichen Schmerzen an Ort und Stelle tötet, wird er sich innerlich wiederum fest so einstellen, als seien alle Pilze dieses Waldes tödlich, solange er nichts Genaueres weiß.
8 Die Ansicht, die Macht oder das mögliche Ausmaß des Verlusts sei begrenzt, selbst wenn sie noch als unermesslich betrachtet wird, ist letztlich eine Geringerschätzung um ein Unendlichfaches, gemäß dem Verhältnis des Begrenzten (gleich welchen Ausmaßes) zum Grenzenlosen. Wie aus den vorigen Fußnoten ersichtlich, führt die Geringschätzung zu erwartender Ausmaße zur Verringerung der Sicherheit.
9 Wer von Kriterien ausgeht, die nicht im Mindesten erfüllbar sind, gleicht im Endeffekt jemandem, der von überhaupt keinen Kriterien ausgeht. - Wer von unerfüllbaren, sinnlosen oder überhaupt keinen Kriterien ausgeht und am Ende als Gescheiterter erfährt, dass sie doch sinnvoll und naheliegend waren, dessen Reue wird unschätzbar größer sein, als wenn er von sinnvollen und naheliegenden Kriterien ausgeht und am Ende ihre Sinnlosigkeit erfährt.
10 Hier ließe sich ein Einwand mit dem Hinweis auf die Möglichkeit unterschiedlich mächtiger Unendlichkeiten in der Cantorschen Mengenlehre führen. Es ist jedoch höchst zweifelhaft, dass diese „Möglichkeit“ für die Frage der aktualen Unendlichkeit eine Rolle spielt.